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    Dienstag, 22. August 2017 | 03:48

    Matthias Gnehm: Die Bekehrung

    11.04.2012

    Liebe, Glaube, Hoffnung

    Um ein Mädchen für sich zu gewinnen, sollen schon manche ihre Seele an den Teufel verkauft haben. Aber an Gott? Matthias Gnehm erzählt in Die Bekehrung von der missionarischen Kraft eines hübschen Gesichts. Ein bemerkenswerter Comic, findet ALEXANDER FRANK.

     

    Der 14-jährige Kurt ist schon länger von seiner Klassenkameradin Patrizia fasziniert. Ein Foto von ihr, aus einer Zeitung ausgerissen, hütet er wie einen Schatz. Allerdings ist sie ein Jahr älter und damit nahezu unerreichbar. Ein Freund, der seine geheime Leidenschaft durchschaut hat, schlägt ihm vor, mit ihm in die Bibelgruppe zu kommen, die auch Patrizia besucht.

     

    Kurt ist einverstanden und gerät so in den Bann eines Pfarrers, der neben Bibeltexten seine ganz eigenen suggestiven Methoden einsetzt, um die Kinder auf den einzig richtigen Weg zu bringen. Als Kurt schließlich seine „Bekehrung“ bekannt gibt, zieht er nicht nur den Spott seiner großen Schwester auf sich, die sich – wir befinden uns im Jahr 1984 – lieber zu „The Cure“ bekennt. Seine unreligiösen, aber gleichwohl toleranten Eltern machen sich Sorgen, denn der Pfarrer wurde von seiner letzten Stelle entlassen, weil er Kinder manipuliert habe.

     

    Eine graphische Novelle

    Der Glaube an Gott scheint die Liebe zu Patrizia in den Hintergrund zu drängen, bis etwas Ungeheuerliches passiert. Anschließend gesteht Patrizia Kurt ihre Liebe, worauf dieser sowohl seinen Glauben wie Patrizia verliert. Die unerhörte Begebenheit, auf die die Handlung geschickt zusteuert, die dann aber doch unvermutet aus dem Hinterhalt springt, ist in den Augen von Patrizia ein Wunder, Kurt vermutet dagegen ein Verbrechen. Die Bekehrung ist der Erzählstruktur nach eine klassische Novelle. Es gibt eine Rahmenhandlung, in der Kurt – mittlerweile Journalist, der über Architektur schreibt – in seine Heimatstadt fährt und sich an die Ereignisse 25 Jahre zuvor erinnert. Die Geschichte wird schnörkellos entwickelt und lässt sich trotz ihrer 300 Seiten schnell auf einen Zug durchlesen.

     

    Die Zeichnungen unterstützen einerseits diese konzentrierte Geradlinigkeit, andererseits setzen sie aber auch Kontrapunkte. Die Gesichter sind auf Punkte und Linien reduziert, in den Nahaufnahmen der Dialoge gibt es wenig Details, die vom Wesentlichen ablenken könnten. Immer wieder öffnet sich aber die Perspektive zu weiten Panorama-Ansichten, in der die Menschen zu kleinen Flecken werden oder ganz verschwinden. Angesichts des Themas könnte man von einem olympischen, also göttlichen Blickwinkel sprechen, aber der Erzähler ist ja der erwachsene Kurt, der Architekturtheoretiker, der mit analytischem Blick auf die Siedlungsstruktur seiner Heimat blickt, über die er einen Artikel schreiben soll.

     

    In den Ansichten des Dorfes, das manche als das hässlichste des Landes bezeichnen, klingt ein zweites Motiv an, das ganz am Ende ausgesprochen wird: die Möglichkeit des Menschen, die Erde in sein Paradies zu verwandeln. Der enttäuschte Glaube an ein Jenseits wendet sich so zu einer Hoffnung für das Diesseits, dessen Erscheinungsbild aber alles andere als paradiesisch ist. Statt einen blühenden Garten haben sich die Menschen eine Betonwüste angelegt.

     

    Matthias Gnehm arbeitet außer als Comic-Zeichner auch als Architekt. Man merkt dies nicht nur an den Skizzen der Stadtlandschaften, sondern auch an der präzisen Konstruktion seiner Erzählungen. Sein komplexer, selbstreferenzieller Comic Das Selbstexperiment - der sich in das Buch Geist eines angeblichen Peter Röller verwandelt, wenn man den Schutzumschlag abnimmt - war labyrinthisch angelegt. Die Bekehrung ist dagegen einfach und klar gebaut, wie die Kirche des Dorfes, von der es im Comic heißt: „Sie war schlicht und schön. Aber was sich im Innern abspielte, war alles andere als schön.“

     

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