• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 15:27

    Alejandro Jodorowsky / Dongzi Liu: Sang Royal: Gottlose Hochzeit.

    02.05.2012

    Wunderliche Altherrenphantasien

    Was kommt heraus, wenn man einen chilenischen Filmregisseur und einen chinesischen Manhua-Zeichner zusammenspannt? Der französische Comic Sang Royal – Gottlose Hochzeit. Der ist zwar nicht wirklich gelungen, MATTHIAS ROSS amüsiert sich dennoch königlich über Alejandro Jodorowskys neuesten Streich.

     

    Es war einmal, vor langer, langer Zeit auf einem Iron-Maiden-Plattencover...

    Eine Rezension beschäftigt sich normalerweise vor allem mit einer Frage: Ist das Werk gut? Diese Frage lässt sich bei Sang Royal: Gottlose Hochzeit eigentlich nur mit einem eindeutigen »Nein« beantworten. Aber normal ist an diesem Comic rein gar nichts, weshalb man auch die normalen Qualitätsansprüche nicht an ihn anlegen kann. Allein schon die Handlung ist so abstrus, dass man sich fragen muss, ob Alejandro Jodorowsky, inzwischen auch schon über siebzig, auf seine alten Tage nicht doch wieder mit den Drogen angefangen hat.

     

    Die beiden blonden und langmähnigen Recken König Alvar und sein Cousin Alfred ziehen in den Krieg. Als es zur Schlacht kommt, müssen sich die jungen Heroen, die aussehen, als wären sie gerade von einem Achtziger-Jahre-Heavy-Metal-Plattencover entflohen, beweisen. Alvar wird verwundet und Alfred bringt ihn in Sicherheit. Doch ohne den König drohen dessen Krieger den Kampf zu verlieren. Also schickt Alvar Alfred zurück ins Gefecht, denn er sieht seinem Cousin ähnlich genug, um mit Alvars Helm und Rüstung als König durchzugehen.

     

    Alfred gewinnt die Schlacht und kommt auf den Geschmack, König zu sein. Er beschließt, sich für immer als Alvar auszugeben, denn komischerweise erkennt niemand, dass er nur oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem Cousin hat. Nicht einmal Alvars eigene Frau bemerkt den Unterschied. Leider vergisst Alfred bei seinem Plan eine Kleinigkeit – nämlich die, seinen Konkurrenten, den echten König Alvar, zu beseitigen. Das ist zunächst aber nicht so schlimm, da Alvar nach seiner Verwundung praktischerweise das Gedächtnis verliert. Zehn Jahre später erlangt er dann aber plötzlich seine Erinnerung wieder und macht sich daran, seinen Thron zurückzuerobern. Und, ach ja, Sex mit seiner Tochter hat er auch noch.

     

    Die Freuden des Inzest

    Der Umgang Jodorowskys mit einem der größten Tabus der westlichen (und eigentlich so gut wie jeder anderen) Zivilisation verdient eine gesonderte Erwähnung: Jodorowsky bedient sich zunächst beim Ödipus-Mythos, wenn sich Alvar und seine Tochter Sambra, die er in einem Zustand geistiger Umnachtung gezeugt hat, bei ihrer erneuten Begegnung 20 Jahre später zunächst nicht wiedererkennen und unsterblich ineinander verlieben. Dann jedoch bemerken die beiden ihren Fehler, glücklicherweise noch, bevor es zum eigentlichen Geschlechtsverkehr kommen kann.

     

    Uff, denkt man da als Leser, gerade noch mal eine richtig peinliche Lage umschifft, doch da hat man die Rechnung ohne Jodorowsky gemacht – Alvar und Sambra haben einfach trotzdem Sex! Auch wenn sich dann noch herausstellt, dass Sambra eigentlich doch nicht Alvars leibliche Tochter ist, stößt einem das ein wenig komisch auf, zumal sich Jodorowsky und der Zeichner Dongzi Liu eine ganze Seite Zeit lassen, den Sex zwischen Vater und Tochter so explizit wie möglich zu gestalten.

     

     

    Shakespeare für Arme, Beine und andere abgetrennte Gliedmaßen

    Sang Royal: Gottlose Hochzeit hat also ein gewisses Glaubwürdigkeitsdefizit, was seine Handlung angeht; unglaubwürdige Entwicklungen und Logiklöcher, groß genug, um auf einem Stollentroll hindurchzureiten, reihen sich aneinander. Dazu kommen noch schwülstige Stilblüten in den Dialogen, wie zum Beispiel folgende: »Mein Weib, ich wusste doch, dass du zu mir zurückkehrst! Licht meiner Abgründe, Kelch meiner Begierde, komm!« Gnädigerweise hat der Comic jedoch nur sehr wenig Text. Etwa die Hälfte aller Panels hat überhaupt keinen Dialog, sondern ist nur der Darstellung von Sex und Gewalt gewidmet. Das ist sehr unterhaltsam und auch schön anzuschauen, befriedigt aber das Bedürfnis nach einer kohärenten Geschichte kaum.

     

    Dabei hat der Comic durchaus gute Ansätze. Die Grundmotive haben die Schwere und Tiefe Shakespeare'scher Dramen und Jodorowsky ist schließlich auch nicht irgendwer. Man hofft die ganze Zeit, dass sich die hanebüchene Handlung noch als Allegorie auf irgendetwas herausstellt, oder dass der für seine Spiritualität bekannte Autor mit seiner Geschichte noch irgendetwas ausdrücken möchte – aber es findet sich auch nach gründlichem Studium nichts. Vielleicht ist da was, aber selbst wenn – Sang Royal wälzt sich so gründlich in Blut, Gedärm und Sperma, dass man den Comic getrost als Exploitation einordnen kann, ohne dem Autor Unrecht zu tun.

     

    Von Manhua zu Manowar

    Im Gegensatz zur etwas fragwürdigen Leistung von Alejandro Jodorowsky verdient die Arbeit des Illustrator Dongzi Liu deutlich mehr Anerkennung. Der junge chinesische Künstler ist gerade erst im Begriff, sich in Europa einen Namen als Comic-Zeichner zu machen und feiert mit Sang Royal einen gelungen Einstieg in die hiesige Szene.

     

    Die von ihm selbst computercolorierten Tuschezeichnungen sind detailreich gestaltet und sehr stimmungsvoll. Wie schon erwähnt, fühlt man sich an martialische Hardrock-Plattencover erinnert. Das verbindet Liu allerdings mit den typischen Bewegungslinien asiatischer Comics. Das ist im europäischen Fantasy-Milieu zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase erstaunlich gut. Selten hat ein Comic-Album im Bande Dessinee-Format so dynamisch gewirkt.

     

    Das Urteil zum ersten Band der auf zwei Teile angelegten Reihe Sang Royal ist also etwas zwiespältig. Einerseits ist Jodorowskys Geschichte schwach, sie ist sogar ziemlich abgefahrener Trash – doch auch das ist eine Qualität für sich. Das Artwork ist hingegen Top Notch. Wer einen Blick in die gestalterische Zukunft des Comics tun will, ist mit Sang Royal: Gottlose Hochzeit gut beraten. Ist Sang Royal: Gottlose Hochzeit also vielleicht doch ein guter Comic? Nein. Aber lesenswert ist er allemal!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter