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Martin Rowson: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

18.04.2012

Vom Hundertsten ins Tausendste

Laurence Sternes Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman stellt als einer der ersten Romane gängige Erzählstrukturen auf den Kopf. Martin Rowson hat den Mitte des 18. Jahrhunderts geschaffenen Text als Comic adaptiert. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman wurde von 1759 bis 1767 in mehreren Bänden veröffentlicht. Bei dem Werk handelt es sich um eine fiktive Autobiographie, die sich allerdings eher wie eine Satire auf Autobiographien (und andere Erzählformen) ausnimmt. Immerhin kommt der Roman in knapp 1000 Seiten kaum über die Geburt seines Ich-Erzählers – die im übrigen erst nach etwa der Hälfte des Textes stattfindet – hinaus. Stattdessen beschäftigt sich der Ich-Erzähler lieber mit anderen Personen wie seinem Vater oder seinem Onkel. Und mit allerlei Denk- und Merkwürdigem, vor allem aber mit vermeintlichen Nichtigkeiten.

 

In Tristram Shandy geht es also nur am Rande um die Person, die der Erzählung ihren Namen verleiht. Vielmehr geht es um Dinge wie nachgebaute Befestigungsanlagen, um Steckenpferde (und deren Zweck), um die möglichen Schwierigkeiten, vor die man bei einer pränatalen Kindstaufe gestellt wird, um die Fallstricke der Geburtshilfe und, nun ja, um Nasen. Das alles geschieht in einem abschweifenden, ausufernden Durch- und Drüber- und Neben- und Nacheinander. Tristram Shandys Bewusstseinsstrom entwickelt ständig neue Ausläufer, die alle registriert und ein Stück weit verfolgt werden. Wiedergegeben wird diese assoziative Masse an Eindrücken mit den gestelzten Worten eines wahren Gentleman, dessen Hypotaxen sich genauso wild verzweigen wie das, was er zu berichten weiß.

 

Hin und her

Mit diesem Anti-Roman, der alles anspricht und nichts zu Ende ausführt, hat sich der britische Zeichner Martin Rowson einen harten Tobak vorgenommen. Rowson, der vor allem für seine politischen Cartoons in englischen Tageszeitungen bekannt ist, weiß jedoch, wie er mit einem derart sprunghaften Stoff umzugehen hat – eben mit der nötigen Sprunghaftigkeit. Wo Stringenz keine Rolle spielt und Spannungsbögen über unzählige Ecken aufgezogen werden, ist Experimentierfreude angesagt. Und Rowson hat diesbezüglich in die Vollen gegriffen.

 

Es ist erstaunlich, mit welch bizarren Einfällen Rowson der Geschichte, die vom Hundertste ins Tausendste geht, Herr wird. Während er sich von Kapitel zu Kapitel hangelt und die gewaltige Ansammlung an Gedankenmüll abarbeitet, erhebt er den Vorgang des Geschichtenerzählens selbst zum Thema. Er tritt als Autor der Adaption auf, bringt seinen Hund, der vom ziellosen Schwadronieren sichtlich genervt ist, mit ins Geschehen hinter dem Geschehen ein und lässt den eigentlichen Ich-Erzähler auch mal Stellung zum Erzählten nehmen: »LAUFT NICHT davon, sondern, indes wir so dahinzuckeln, lacht mit mir und über mich oder, kurzum, tut, was ihr wollt. – Nur verliert nicht die Beherrschung!!«

 

Die Gefahr, die Beherrschung zu verlieren, ist im übrigen gar nicht mal so klein. Man muss sich zugegebenermaßen ein Stück weit durch den mäandernden Stoff hindurchquälen – vor allem anfangs, solange man sich noch fragt, was das alles soll. Wer aber durchhält und sich nach und nach an den eigenwilligen Erzählstil gewöhnt, wird immer wieder mit Momenten grotesker, abwegiger Komik und wirklich gelungenen Einfällen auf der graphischen Seite überrascht.

 

Merkwürdiger Stoff in ungewöhnlichem Gewand

Überhaupt sind es die detailverliebten Schwarz-Weiß-Zeichnungen im Funny-Stil, die dem Comic seine Aha-Momente bescheren und die es verhindern, dass man vor dem schwer zugänglichen Stoff voreilig kapituliert. Zwar schlägt sich in ihnen auch das Aus- und Abschweifende der Erzählung nieder, weswegen die Bilder oft etwas überbordend daherkommen. Dafür lädt die barocke Fantasywelt des Comics - die aussieht, als wäre Gilbert Shelton Monty-Python-Mitglied geworden und hätte filigrane Kupferstiche angefertigt - zu langen Entdeckungsreisen ein, in denen man immer etwas Neues findet. Eine einheitliche Panelstruktur gibt es dabei nicht – die Art und Weise, wie die Zeichnungen in Zusammenhang gebracht werden, ist ebenso wechselhaft wie die ausufernde Thematik.

 

Die Lektüre von Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman kann durchaus von gemischten Gefühlen begleitet werden. Erste Zweifel weichen jedoch schnell der Begeisterung. Und auch wenn sich einem der sperrige Stoff verschließen sollte, so zeugt der schön editierte Band dennoch davon, welche erzählerischen Finessen die dem Comic eigene Verschränkung von Text und Bild möglich macht – denn was Rowson hier vorführt, ist wirklich eine Wucht!

 

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