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Will / Rosy: Harry und Platte Gesamtausgabe

15.02.2012

Schocks schwere Not

Die Intégrales, die edlen Gesamtausgaben französischer Comic-Klassiker, erreichen eine nach der anderen Deutschland. Fans der Ligne claire dürfen sich jetzt über die Hardcover-Version von Harry und Platte freuen. BORIS KUNZ hat sich mitgefreut.

 

Die beiden Abenteuerer und Hobbydetektive Tif und Tondu waren seit der ersten Stunde Begleiter des Spirou-Magazins. Sie haben eine ähnlich komplizierte Genese hinter sich wie dessen Titelheld - und eine ebenso komplizierte Veröffentlichungsgeschichte in Deutschland. Die frühen, von Fernand Dineur geschaffenen Geschichten sind hier nie veröffentlicht worden und haben mit dem bekannten Erscheinungsbild der Serie auch kaum etwas zu tun. Dieses Erscheinungsbild nimmt seinen Anfang mit den von Will gezeichneten und Rosy getexteten Geschichten, in denen der markante Schurke Schock als ewiger Gegenspieler etabliert wurde.

 

Gemeinsam mit vielen anderen Figuren aus Spirou holte zunächst Rolf Kauka die beiden nach Deutschland, verpasste ihnen die Namen Gin und Fizz und veröffentliche ihre Abenteuer in willkürlicher Reihenfolge in Fix und Foxi-Sonderausgaben. Als nächstes übernahm der Semic Verlag; beginnend mit Rosys Einstiegsgeschichte Die weiße Hand brachte er die Abenteuer von Gin und Fizz in chronologischer Reihenfolge heraus.

 

Dann kam die Serie zu Carlsen, diesmal unter dem Namen Harry und Platte. Der Verlag übersprang allerdings ein paar Alben, um direkt mit den von Maurice Tillieux (dem Schöpfer von Jeff Jordan) getexteten Geschichten starten zu können - die auch deutlich mehr Profil und Spannung hatten als die Vorgänger. Nach dem Tod von Tillieux wurde die immer noch von Will gezeichnete Serie von Desberg geschrieben und landete in Deutschland bei Salleck Publications, die dort weitermachten, wo Carlsen aufgehört hatte.

 

Meilensteine und Durststrecken

Für Freunde der Serie ist es nun sicherlich erfreulich, Tif und Tondus Abenteuer, auch wenn sie weiterhin Harry und Platte heißen mögen, in chronologischer Reihenfolge, in einheitlicher, solider Aufmachung und vor allem vollständig genießen zu dürfen. Allerdings: Vollständig? Nicht ganz vollständig.

 

Auch die Gesamtausgabe lässt Dineurs Anfänge weg und beginnt mit dem Einstand von Rosy, Will - und der Figur des Schock. Vollständigkeitsfetischisten, die es unter Comic-Sammlern ja durchaus gibt, könnten das vielleicht bedauern. Für manche liegt ja der Charme einer Gesamtausgabe gerade darin, die Entwicklung von Figuren von ihren ersten, holperigen Anfängen bis hin zu ihrem qualitativen Zenit und darüber hinaus verfolgen zu können. Dafür muss man allerdings manche Durststrecke auf sich nehmen. Und auf der anderen Seite ist es nun leider nicht so, dass der spätere Einstieg der Gesamtausgabe jegliche Durststrecke ersparen würde.

 

Dass Rosy mit seinen Helden niemals so richtig  warm geworden ist und dass Will noch sehr am Anfang seiner Karriere stand und viel zu lernen hatte, das steht nicht nur im redaktionellen Teil des Buches, man erkennt es auch an den Geschichten. Vergleicht man die Stories rund um die ewige Jagd nach dem Gauner Schock mit den späteren, spannenden und gruseligen Rätselgeschichten von Tillieux, dann beschleicht einen die Vermutung, dass die Serie entgegen mancher Behauptung im Vorwort vielleicht nicht zum Klassiker geworden wäre, hätte sie sich ständig nur um den Gegner mit dem weißen Ritterhelm gedreht.

 

Der ungreifbare Herr Schock

Die Parallelen zu Fantomas sind überdeutlich: Ein Gentleman-Verbrecher, der den Ermittlern immer einen Schritt voraus ist und eine ganze Armee von Ganoven für sich beschäftigt, der seine Untaten mit Visitenkarten ankündigt und dessen Gesicht hinter mehreren falschen Identitäten ebenso wie hinter seinem weißen Helm verborgen bleibt - man sieht, welchem Vorbild Rosy nacheiferte und was er erreichen wollte, als er den relativ beliebigen Hauptfiguren solch einen Gegner verpasste. Wenn diese zwei Kerle mit undefinierten Jobs, undefinierten Zielen und undefinierten Charakterzügen, die sich hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass der eine einen Bart und der andere eine Glatze hat, so schwer greifbar sind, dann braucht es eben den Nimbus eines genialen und faszinierenden Schurken, um der Reihe ein ordentliches Alleinstellungsmerkmal zu geben.

 

Diese Strategie ist für Rosy offensichtlich aufgegangen, allerdings bedient er sich ihrer in den nächsten Bänden der Serie so häufig, dass es irgendwann in Beliebigkeit abgleitet. Manchmal scheint Schock geniale Pläne zu verfolgen, manchmal scheint er lediglich zu reagieren, manchmal hat er eine weltumspannende Organisation hinter sich und seine Spione überall, dann wieder muss er mit einer Bande kurzfristig zusammengekaufter Kleinganoven auskommen.

 

Anders formuliert: In manchen der Alben hat Schock ein Ziel und Rosy ein Konzept, in manchen gibt es aber eine recht willkürliche Aufeinanderfolge von Drohungen, Prügeleien, Entführungen und Befreiungen, ein unübersichtliches Hin- und Her ohne erkennbaren Handlungsfaden. Und auch Wills Zeichnungen zu dieser Zeit bedienen solide, aber recht beliebig die damals gängige École Marcinelle; manchmal scheint er sich mehr für die Autos als für die Figuren zu interessieren. Es stellt sich also wieder die Frage: Wie sehr muss man Harry und Platte früher geliebt haben, um dem Charme ihrer Abenteuer heute erliegen zu können?

 

Hinzu kommt, dass für alte Gin und Fizz-Fans die neue Übersetzung etwas gewöhnungsbedürftig sein könnte. Es ist zwar immer ein löbliches Unterfangen, Übersetzungen aus dem Kauka Verlag nicht weiter zu übernehmen, sondern sich deutlicher an das Original zu halten - aber war ein einfaches »Schock« nicht wirkungsvoller als ein gediegenes »Herr Schock« - auch wenn es im Original »Monsieur Choc« heißt? Und ist es nicht  doch spaßiger, und einem Funny aus den Fünfzigern angemessener, wenn der Inspektor Allumette hierzulande Inspektor Zündholz heißt?

 

Wie bitter diese Wermutstropfen dem Einzelnen schmecken, darüber werden die Meinungen sicher auseinandergehen. Fest steht dennoch, dass dieser Gesamtausgabe gerade in Deutschland eine lange Lebensdauer zu wünschen ist, denn früher oder später werden Harry und Platte Abenteuer erleben, deren Neuentdeckung auf jeden Fall lohnenswert ist!

 

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