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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:27

    Garth Ennis: Jennifer Blood

    11.07.2012

    »Hausfrau und Mom mit Knarre - Garth Ennis halt.«

    Mit diesen Worten war Jennifer Blood auf unserer internen Liste der Neuerscheinungen kurz beschrieben. BORIS KUNZ kann dem nur noch wenig hinzufügen.

     

    Es mag eine Zeit gegeben haben, als die Idee, eine Serie über eine Frau zu machen, die sich tagsüber liebevoll um Familie und Haushalt kümmert und nachts in einer engen Lederkluft Blutbäder in der Unterwelt anrichtet, tatsächlich so originell war, dass ein Autor sie über eine weite Strecke hätte melken können, ohne gezwungen zu sein, sich durch überragende handwerkliche Qualität von anderen ähnlich strukturierten schrägen Rächer-Plots abzuheben. Doch diese Zeit ist vorbei. Jennifer Blood kann sich nicht auf den Abgefahrenheits-Faktor verlassen, sondern wird sich unter einer strengeren Betrachtung bewähren müssen. Und da kommt die Serie nicht sonderlich weit.

     

    Lack statt Sex

    Der Einstieg ist zunächst noch ganz gelungen, denn Ennis beginnt nicht mit der Entstehungsgeschichte seiner Rächerin sondern wirft uns gleich mitten hinein in ihr seltsames Doppelleben, wobei ihm durch die Gegenüberstellung ihres Hausfrauendaseins und ihrer Passion als Ein-Frau-Armee einige gute Gags gelingen. Der Trick, sich dabei ihrer Tagebucheinträge als Voice Over zu bedienen, ist nicht neu, aber effektiv, denn der Witz der Geschichte liegt nicht in dem, was die Frau tut, sondern in ihrer Attitüde: Mit derselben spießigen Akribie, mit der sie zwischen dem wirkungsvollen und dem umweltfreundlichen Putzmittel abwägt, wägt sie auch zwischen 9mm und Kaliber 38 Munition ab. Während sie nachts ihre üppige Oberweite in ihrem hautengen ledernen Kampfanzug derart zur Geltung bringt, dass sie zur Ablenkung ihrer männlichen Gegner dient, hat sie zu dem morgendlichen Sex mit ihrem Ehemann nur zu sagen: »Es war nett, nach dem massiven Adrenalinschub etwas eher langweiliges zu tun.«

     

    Doch wer eine gebrochene, zwiespältige, gar schizophrene Figur erwartet der ist hier im falschen Comic. Egal ob Jennifer ihrem Sohn Nachhilfe in Mathe gibt oder die Leibwächter eines Gangsterbosses mit einem Präzisionsgewehr ausschaltet, sie bleibt die gleiche Figur: Kontrolliert, perfektionistisch, selbstkritisch und fast immer absoluter Herr der Lage. Sie ist als Hausfrau genauso beängstigend perfekt, sexy und übermenschlich wie als Killerin. Und da schnell klar wird, dass sie nicht im Dienste einer heiligen Mission, sondern einer ganz persönlichen, in ihrer Vergangenheit verwurzelten Fehde handelt, ist die Spannung, die sich aus der grundsätzlichen Dualität der Figur hätte ergeben können, schnell verschwunden. Ennis erzählt hier eine altbekannte Geschichte, einen klassischen Racheplot, in dem die Frage »Wie kommt eine Hausfrau dazu, Verbrecher zu bekämpfen?« bald ersetzt wird durch die wesentlich profanere Frage »Warum hat die Killerin sich vor ihrem lange geplanten Rachefeldzug erst eine Familie angeschafft?«

     

    Am Ende des Albums hat Ennis dann alle diese Fragen beantwortet und ein rundes Bild seiner Heldin abgeliefert, das sogar psychologisch stimmig erscheint (sofern man bei einem Comic dieser Machart von so etwas sprechen darf). Doch genau damit macht er ironischer weise die Geschichte erst recht kaputt. Je mehr die Teile des Puzzles sich zusammenfügen, umso vorhersehbarer und konventioneller wird das Bild, das sie ergeben. Hinzu kommt, dass Jennifer Blood von Anfang an ihren Gegnern derartig überlegen und weit voraus ist, dass sie niemals ernsthaft in Gefahr gerät – weder in die Gefahr im Kampf getötet, noch in die, vor ihrer Familie entlarvt zu werden. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass z.B. die Fernsehserie Breaking Bad mehrere Staffeln mit nichts anderem als dieser Spannung bestreitet, wird einem klar, wie viele Chancen Ennis als Autor ungenutzt gelassen hat.

     

    Viel Aufregung um nichts Aufregendes

    Die Spannungsarmut der Geschichte versucht er durch eine Anhäufung von Gags und vor allem möglichst brutalen und einfallsreichen Hinrichtungsmethoden wett zu machen. Wenn wir schon nicht mit dem Schicksal der Hauptfigur mitfiebern können, sollen wir uns wenigstens daran erfreuen, wie blutrünstig sie ihre Gegner zur Strecke bringt. Doch auch hier hat sich Ennis ein Bein gestellt: Dadurch, dass er erst sehr spät in der Geschichte verrät, wofür Jennifer sich überhaupt an den Gangstern rächt, sind die meisten davon zum Zeitpunkt ihres brutalen Todes für den Leser einfach nur irgendwelche fiesen Hackfressen, und man kann mit ihrem Tod keinerlei Emotionen verbinden, auch keine Schadenfreude. Man muss schon sehr speziell veranlagt sein, um an dem Gemetzel, dass Ennis anrichtet, dann noch viel Komisches zu finden.

     

    Wenn man die einzelnen Sequenzen und Figuren betrachtet, kann man dem Comic nicht wirklich vorwerfen, einfallslos zu sein. Aber leider merkt man all den Einfällen in der Geschichte, etwa der kurzzeitig als Antagonisten aufgebauten, weiblichen Ninjatruppe an, dass sie um der Originalität willen originell sein wollen. Ennis muss am laufenden Band Tarantinoesken präsentieren, weil der emotionale Faden, der seine Geschichte notdürftig zusammenhält, zu dünn ist, um einen wirklich bei der Stange zu halten. Bei Preacher waren all die schrägen Nebenfiguren, die ständigen Ausbrüche in Exploitation, Splatter und Zoten nur die Garnitur einer Story, in der es um große Themen ging, um Treue und Verrat, Freundschaft und Liebe und Aufrichtigkeit, und in der man die meiste Zeit auf Augenhöhe der Helden war. Es ist nicht das Niveau von Ennis´ Einfällen, die die Lektüre von Jennifer Blood zu einem schalen Vergnügen machen, es ist die Tatsache, dass Ennis mit dieser Geschichte nichts zu sagen hat.

     

    Die Zeichnungen reißen es leider auch nicht raus. Die verschiedenen, recht unbekannten Zeichner bemühen sich nur halbherzig um einen einheitlichen Look für die gesamte Geschichte. Ihr gemeinsamer Nenner ist eher, dass sie alle mehr oder weniger solide Durchschnittsware abliefern, die das übliche Niveau von Auftragsarbeiten im Bereich amerikanischer Heftchenproduktionen nicht übersteigen. Irritationen entstehen dadurch, dass die Zeichner jedoch teilweise mitten im Kapitel unvermittelt wechseln, was bedeutet, dass einige von ihnen inmitten einer Heftausgabe den Stift an einen Kollegen abgegeben haben müssen, als hätten sie selbst auch wenig Bock auf die Geschichte gehabt.

     

    Am Ende bleibt eine Ansammlung von einigen guten, ein paar schwachen und ein paar verstörenden Momenten in einem nicht wirklich aufregenden Comic, den man schnell gelesen und schnell wieder vergessen hat.

     

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