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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 03:53

    Charles Burns: X / Die Kolonie

    03.10.2012

    Tim und die Tabletten des Teenagers

    Charles Burns versucht, Sinn in einen surrealistischen Alptraum zu bringen. BORIS KUNZ ist bereit, sich überzeugen zu lassen.

     

    X beginnt wie ein Frühwerk von David Lynch: Doug, ein Typ mit einer Haartolle, die nicht zufällig an die von Tintin erinnert, folgt seiner schwarzen Katze Inky (statt eines weißen Kaninchens) durch ein Loch in der Wand in eine surrealistische Parallelwelt. Im Bademantel stolpert er über Trümmerfelder und durch Abrissbuden, in denen er dann auf recht unflätige Echsenwesen trifft, die unter ihrem zerfallenen Dachgebälk große, rot-weiß gesprenkelte Eier sammeln, die ebenso wenig zufällig an die außerirdischen Pilze in dem Tim und Struppi-Album Der geheimnisvolle Stern erinnern.

     

    Aufzuzählen, was ansonsten noch an Anspielungen und Zitaten drinsteckt, im neuen Werk des gefeierten amerikanischen „Comic-Auteurs“ Charles Burns, wäre müßig. Entscheidend ist, dass die Motive, mit denen er die Traumwelt seines Protagonisten ausstattet, keinesfalls so assoziativ und zufällig gewählt sind, wie es am Anfang den Anschein hat. Der Comic bleibt nämlich nicht in dieser Traumwelt sondern gliedert seine Geschichte in drei Ebenen: In der Realität liegt Doug lethargisch in seinem Bett, schluckt eine Menge Pillen und vergräbt sich in Erinnerungen und versinkt in seltsame Träume - die beiden anderen Ebenen der Geschichte.

     

    X - Die Geschichte mit Sarah

     In seinen Erinnerungen lernt Doug als juveniler, etwas unsicherer Performancekünstler auf einer Undergound-Party Sarah kennen – eine hübsche Fotografin, die Selbstportraits in Bondage-Posen von sich macht. Es ist Sarah, in die er sich verliebt, für die er ziemlich herzlos seine alte Freundin sitzen lässt und die auf all den Fotos zu sehen ist, mit denen er sich später in seinem Krankenbett umgibt. Die Geschichte mit Sarah ist der Schlüssel zu allem.

     

    Zumindest ist das das Versprechen, das dieses Album macht. Die Geschichte mit Sarah wird vermutlich in jenem traumatischen Ereignis enden, das der Grund dafür ist, warum Doug jetzt im Bett liegt, warum er Pillen nimmt, und warum er eine Kopfverletzung an der rechten Schläfe hat, wegen der er sich offenbar den halben Schädel rasieren musste.

     

    In der Geschichte mit Sarah finden wir auch sämtliche Motive und Elemente wieder, aus denen sich Dougs Traumwelt zusammensetzt – das, was dort zu einer komplexen Welt neu arrangiert ist, sind nämlich alles Versatzstücke aus Dougs Erinnerungen. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie Zigarettenschachteln und Frühstückseiern und endet bei jenen weitaus intensiveren Motiven, die von Geburt und Tod gleichzeitig erzählen:  Embryoleichen von Schweinen, Echsen und Phantasiekreaturen, die in den verschmutzen Flüssen treiben, greisenhafte Kinder, Maden in verfaultem Fleisch, die ihrerseits wieder als Nahrung herhalten müssen. Da kein Motiv in der Geschichte dem Zufall überlassen ist, kann man schon ahnen, wohin die Geschichte mit Sarah führen wird.

     

     

    Die Kolonie - Verlorene Erinnerungen

     In dem Band Die Kolonie, dessen Weltpremiere auf dem diejährigen Comic-Salon in Erlangen stattgefunden hat, fügt Burns dann der verschachtelten Erzählung eine weitere Zeitebene hinzu, die einen leicht angefetteten Doug zeigt, der zwar bereits Rückschau auf seine Beziehung mit Sarah hält, die noch immer ungeklärte Kopfverletzung aber noch vor sich hat. Burns umkreist das Rätsel in der Mitte seiner Erzählung vorsichtig, anstatt es endlich zu enthüllen. Es geht weniger um das Geheimnis selbst, als darum, wie man mit der Existenz eines solchen Geheimnisses umgehen soll.

     

    Um das zu verdeutlichen, wagt Burns einen weiteren Kunstgriff, in dem er noch eine Metaebene in die Geschichte einbaut: Sowohl in der Realität als auch in der Traumwelt ist seine Angebetete eine leidenschaftliche Leserin von Groschenheften, die Serientitel wie Verbotene Liebe oder Wovon Frauen träumen haben. Und nun fehlen ihr ein paar Ausgaben dieser Reihe, und sie beklagt sich bei Doug über die dadurch entstehende Lücke zwischen Heft 38 und 41: "Dann springen wir zu Heft 41, und schwupp, alles ist ganz anders. Danny ist total fertig... Er hat die Stadt verlassen und ist zu seinen Eltern gezogen. Sein Kopf ist bandagiert, und er muss lauter starke Psychopharmaka nehmen. Offensichtlich ist irgendwas richtig schlimmes passiert. Aber was? Das macht mich ganz kirre!"

     

    Damit gelingt es dem Comic, seine eigene Inhaltsangabe zum Bestandteil seiner Erzählung zu machen. Wer angesichts solcher Kapriolen den Eindruck gewinnt, diese Reihe wäre einfach nur total abgefahrener Shit, der täuscht sich. In gewisser Weise wirkt der zweite Band sogar bodenständiger als der erste, denn da man sich mittlerweile an die Traumbilder der Rahmenhandlung gewöhnt hat, bemerkt man, dass diese einen relativ überschaubaren Teil der Alben einnehmen, während es im Großteil der Geschichte um nichts anderes geht als eine genau erzählte Beziehungsgeschichte in einem absolut realistischen Setting. Es ist tatsächlich die Qualität, nicht die Quantität der bizarren Einfälle, die es ausmachen, dass diese im ersten Band einen so starken Eindruck hinterlassen.

     

     

    Zwischen Banalem und Unergründlichem

    Surrealistische Welten zu schaffen, die wirkliche Zugkraft haben, ist eine diffizile Sache: Ihre Gesetzmäßigkeiten müssen spürbar vorhanden und dennoch unergründlich sein, eben wie in Filmen von David Lynch oder in Jim Woodrings  wunderbarer Comicreihe Frank. Doch Charles Burns kann nicht nur an die Qualität dieser Meister anknüpfen, ihm gelingt sogar ein weit risikoreicheres Unterfangen, nämlich diese Welt tatsächlich zu erklären, ohne sie zu banalisieren. Das Album ist kein Ausflug in ein verrücktes Wunderland, sondern das Portrait eines traumatisierten jungen Mannes, und man bekommt als Leser eine Menge Hinweise an die Hand, um seine Traumbilder zumindest teilweise zu entschlüsseln. Das birgt natürlich immer die Gefahr, dass am Ende die Lösung weit weniger faszinierend ist, als es das Rätsel war.

     

    Doch zumindest in diesen ersten zwei Bänden kann Burns die Spannung und den Ton auf diesem schmalen Grat halten und alle Ebenen zu einer Einheit mit nahtlosen Übergängen verbinden. Sein klarer, vom Pop-Art beeinflußter Stil, schafft es (wie auch bei dem thematisch nicht unähnlich gelagerten König der Fliegen aus Frankreich) all das verwesende Fleisch erträglich werden zu lassen und verwandelt in sanften, unterschwelligen Horror, was sonst zu einer Prüfung für die Geschmacksnerven werden könnte.

     

    Fans von Burns´ Vorgängerserie Black Hole werden sicherlich schon auf diese neue und endlich komplett in Farbe gestaltete Serie des Künstlers gewartet haben – und auch allen anderen kann man dieses vielversprechende Stück Comic-Kunst nur sehr empfehlen. Der dritte und letzte Band ist gerade in Arbeit.

     

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