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Simon Schwartz: Packeis

14.06.2012

Der Assistent des Robert Peary

Das Medium Comic hatte schon immer eine große Liebe für die Sidekicks großer Abenteuerer. Simon Schwartz macht in seiner Graphic Novel aus Mathew Henson, dem schwarzen Begleiter des Nordpol-Entdeckers Robert Peary, eine tragische historische Figur. Von BORIS KUNZ

 

In dem Tim und Struppi-Klassiker Der geheimnisvolle Stern liefern sich zwei Schiffe einen Wettlauf zu einem im Meer gelandeten Asteroiden. Das Schiff der Helden ist die Aurora, benannt nach dem geheimnisumwitterten Nordlicht, während das Schiff der gemeinen Widersacher nach dem Entdecker des Norpols Peary benannt ist. Dies wirkt wie eine Verklausulierung jenes (sehr umstrittenen) historischen Geschehens, das Packeis beschreibt: Bereits mehrere Stunden vor dem ehrgeizigen Peary - dem es  um den profanen Entdeckerruhm ging - war sein farbiger Assistent Matthew Henson - der mit der Mythenwelt der Inuit in lebendiger Beziehung stand - vor Ort und wartete dort auf ihn, der Eingebung folgend, am richtigen Ort zu sein. Ruhm oder auch nur Dankbarkeit erfährt Henson dafür nicht. Es dauert dreißig Jahre, bis ihm jene Orden und Ehrenmedaillen zuteil werden, die man zunächst einzig Peary selbst zuerkennt. Denn in den Augen der Welt - und noch viel schlimmer: wohl auch in seinen eigenen Augen - war Henson nichts anderes als Pearys harmloser Sidekick.

 

Eine problematische Hauptfigur

Mit 12 Jahren heuert der Waisenjunge Matt Henson auf einem Schiff an und erhält dort, so erzählt es uns diese Geschichte, durch den gutherzigen Kapitän eine wichtige Lektion, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird: Die Benachteiligung, die ein Schwarzer durch seine Hautfarbe erfährt, macht er besser nicht durch seine Fäuste wett, sondern indem er durch Intelligenz und Wissen glänzt.

 

Klingt zuerst ganz gut, doch irgendwann kann man sich fragen, ob der Kapitän Matt damit wirklich einen Dienst erwiesen hat. Als Matthew einige Zeit später in die Dienste von Robert Peary gerät, der eigentlich nur jemanden sucht, der seine Hemden bügelt, wird er in Stille und Bescheidenheit zu einem begabten, treuen, zuverlässigen und irgendwann unentbehrlichen Helfer - ohne die ihm zustehende Anerkennung dafür jemals zu bekommen. Und ohne sie jemals einzufordern. Es genügt ihm, einfach nur dabei zu sein, wenn Peary seine zahlreichen Anläufe unternimmt, den Nordpol zu entdecken. Er schluckt jede Demütigung, jedes erneute Übergangenwerden, jede ihm zugefügte Ungerechtigkeit.

 

Nicht gerade eine Eigenschaft, die den Helden einer Geschichte auszeichnet. So hat es der Comic dann auch schwer, über anekdotisches Aufreihen von Ereignissen hinauszugehen. Um die Tragik Hensons ins rechte Licht zu rücken, greift Simon Schwartz zu einem bei Biographien gerne angewandten Trick, dem Erzählen in Rückblenden. So blickt in Packeis ein alt gewordener und in der Öffentlichkeit unbedeutend gebliebener Henson am Tag seiner Pensionierung auf sein Leben zurück.

 

Auf diese Weise gelingt es Schwartz zwar ganz gut, aus einer Anekdotensammlung eine Erzählung zu machen, doch deren Fazit ist bereits auf den ersten Seiten so deutlich spürbar, dass sie arm an dramatischen Wendungen bleibt. Es passiert zwar viel, aber Henson ist nur Zeuge und Erdulder und bleibt von Anfang bis Ende derselbe passive, niemals aufbegehrende Charakter, dessen hervorstechendste Eigenschaft die bedingungslose Loyalität zu (weißen) Männern ist, die sich allesamt als ruhmsüchtige Egomanen, skrupellose Ausbeuter und neidzerfressene Schwindler entpuppen.

 

Blaupause für einen Historienfilm

Was hält einen bei der Stange bei einer Geschichte, die zwar durch den Mut zur Lücke sehr kurzweilig erzählt ist, aber wenig Anreiz bietet, sich den Figuren wirklich verbunden zu fühlen?

 

Einen wesentlichen Beitrag dazu könnte wohl das historische Flair der Geschichte liefern: die Zeit der letzten großen Entdecker und Abenteuerer, der Pioniere der Naturwissenschaften, Flussfahrten durch Südamerika, Segelschiffe, die eisige Weite der Polarregion... Doch Simon Schwartz bebildert diese Welt sehr stilisiert, anstatt sie opulent auszuschmücken. Die Zeichnungen sind klar und reduziert, wie auch die Farbpalette sich mit wenigen Grau- und Blautönen zufrieden gibt. Bei genauem Hinsehen wirkt manches dann sogar ziemlich steif; den Gesten und Gesichtsausdrücken der Figuren fehlt manchmal die Lebendigkeit, und das in einem Maße, bei dem man sich dann doch fragt, ob die Simplifizierung des Stils nicht auch ein paar Schwächen des Zeichners auffangen soll.

 

Aber möglicherweise ist gerade das die Stärke dieses Comics und der Grund, warum er in Erlangen mit dem Max und Moritz-Preis für das beste deutsche Album ausgezeichnet worden ist: Packeis punktet weniger durch dramaturgische oder grafische Brillanz, sondern führt von sich selbst weg zur historischen Vorlage. Das Album wirkt wie eine Blaupause, die den Leser (im besten Fall) dazu einlädt, im Kopf seinen eigenen Film zu drehen, die Geschichte von Matthew Henson selbst zu vervollständigen. Dies betrifft sowohl die Details, die Atmosphäre der geschilderten Welten als auch das Innenleben der Figuren. Packeis ist ein Comic, den man vor allem zwischen den Panels lesen muss.

 

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