TITEL kulturmagazin
Dienstag, 28. März 2017 | 17:53

Warren Ellis und Ben Templesmith: Fell - Stadt der Verdammten

04.04.2012

Polizist am Ende der Zivilisation

Fell ist ein düsterer Comic, der in einer düsteren Stadt spielt. FREDERIK WILHELMI wagt sich in die kalte Welt von Snowtown.

 

Richard Fell ist selbst kaum in einem besseren Zustand als die Stadt, in der ermitteln soll – genau wie die anderen Verlierer, die in der heruntergekommenen Mordkommission zusammen mit ihm Dienst schieben. Er wurde verbannt aus der richtigen, aus der zivilisierten Welt, aus Gründen, die zunächst nur angedeutet werden. Nun bekommt er es in Snowtown mit den Schlimmsten der Schlimmsten zu tun: Amokschützen, Serienmördern, Pädophilen. Dabei verschwinden auch für Fell immer mehr die Grenzen zwischen Richtig und Falsch.

 

Fell ist ein Experiment des englischen Autors Warren Ellis, der seit einiger Zeit versucht, die formalen Grenzen der Comics immer mehr zu erweitern. Die vorliegende Geschichte ist sehr dicht bebildert, so dass sie auf weniger Seiten erzählt werden kann, als es in den US-Seriencomics üblich ist.  Ellis und der Zeichner Ben Templesmith nutzen meistens neun Panels pro Seite. Dieses Muster wird nur selten aufgebrochen, um ein größeres, atmosphärisches Bild zu zeichnen oder Action darzustellen.

 

Ellis in der Unterwelt

Der Comic profitiert ungemein von Ben Templesmiths Zeichenstil. Die Bilder sind teils absichtlich fahrig, mit verwaschenen Farben gezeichnet, teils präzise und klar; eine Technik, die sich hervorragend eignet, um die Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit in Snowtown herauszuarbeiten. Auch die Panelgrenzen machen einen schmutzigen Eindruck, weichen von ihrer pedantischen, rechtwinkligen Strenge aber nur selten ab und verschaffen so den Streifzügen durch die Unterwelt Stabilität. Umso auffälliger ist es daher, wenn sich das übliche Muster ändert, etwa um eine Actionsequenz oder einen Drogenrausch zu illustrieren.

 

Fell ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Warren Ellis-Comic. Ein ungewöhnlicher Held versucht in einer verdorbenen und verrufenen Stadt das Unheil im Zaum zu halten. Dabei bedient sich dieser Held Methoden, die im besten Falle zweifelhaft sind und die den Heldenstatus immer wackliger erscheinen lassen. So trat bereits Spider Jerusalem in seiner namenlosen City auf (Transmetropolitan), John Reinhardt in Heavenside (Doktor Sleepless) und Michael Jones in L.A. (leider nur kurzlebig kurzlebig: Desolation Jones).

 

Ellis schreibt in Fell aber nicht nur über seinen Lieblingscharakter, sondern setzt ihn auch in seiner Lieblingsumgebung aus. Der Untergrund ist Ellis Metier. Der Ort, wo sich Verbrechen, Perversion und neue Technologien überschneiden, wo sich die übliche Moral auflöst und durch etwas Neues, Unverständliches ersetzt wird. Diese Vertrautheit mit Protagonisten und Milieu bemerkt man und der Comic liest sich größtenteils stimmig, spannend und ohne größere Plot-Löcher.

 

Es geht weiter. Irgendwann

Fell wurde im Jahr 2005 gestartet. Inzwischen sind Ellis und Templesmith keine unbekannten Künstler mehr. Beide haben nun einen Comic, der in einen großen Hollywood Film umgewandelt wurde (Templesmiths´ 30 Days of Night und Ellis´ Red), beide schreiben nebenher ihre eigenen Serien und Bücher. Dieser Erfolg gerät leider zum Nachteil von Fell. Seit 2008, als bei einem Computerunfall mehrere Skripte der Serien verloren gingen, pausiert die Serie. Die ersten acht Hefte (von neun) sind nun als Sammelausgabe bei Nona Arte erschienen.

 

Bei der Gestaltung des Bandes hat der Verlag sich eng an die Originale gehalten. Bedauerlich ist aber, dass die umfangreichen Extras, Skizzen, Szenebeschreibungen und Skripten, die sich im Anhang der Hefte fanden, fehlen. Auch die Inhaltsbeschreibung und die Autorenbiographien sind so schlampig geschrieben, dass sie neue Leser abschrecken könnten. Dafür ist die Übersetzung solide und flüssig.

 

Es gibt noch einen Hoffnungsschimmer für diejenigen, die in diese hochinteressante, düstere Serie einsteigen wollen. Im Januar 2011 verkündete Ellis, dass das zehnte Heft fertig geschrieben wäre und nun Templesmith vorliegt, der hoffentlich bald seinen künstlerischen Zauber wirken lässt.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Ein Geheimnis in einer Graskugel

Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter