• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 05:42

    Sfar / Tanquerelle: Professor Bell

    06.06.2012

    Professor Bell macht sich Feinde

    Joann Sfar ist für den aktuellen französischen Comic ebenso stilprägend wie Lewis Trondheim. Was die beiden in ihrer gemeinsamen Reihe Donjon mit dem Fantasy-Genre angestellt haben, das stellt Sfar in seiner Reihe Professor Bell mit der phantastischen Detektivgeschichte an. BORIS KUNZ ist begeistert!

     

    Joseph Bell, ein schottischer Arzt und Pionier der Forensik, soll Arthur Conan Doyle für die Figur des Sherlock Holmes Pate gestanden haben. Wenn jetzt Joann Sfar behauptet, die wahre und dunkle Geschichte von Conan Doyles Mentor zu erzählen, kann man sich schon denken, dass sein Professor Bell von der historischen Figur vermutlich noch weiter entfernt sein wird, als es Sherlock Holmes ist. Es geht hier nicht um historische Figuren, sondern um das Spiel mit dem beliebten Genre der kriminalistischen Gruselgeschichte um 1900, die sich in Comics ja großer Beliebtheit erfreut. Und da steckt Professor Bell die meisten dieser Holmes-Epigonien locker in die Tasche.

     

    Filigrane Helden für düstere Zeiten

    Bell lebt zurückgezogen in seiner Villa in Edinburgh, inmitten einer Sammlung konservierter Fehlgeburten, Urzeitwesen und Ungeheuer, in der Gesellschaft seines Hausgespenstes Eliphas, sowie neuerdings seines temperamentvollen französischen Kollegen Ossour. Komplettiert wird seine skurrile Entourage durch den Hauptkommissar Matzock, aufgrund seiner Körperfülle und seines Glatzkopfes liebevoll Humpty Dumtpy genannt. Seit dem Tode seiner Frau von morbiden misantrophischen Anwandlungen heimgesucht, begibt sich der Professor eher aus Langeweile denn aus Gutmenschentum auf die Jagd nach Mördern, Dämonen und Unholden. Wenn nichts dergleichen ansteht, flüchtet er sich in den Konsum diverser Drogen, und nur gegenüber Queen Victoria  (deren Leibarzt auch der echte Bell gewesen ist) rafft er sich zu übereifrigem Pflichtbewusstsein auf.

     

    Wie Donjon könnte man diese Reihe zuerst für eine Genreparodie halten, doch auch wenn sie sich niemals komplett ernst nimmt, ist sie dafür zu liebevoll und zu kunstvoll gestaltet. Die akribischen, sehr kleinteilig detaillierten Zeichnungen haben zwar den Sfar/Trondheim-typischen Hang zur Krakelei, sind aber dabei von hohem stilistischen Anspruch. Sie beschwören den angejahrten Charme der morbiden Bilderwelt des Fin-de-Siecle gerade deshalb so lebendig herauf, weil sie nicht glatt sind. Und sie verleihen dieser Bilderwelt Humor, ohne sie zu überzeichnen. Ab Band 3 (Der Affenkönig) wurden die Zeichnungen dann von Hervé Tanquerelle übernommen, der Sfars Stil zunächst ohne jeden Bruch perfekt kopiert hat. Im fünften Band (Die Kobolde Irlands), geht Tanquerelle jetzt erstmals zeichnerisch etwas neue Wege, in dem er die Panels größer werden und sich szenenweise zu gröberen, verschmierteren Strichen hinreißen lässt.

     

    Das Storytelling der Alben war immer schon ungewöhnlich. Die düsteren Geschichten warten immer wieder mit eigentümlichen Wendungen auf, die ihnen oft mittendrin unvermutet eine ganz neue Richtung geben. Aber Sfar verliert niemals den Faden und findet immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Der Humor kommt vor allem dadurch zustande, dass selbst der absurdeste Spuk ganz selbstverständlich von allen Protagonisten akzeptiert wird, als wäre es ganz normal, es mit lebenden Toten, dem leibhaftigen Scheitan oder einem Riesenaffen zu tun zu bekommen. Vor allem aber lebt die Serie so stark von ihren Figuren, dass die unvermeidlichen Zitate und Anspielungen völlig in den Hintergrund geraten - wo sie auch hingehören.

     

    Die locker aufeinander aufbauenden Stories der ersten Bände erfahren nun in Die Gesellschaft der toten Königinnen und Die Kobolde Irlands eine gewagte Verdichtung, die der Serie eine neue Richtung gibt: Bell bekommt seinen Erzfeind.

     

    Fatale Urlaubsreisen

    Beide Alben zeigen zu Anfang einen immer unberechenbareren und gefährlicheren Bell, der dringend Urlaub braucht. Zunächst kann er das noch mit dem Dienst am Vaterland verbinden, denn die Queen macht Urlaub in Nizza und beordert Bell zu sich. Der kann sich mit dem friedlichen Leben in der viktorianischen, submarinen Strandanlage für exklusive Gäste aber nicht sonderlich anfreunden. Als er entdeckt, dass auch Adam Worth unter den Gästen weilt, jener mächtige Unterweltboss, mit dem er sich bereits im Streit um den Affenkönig angelegt hat, gibt Bell keine Ruhe, bis er herausgefunden hat, was Worth eigentlich im Schilde führt. Dass es sich dabei um ein Komplott gegen Queen Victoria handelt, passt dem Monarchisten Bell gar nicht in den Kram, und er entschließt sich zu einem Gegenmanöver, mit der er weit über sein Ziel hinausschießt und einen schrecklichen Fehler begeht. Anstatt Worth zu vernichten, macht er ihn sich zu einem persönlichen, unerbittlichen Gegner.

     

    Die Angst vor einem neuen Angriff von Worth macht Bell dann so instabil, dass ihm ein weiterer Urlaub zwangsverordnet wird, diesmal allerdings ins verregnete, kalte Irland, wo Bells Lebensgeister scheinbar wieder aufblühen. Doch auch hier kann er es, sehr zu Ossours Leidwesen, nicht lassen, sich mit dunklen Rätseln zu befassen. Sein Versuch, den Spuk auf einem Friedhof zu beenden, führt letztlich dazu, dass sich Bell mit den der irischen Feen und Kobolden anlegt, in deren Welt er schließlich entführt wird. Nur mit Hilfe seiner treuen Freunde und erneut zu einem hohen Preis, der Konsequenzen für das nächste Album haben wird, kann Bell aus seiner misslichen Lage gerettet werden.

     

    Es macht Spaß zu sehen, wie Sfar das Tempo und die Intensität seiner Reihe steigert und dabei gleichzeitig das hohe Niveau der ersten Alben zu halten versteht. Er hat keine Furcht davor, die dunklen Seiten seiner Hauptfigur in Extreme zu steigern und sie die Konsequenzen ihrer Fehler spüren zu lassen. Dies macht die Geschichten spannender, indem es ihre Ambivalenz erhöht, und bindet den Leser noch weiter an die liebenswerten und differenzierten Nebenfiguren, die eine Menge abfedern. Dabei sind sie aber keine Clowns wie Schulze und Schultze, sondern verfügen ebenfalls über ihre Eigenheiten und Schattenseiten. Die Alben enden mit bösartigen Schlusspointen, die gleichzeitig Qualitäten eines veritablen Cliffhangers aufweisen.

     

    Das ist in diesem Falle besonders gemein, denn Die Kobolde Irlands ist im Original bereits 2006 erschienen. Man muss sich also die bange Frage stellen, ob es jene Fortsetzung, auf die man heiß gemacht worden ist, überhaupt geben wird. Dennoch gibt es keinen Grund, sich dieser herausragenden Comic-Serie nicht zuzuwenden!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter