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Jeff Lemire: Essex County, Bd. 1 & 2

28.03.2012

Sanfter Senkrechtstarter

In Geschichten vom Land und Geister Geschichten, den ersten beiden Teilen der preisgekrönten Trilogie Essex County, führt Jeff Lemire den Leser in die unwirtlichen Weiten der kanadischen Provinz, in die unverständliche Welt des Eishockeys sowie an die Grenze zwischen infantilen Tagträumen und der harten Realität der Erwachsenen. Von FALK STRAUB

 

Jeff Lemire ist ein Senkrechtstarter. In Ermangelung eines Verlags veröffentlichte der 1976 geborene Kanadier seinen Comic Lost Dogs 2005 kurzerhand selbst, bevor er mit einem Xeric Award in der Tasche bei Top Shelf Productions anheuerte. Seine dort publizierte Trilogie Essex County brachte ihm zwei Nominierungen für den Harvey und drei für den Eisner Award ein. Mittlerweile arbeitet Lemire an der Serie Sweet Tooth beim DC-Imprint Vertigo.

 

Was Lemire als Autor und Zeichner so begehrt macht, zeigen bereits die ersten Panels seiner Geschichten vom Land. Mit klarem, reduziertem Strich und einem Erzähltempo, das trotz starker Raffung völlig unaufgeregt wirkt, bringt er die Welt seines Protagonisten Lester Papineau zu Papier. Die Geschichte des kleinen Waisenjungen, der auf der Farm seines Onkels in der kanadischen Provinz in eine Traumwelt flieht, um den Tod seiner Mutter zu verwinden, erzählt Jeff Lemire mit atemberaubender Ruhe.

 

Vom Ballast befreit sind Papier und Panels

Das kontrastreiche Schwarzweiß seiner Tuschezeichnungen hat Lemire von unnötigem Ballast befreit. Mit nur wenigen Strichen schafft es der Zeichner, die endlosen Weiten des kanadischen Farmlands ebenso wirkungsvoll einzufangen wie die bedrückende Enge des häuslichen Hofs. Auch Lesters Tagträume, wenn er sich ein ums andere Mal als fliegender Superheld mit Maske und Cape im Kampf gegen außerirdische Invasoren imaginiert, bedürfen nur weniger Linien. 

 

Lesters Flucht in die Traumwelt unterbricht Lemire durch die schwächer werdende Erinnerung an den Tod der Mutter, die als wässrige Lavierungen auch auf dem Papier verschwimmen. Jeff Lemire gelingt dabei das Kunststück, Mitgefühl für seine Figuren zu erzeugen, ohne rührselig zu sein. Die Position von Lesters Onkel Ken kann der Leser in Geschichten vom Land ebenso gut nachvollziehen wie Lesters eigene. Und genau so unaufgeregt, wie der erste Band beginnt, endet er. Am Schluss legt der Protagonist sein schützendes Superheldenkostüm, mit dem er in seiner Vorstellung zu Beginn noch senkrecht vom Boden abhob, einfach ab.

 

Flucht in die Erinnerung

Um (Tag-)Träume, Erinnerung und Familienbande geht es auch im zweiten Teil von Essex County. Auf mehr als doppelt so vielen Seiten räumt Jeff Lemire den Brüdern Vince und Lou Lebeuf in Geister Geschichten den Platz ein, ihren kurzen Traum von einer Profikarriere im nordamerikanischen Eishockey der 1950er zu träumen. Während für Lou der Sport die Befreiung vom Farm- und Familienleben bedeutet, stellt er für Vince nur einen kleinen Abstecher dar. Nach ihrer Zeit als Kufencracks trennen sich ihre Wege. Lou bleibt als Straßenbahnfahrer in Toronto, Vince kehrt auf die Farm zurück und gründet eine Familie.

 

Kreist der erste Band der Trilogie um einen Jungen an der Schwelle zur Pubertät, stellt Jeff Lemire im zweiten einen Greis in den Mittelpunkt. Der Autor erzählt die Lebensgeschichte der Brüder aus Sicht des älteren Bruders Lou, der nach Vince’ Tod kurz vor der Einweisung in ein Altersheim steht. Zu alt, um die Farm alleine zu bewirtschaften, ohne Familie und geistig zusehends verwirrter, flieht Lou immer häufiger in seine Erinnerung.

 

Wanderer zwischen den Zeitebenen

In mehreren Rückblenden gewährt Lemire dem Leser Einblick in das Leben eines Mannes, der sich aufgrund eines unerhörten Fehltritts, der daraus resultierenden Schuldgefühle und seiner eigenen Sprachlosigkeit aus der Gesellschaft zurückzieht. Durch visuelle Analogien, die an filmische Match-Cuts erinnern, springt Lemire in seiner Erzählung scheinbar mühelos zwischen den Zeiten hin und her. Durch eine virtuose Seitenarchitektur, die zwischen Split-Screens und Parallelmontage wechselt, stellt er die Lebensläufe der beiden Brüder nebeneinander.

 

Lemires Zeichnungen besitzen etwas Magisches. Wenn Lou als alter Greis in seinen Erinnerungen Platz nimmt oder vor seinem inneren Auge mit der Straßenbahn über die heimischen Felder fährt, entfalten die Panels eine enorme Wucht. Lemire spart aber auch nicht an stillen Momenten. Eines der schönsten Bilder des zweiten Bandes findet der Zeichner für Lous Erinnerung an seine große Liebe. Als Lou in seinen Gedanken noch einmal ihr Gesicht berühren will, entgleitet es ihm vor seinem inneren Auge wie vor des Lesers Augen Lemires Striche entgleiten - Wolken gleich, die der Wind verweht.

 

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