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Bonet / Munuera: Das Zeichen des Mondes

28.11.2012

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter Trondheims Ralph Azham, bleibt Ironie nicht aus. Mit ihrem traurigen Märchen Das Zeichen des Mondes haben die beiden Spanier Bonet und Munuera einmal ganz andere Töne angeschlagen. BORIS KUNZ hat sich verzaubern lassen.

 

Die Geschichte erinnert an moderne, literarische Kunstmärchen, beispielsweise an jene von Hans Christian Andersen. Sie spielt in einer schwer bestimmbaren Zeit – irgendwo in einem kleinen Dorf inmitten geheimnisvoller Wälder, in der durchaus noch Raum für Magie und Zauberei ist, in der manche Menschen mit  Tieren sprechen können und man sich vor Flüchen und Wünschen in Acht nehmen muss. Doch weder stehen diese Elemente im Vordergrund, noch kann man sich darauf verlassen, dass im rechten Moment ein guter Zauber das Happy End herbeiführen wird. Das Zeichen des Mondes hat zutiefst menschliche Protagonisten und ist durchzogen von jener tiefen Melancholie, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass es Narben gibt, die nie wieder verschwinden, Wunden, die niemals ganz heilen, und dass die Toten für immer unter den Toten bleiben.

 

Drama in zwei Akten

Der Kern der Geschichte ist ein klassisches Drama. Da ist das schöne junge Mädchen Artemis, um die zwei ungleiche Jungen buhlen: Reisig, der scheue Außenseiter, der mit Tieren spricht, und Rufo, der Anführer jener Bande, die unter den Heranwachsenden des Dorfes das Sagen hat. Die Jagd nach einem geheimnisvollen Mond-Amulett, das beide für den Schlüssel zum Herzen der Artemis halten, führt in der Mitte des Albums zu einem tragischen Unfall.

 

An dieser Stelle macht die Geschichte einen großen Sprung und lässt die Protagonisten erst einmal erwachsen werden. Doch auch als Erwachsene entkommen sie den unglücklichen Verstrickungen nicht, die sie seit diesem Unfall aneinander binden. Rufo ist inzwischen zum tyrannischen Fürsten des Landstriches geworden, Reisig noch immer die Zielscheibe seiner Intrigen, und Artemis hat sich seit Jahren schon nicht mehr aus ihrem Zimmer gewagt, weil sie sich dem Leben nicht mehr stellen will, das ihr soviel Grausames angetan hat. Die Ankunft eines merkwürdigen Spielmanns im Ort setzt Ereignisse in Gang, die das nun ändern könnten.

 

Die fehlenden Farben des Mondlichts

Erzählerisch ist diese Geschichte um Liebe, Schuld und Eifersucht gut gelungen – sie oszilliert zwischen Märchen und Figurendrama, ihre Protagonisten zwischen Archetypen und echten Charakteren mit psychologischer Tiefe. Spirou und Fantasio-Zeichner Munuera bleibt seinem lebendigen, modernen Funny-Stil treu und erweist sich als großer Könner, wenn es darum geht, seinen Figuren Ausdrucksstärke und Lebendigkeit zu verleihen. Die eher großformatigen Bilder zeigen ganz leichte Manga-Einflüsse und erinnern an Alben von Marini (Gipsy, Der Skorpion). Zu keinem Zeitpunkt ergibt sich zwischen der Leichtigkeit der Zeichnungen und der Schwermut der Geschichte eine irgendwie unpassende Diskrepanz.

 

Das gesamte Album ist in Grautönen gehalten, was gerade bei Munueras Zeichenstil schon sehr ungewöhnlich, ja geradezu gewöhnungsbedürftig wirkt. Auf Dauer, wenn man sich einmal im Lesefluss der Geschichte befindet, trägt diese Entscheidung tatsächlich viel zu der eigentümlichen Stimmung dieses düsteren Märchens bei. Immer wenn man innehält, um die gelungenen Zeichnungen genauer zu betrachten, kommt es einem aber so vor, als hielte man die schwarz-weiß Kopie von etwas in Händen, was eigentlich andere Farben haben sollte.

 

Der Vollmond, das silberne Licht, in das er den nächtlichen Wald taucht, sein Spiegelbild am Grunde eines Brunnenschachtes – all das sind starke erzählerische und visuelle Elemente. Gerade hier hat man als Leser das Gefühl, den Bildern im Geiste immer etwas hinzufügen zu müssen, sie um die Farbe des Mondlichtes erweitern zu müssen, damit die Geschichte ihre ganze Magie entfaltet. Vielleicht entfaltet sich die Magie aber auch gerade erst dadurch.

 

Schade nur, dass Munuera nicht der Spielerei widerstehen konnte, ausgerechnet dem Kapuzenmantel von Artemis ein (wenn auch sehr verwaschenes) Rot zuzugestehen. Rein optisch verfehlt das natürlich seine Wirkung nicht, aber ein rotes Mäntelchen in schwarz-weißer Umgebung, das ist nun nicht gerade ein ganz neuer Einfall. Die Farbgebung könnte also die Gemüter etwas spalten, macht aber das, was sonst ein schönes, stimmungsvolles und solides Comicmärchen wäre, zu einem auch konzeptionell ungewöhnlichen Album. Lesenswert bleibt es allemal.

 

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