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    Le Tendre / Mallié / Loisel: Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit - Band 7: Grauwolf

    24.10.2012

    Der Glanz der alten Zeiten

    Der neueste Band der Fantasy-Reihe Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit läuft Gefahr, eine Legende auf eine Geschichte zu reduzieren. Von BORIS KUNZ

     

    Als Serge Le Tendre und Regis Loisel vor fast 30 Jahren ihre Geschichte von der Suche nach dem Vogel der Zeit erzählten und damit den modernen europäischen Fantasy-Comic begründeten, verstanden sie sich darauf, ihrer Welt Akbar eine Eigenschaft zu geben, die schon Tolkiens Mittelerde ihr großes Maß an Faszination und Glaubwürdigkeit verliehen hat: spürbares Alter.

     

    Jenes Akbar, durch das die Figuren sich in den ersten vier Bänden kämpfen mussten, fühlte sich auf jeder Seite an wie eine Welt am Abgrund: Durchzogen von gewaltigen, meist verfallenen und von Dschungel überwucherten Tempelanlagen und Monumentalbauten, von Erinnerungen an alte Götter, die die Welt schon lange verlassen hatten. Sümpfe und Grabstätten waren die Schauplätze, verzweifelte Zauberprinzen, die gemeinsam mit ihrem Volk und ihren Wäldern starben, traten auf. Dazu kamen müde, versehrte Krieger, die die Narben ihres bewegten Lebens hinter Masken verbargen, ein greisenhaftes Kind als Hüter der Zeit. All das ließ die Bedrohung durch die bevorstehende Wiederkehr des dunklen Gottes Ramor noch spürbarer werden: Eine Welt wie Akbar hatte dem Bösen nicht mehr viel entgegenzusetzen

     

    Folgerichtig war der Held Bragon ein ergrauter Ritter mit Bierbauch, und der Katalysator, der ihn aus seiner Frührente auf die verspätete Rettungsaktion schickte, die junge, dralle Pelissa, das einzige Fanal der Jugend in dieser Serie, dem es gelang, das Blut der alten Krieger noch einmal in Wallung zu bringen. Die anderen Figuren der Geschichte teilten eine gemeinsame Vergangenheit mit Bragon, waren ehemalige Geliebte, Rivalen, Kampfgefährten oder Schüler.

     

    Nachdem sein letztes, großes Abenteuer in Band 4 der Reihe zu einem halb glücklichen, halb tragischen Ausgang kam, widmet sich die Reihe seit Band 5 den Jugendabenteuern von Bragon, erzählte von seinem Auszug ins Abenteuer, seinem Weg vom Bauernjungen zum Ritter, seiner komplizierten Liebe zu Prinzessin Mara - mit anderen Worten: Es ging um Geschichten, von denen wir eigentlich schon wussten, wie sie ausgehen würden.

     

    The bad guy is back

    Eine der beeindruckendsten Gestalten beherrschte den dritten Band der Reihe und stahl dabei den Protagonisten beinahe die Schau: Der geheimnisvolle, alienköpfige Grauwolf, der als schier unbesiegbarer Gegner ein gewaltiges Dschungelareal beherrschte und der sich schließlich als Bragons ehemaliger Lehrmeister entpuppte, der das gnadenlose Katz- und Mausspiel mit seinem alten Schüler nur in der Hoffnung führte, in seinem hohen Alter noch einmal die Chance zu bekommen, den edlen Tod eines Kriegers zu sterben.

     

    Nun ist Grauwolf also der Namensgeber des siebten Bandes (oder besser: des dritten Bandes des zweiten Zyklus), und nachdem der treue Leser schon weiß, wie spektakulär die letzte Begegnung zwischen Grauwolf und Bragon verlaufen ist, sind natürlich hohe Erwartungen geweckt, was die erste Begegnung der beiden angeht. Wie ist also Bragon damals Grauwolfs Schüler geworden?

     

    Es ist nun keine leichte Aufgabe für die Autoren, sich spannende „Wie alles begann-" Geschichten ausdenken zu müssen. Während ein paar Anspielungen und Hinwiese ausreichendes Mittel waren, um den alten Bragon mit einer „bewegten Vergangenheit“ zu versehen, die sich der Leser zu einem Großteil dann aus eigenen Vorstellungen zusammenreimen konnte, muss das spätere Auserzählen dieser Vergangenheit die Vorstellungen dann irgendwie übertreffen, um erzählenswert genug zu sein, darf aber andererseits nicht zu weit abweichen von dem, was die bereits etablierten Geschichten vorgeben.

     

    Man kann sagen, dass Le Tendre und Loisel diese Aufgabe zwar bewältigen, aber nicht wirklich meistern. Zumindest ist es ihnen gelungen, eine Geschichte zu entwickeln, die nicht groß enttäuscht und die ikonenhafte Figur des Grauwolf nicht durch zu viel neugedichtete Vergangenheit beschädigt. Etwas, was sich an Intensität und Originalität mit Grauwolfs letztem Kampf messen könnte, haben sie dabei aber nicht geschaffen.

     

    Doch wo bleibt der Barock?

    Regis Loisel führt die Zeichnungen inzwischen nicht mehr selbst aus, sondern fungiert als »künstlerischer Leiter« des Artworks, während die Zeichner (in diesem Band: Vincent Mallié) sich abwechseln. Böswillig könnte man sagen, dass damit auch Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit längst zu einer jener Serien geworden ist, deren Zeichnungen von mehreren »Kopisten« ausgeführt werden, denen es zwar gelingt, den ursprünglichen Stil ihres jeweiligen Meisters gut nachzuahmen, aber jenen lebendigen Stilwillen vermissen lassen, der das eigentlich besondere der alten Alben war.  Allerdings bewegen sich die Zeichnungen dabei noch immer auf einem hohen Niveau.

     

    Bezeichnend für die ganze Situation ist der Einfall, die charakteristischen, allgegenwärtigen Vogelschwärme, die der Serie einen grindigen Realismus verliehen haben, durch Schmetterlinge zu ersetzen. Da findet dann also eine der blutigsten Auseinandersetzungen des Bandes, in denen es Bragon erneut mit den wahnsinnigen Kämpfen vom Orden des Mals aufnehmen muss,  im tiefen Grün einer idyllischen Waldlichtung statt, inmitten roter Schmetterlinge, die den grausamen Kampf unbeteiligt und unbeeindruckt umschwärmen – und die letztlich doch nur eine eher dekorative als poetische Dreingabe bleiben.

     

    Der überbordende Barock der ersten Alben hatte damals eine Art Unübersichtlichkeit der Handlung zur Folge: Viele Personen, die auch noch alle viel redeten, wimmelten durch die Bilder, man musste sich als Leser geduldig und aufmerksam der Hektik entgegenstellen, um alles mitzubekommen. In den neuen Alben ist das Tempo reduziert, die Bildsprache klarer, Le Tendre nimmt sich mehr Zeit dafür, Situationen klar zu strukturieren und flüssiger zu erzählen, und er verzichtet auch auf so völlig alberne Figuren wie Toll, den reimenden Flußgeist. Das macht die Geschichten deutlich besser lesbar, dafür kann die Erzählung allerdings auch weniger Strecke machen. Wenn man das Album schließlich zuschlägt, hat man das Gefühl, dass darin irgendwie nicht so viel passiert ist wie in einem Band des ersten Zyklus. Und das bei einer Geschichte, deren Ausgang ja, wie gesagt, halbwegs schon feststeht.

     

    Grauwolf – ebenso wie die Vorgänger Javin und Das Buch der Götter – ist kein schlechtes Album, aber man fragt sich doch, welchen Mehrwert es wirklich bietet. Zwar wird der Geist der früheren Alben an keiner Stelle verraten, zwar ist die Darstellung des jungen Bragon, der jungen Mara überzeugend, und es gibt auch in jedem Album ein paar besonders gelungene Momente, wenn neue Orte und Kreaturen den Zauber des alten Akbar heraufbeschwören – aber die erinnern immer auch daran, wie reich die ursprüngliche Geschichte an solchen Begebenheiten war. So leben die Jugenderzählungen Bragons  ironischerweise vom Glanz der alten Tage, die für die Protagonisten zwar entfernte Zukunft, für den Leser aber eine Zeit sind, als Die Suche nach dem Vogel der Zeit mehr war als nur ein handwerklich guter Fantasy-Comic.  

     

     

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