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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 03:56

    Corbeyran / Murat: Lauras Lied

    05.09.2012

    Sie weint nicht, sie singt

    Elle ne pleure pas, elle chante – Die hundertseitige Graphic Novel von Corbeyran und Thierry Murat über das schwere Thema Kindesmissbrauch trifft genau die richtigen Töne. Von BORIS KUNZ

     

    Das erste Kapitel beginnt als Tragikomödie einer äußerlich heilen, innerlich versehrten Familie, die damit zurechtkommen muss, dass das Oberhaupt, der Vater, nach einem Unfall bewusstlos in der Klinik liegt und niemand weiß, ob und wann er jemals wieder aufwachen wird. In feinen, realitätsnahen Beobachtungen schildert der Comic durch die Augen der erwachsenen Tochter Laura die Absurdität dieser Situation, durch die das Tragische in den Alltag einbricht.

     

    Spannende Perspektivwechsel

    Doch dann nimmt die Geschichte eine neue Wendung: Nachdem die Ärzte die Familie dazu ermutigt haben, den Vater oft zu besuchen und an seinem Bett mit ihm zu sprechen, damit er auch weiterhin das Gefühl hat, geliebt zu werden, nimmt sich Laura dieser Aufgabe an. Doch die Liebe zu ihrem Vater ist nicht ihre eigentliche Motivation (oder ist sie es am Ende doch?); sie hat mit ihrem Vater noch eine Rechnung offen, sie möchte ihn konfrontieren mit etwas, worüber sie sich erst jetzt traut zu sprechen, erst jetzt, wo er im Koma vor ihr liegt und keine Möglichkeit hat, sich des Gesagten zu erwehren. Laura ist als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Regelmäßig und über viele Jahre hinweg.

     

    Der Comic hat die sensible Romanvorlage der in Frankreich recht bekannten Kinderbuchautorin Amélie Sarn zu einer gleichzeitig zurückhaltenden und doch eindringlichen Erzählung montiert. Es ist erstaunlich, wie wenig Dramatik aus der Plotidee herausgeholt wird – man hätte ja auch eine Rachegeschichte daraus stricken können – und doch am Ende so vieles erzählt hat.

     

    Bemerkenswert ist der Umgang mit verschiedenen Perspektiven. Laura berichtet nicht nur davon, wie sie selbst sich gefühlt hat, welche Auswirkungen das Trauma ihrer Kindheit auf ihr Leben als Erwachsene gehabt hat, sie versucht auch sich in die Perspektive des Vaters zu versetzen. Dies ist das stärkste Kapitel des Comics: Wenn die Tochter versucht, ihren Leidensweg mit den Augen ihres eigenen Peinigers zu sehen – der ja doch auch ihr geliebter Vater ist. Hier spürt man einerseits die Verzweiflung der Tochter und andererseits ermöglichen sich dem Leser spekulative Einblicke, was wohl tatsächlich vorgehen könnte in einem Mann, der etwas so Unmögliches tut:

     

    »Wie hast du es geschafft, unbemerkt aus dem Ehebett zu steigen? Hast du gewartet, bis sie fest schlief? Hast du behauptet, du könntest nicht schlafen? Wolltest du eine rauchen? Welche Ausrede war so gut, dass sie immer wieder funktionierte? Hast du dagegen angekämpft? Hast du die Annäherung geplant oder kam es einfach über dich? Hast du dir jedes Mal geschworen, es wäre das letzte Mal?«

     

    Ein schweres Thema, gelassen umgesetzt

    Abgesehen davon, den Akt des Missbrauchs direkt selbst ins Bild zu setzen, schreckt der Comic nicht davor zurück, sein Thema ernst zu nehmen und es in all seinen Konsequenzen zu untersuchen. Da wird nichts schamhaft ausgeblendet – und dennoch übt der Comic in künstlerischer Hinsicht erstaunliche Zurückhaltung. Die Zeichnungen sind einfach, abstrakt und etwas impressionistisch, in schweren Tuschestrichen ausgeführt. Es sind einfache Illustrationen, kein Eye-Candy.

     

    Die Geschichte erspart dem Leser, man weiß gar nicht wie, schwer erträgliche Gefühls- oder Gewaltausbrüche, Gänsehaut- oder Schockmomente. Lauras Lied ist keine niederschmetternde Lektüre, sie beschreibt das Leid der Protagonistin, macht es nachvollziehbar, ohne es den Leser selbst durchleiden zu lassen. Der Grundton ist eher leise melancholisch und zuweilen sogar hoffnungsvoll.

     

    Das muss man bei so einem Thema erst einmal hinbekommen.

     

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