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Jodorowsky / Fructus: Showman Killer 2: Das goldene Kind

11.07.2012

Sag mir, wo die Menschen sind

Im zweiten Band von Showman Killer brennt Jodorowsky wieder ein buntes Bilderfeuerwerk ab. Diesmal hat aber auch die Narration mehr Tempo gewonnen – und macht einen entscheidenden Mangel  bemerkbar: BORIS KUNZ vermisst in der Space Opera die Andockstelle für Emotionen.  

 

Der epische Kampf um den Kosmos geht in eine neue Runde, die zweite von dreien. Showman Killer ist jetzt nicht länger dem Meistbietenden hörig, sondern durch den Bann einer Magierin in die ultimative Beschützerrolle gedrängt: Er ist verantwortlich für ein Kind, von dessen Wohlergehen - wie sollte es anders sein? - das Schicksal des Universums abhängt.

 

In seinen zahlreichen Gestalten muss der Killer dieses Kind nicht nur vor den Invasionsflotten und Biorobotern des Imperiums beschützen, sondern es auch mit selbstgenerierter Muttermilch stillen. Um sich letztere Peinlichkeit auf Dauer zu ersparen, lässt er den Kleinen dann schließlich schnell ein paar Jahre älter werden. Derweilen gelingt es der größenwahnsinnigen Suprahierophantin sämtliche Macht des Imperiums auf sich zu vereinen – hauptsächlich mit dem Ziel, den Schützling des Showman Killer zu vernichten.

 

Weltraumschlachten und Elternpflichten

Die Fronten klären sich also, die Figuren positionieren sich in einem klassischen Kampf Gut gegen Böse voll märchenhafter Symbolik. Der nette Twist der Geschichte ist leider gleichzeitig ihr Hahnenfuß: Der Held, der im Brennpunkt dieses Kampfes steht, ist weder ein strahlender noch ein gutmütiger, aber unfreiwilliger Held, sondern eine gefühllose Vernichtungsmaschine. Um das  Potential einer solchen Hauptfigur herauszuarbeiten, dazu ist die ganze Story leider in zu groben Strichen entworfen. Jorodowsky hat vergessen, seine beeindruckenden Kulissen mit Menschen zu füllen – bzw. mit Figuren, deren Emotionen wir in diesem kosmischen Irrsinn noch folgen können.

 

Showman Killer wurden menschliche Gefühle operativ entfernt und er kann sich in so ziemlich alles verwandeln, was man sich denken kann, beispielsweise in einen Weltraumtintenfisch oder ein kämpfendes Prisma. Das ist interessant, das ist witzig und bizarr, das ist einfallsreich – aber nicht wirklich spannend. Als Heldenfigur will Showman Killer einem nicht so richtig ans Herz wachsen, auch wenn er vom unbesiegbaren Superkiller zum immerhin mehrfach in Lebensgefahr geratenden, rebellischen Outlaw mutiert, der sich gegen eine kosmische Verschwörung zur Wehr setzen muss. Die Motivation dafür kommt aber nicht von ihm, sondern durch den Bann der „guten Zauberin.“  Das kürzt die Erzählung um ein beträchtliches Stück ab – um eines, das eigentlich das Herzstück hätte werden können.

 

Die Sidekicks - ein devotes Echsenwesen als des Killers treuer Diener und ein Baby, das sich in einen altklugen und recht blassen Juniormessias verwandelt - geben zwar brauchbare Dialogpartner ab, sind aber eher funktional als faszinierend oder gar witzig. Bizarre Nebenfiguren wie der Hofnarr mit dem Seehundgesicht und der Omnimonarch, der aus Trauer um seine verstorbene Familie allen Menschen auf seinem gigantischen Palastsatelliten völliges Schweigen verordnet hat - diese Figuren geraten auf eine merkwürdige Weise in den Vordergrund, weil man mit ihnen als Leser weitaus mehr anfangen kann als mit dem Helden.

 

Blutarmes Gemetzel

Jodorowskys Szenarien waren noch nie besonders lebensnah, aber John Difool, den Detektiv der Klasse R mit seinem Durchschnittsgesicht, seinem Pferdeschwänzchen und seiner Betonmöwe konnte man irgendwie so ins Herz schließen, dass man bereit dazu war, sich auf den abgefahrensten New Age-Shit einzulassen. Hier bleibt man etwas auf Abstand.

 

Man wirft als Zaungast einen Blick in ein faszinierendes Universum, aber man ist nie involviert. Schade, denn einige der Bilder machen Lust darauf, diese Welt näher zu erkunden, etwa der Labyrinthplanet, der aus einem großen dreidimensionalen Puzzle besteht, in dem oben und unten nicht definiert sind und wo die Flüsse in der Tradition eines McEscher in einer endlosen Spirale fließen.

 

Der Zeichner Fructus versorgt das Auge weiterhin gekonnt mit großartigen Gemälden und bringt dabei das Kunststück fertig, selbst die verstiegendsten Actionsequenzen, die sich auf dem Papier sicherlich sehr kompliziert gelesen haben müssen (Etwa: Showman Killer bekämpft ein in tausend kleine Kampfeinheiten zerplatztes Raumschiff, indem er sich in einen unendlich langen Faden verwandelt) mit Bildern zu versehen, die ihr düsteres Pathos nicht verlieren. Showman Killer bleibt auf alle Fälle zumindest ein „sehenswertes“ Album.  

 

Hin und wieder gibt es auch ein paar visuell verstörende Momente, etwa die Art und Weise der Suprahierophantin, sich durch Ausstülpen ihrer Eingeweide zu ernähren. Man hat sowieso ein bisschen das Gefühl, dass Jodorowsky hier und da eher willkürlich noch etwas Blut und Eingeweide in die Geschichte streut, um die im ersten Band so ausgiebig zelebrierte Brutalität nicht ganz aus dem Rennen zu nehmen. Vielleicht hat er ja selbst gemerkt, dass ihm die Reihe ein wenig blutarm zu werden droht – wenn auch auf einem anderen Level. Trotzdem darf man gespannt sein, womit Showman Killer im nächsten Band noch so auffährt.

 

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