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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 03:48

    Marty / Thirault: Traum von Jerusalem

    19.09.2012

    Superhelden der Kreuzzüge

    BORIS KUNZ hat an einem blutigen Feldzug ins Gelobte Land teilgenommen.

     

    Ende des elften Jahrhunderts: Ein gewaltiges Heer ist auf dem Weg nach Jerusalem, um nicht nur die Heilige Stadt, sondern auch die meisten Bastionen auf dem Weg dorthin in die Gewalt der Christen zu bringen – ein Unternehmen, das als der Erste Kreuzzug in die Geschichte eingehen wird. In diesem Comic glauben die Kreuzfahrer allerdings nicht nur, Gott auf ihrer Seite zu haben, es ist tatsächlich so: Zumindest hat er ihnen drei seiner Superhelden mitgeschickt.

     

    Die blutige Dreifaltigkeit Gottes

    Der schwarze Live, ein Krieger, Plünderer und Pirat aus Lettland, wird bei einem Überfall auf ein Kloster plötzlich von Gott erleuchtet und vom Heiden zum Christen gemacht – wobei dieser Unterschied sich bei Live weniger in christlicher Nächstenliebe äußert, sondern erst einmal darin, dass er statt der Mönche seine ehemaligen Kameraden absticht.

     

    Hermance Languedolce ist dagegen schon von Geburt an mit mehreren Gaben gesegnet: Er kann Verletzungen durch Handauflegen heilen, angreifende Räuber durch seinen puren Willen töten und dem Feuer gebieten. Diesen letzten Stunt bringt er während der Folter durch die Inquisition, die gerade versucht, seine Fähigkeiten und seinen Charakter zu prüfen. Das Ergebnis der Prüfung: Folterknecht tot, und der neue Heiland, für sein Leben mit Narben gezeichnet und desillusioniert, verdingt sich eine Zeit lang als Betrüger und Scharlatan.

     

    Bis er dem schwarzen Live begegnet, dem es mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten gelingt, die verschütt gegangenen Kräfte Languedolces irgendwie zu »channeln«, sodass es den beiden als Gespann gelingt, Feuersbrünste gegen muselmanische Armeen ins Feld zu schicken. Klar, dass so zwei auf dem anstehenden, großen Kreuzzug zur Rückeroberung Jerusalems nicht fehlen dürfen.

     

    Die Dritte im Bunde ist dann die Prinzessin Istvàna Kalia, Anführerin der Tafuren, einer maskierten Spezialeinheit christlicher Soldaten, die sich durch besondere Kampfeswut und Todesverachtung auszeichnen – und damit wirken, als wären sie eigentlich einem Comic von Frank Miller entsprungen. Hermance und Live verlieben sich nun beide in die herbe Prinzessin, die auch abwechselnd mit beiden schläft, keinen von ihnen aber wirklich an sich heranlassen will. Diese drei Figuren werden also auf den blutigen Pfad ins Gelobte Land geschickt, um eine ganze Reihe historischer Belagerungen und Schlachten durch fiktive Elemente aufzupeppen.

     

    Finster, aber unentschlossen

    Das Problem des Comics ist, dass er sich nicht so ganz entscheiden will, was für eine Geschichte er eigentlich erzählt. Die merkwürdigen Superkräfte, die allen drei Hauptfiguren zu eigen sind, treten recht willkürlich als dominantes Element der Geschichte hervor, ohne jemals wirklich thematisiert zu werden. Über weite Strecken werden die übernatürlichen Elemente der Geschichte völlig außer Acht gelassen – und bezeichnenderweise sind das die fesselndsten Passagen, etwa wenn es lange Zeit um die Eroberung und das Halten der Bastion von Antiochia geht, und die Geschichte sich ganz auf die politischen und menschlichen Aspekte dieses historischen Schlachtenepos konzentriert.

     

    Hier zeigt sich, was Traum von Jerusalem für ein großartiger historischer Comic hätte werden können. Immerhin bleibt er, was den örtlichen und zeitlichen Verlauf des Kreuzzuges angeht, ziemlich akkurat – und stellt seinen Hauptfiguren historisch verbürgte Gestalten wie Gottfried von Bouillon zur Seite. Doch scheinbar geht es dem Comic eher um die Geistesverfassung religiös verblendeter Kreuzritter – oder warum sonst mischen sich immer wieder Visionen, magische Kräfte und aus den Himmeln herabsteigende flammende Erzengel in die Geschichte?

     

    Manchmal scheint der einzige Grund jedoch der zu sein, die Dreiecksgeschichte der Hauptfiguren am Leben zu halten. Live braucht Hermance, um mit dessen göttlichen Gaben die Schlachten zu gewinnen, Hermance braucht Live, um Zugang zu seinen Kräften zu finden, beide brauchen die Liebe der Prinzessin, und wären eigentlich erbitterte Rivalen, stünden sie nicht in gegenseitiger Abhängigkeit. Das ist ja ganz nett ausgedacht, aber eine solche Abhängigkeit hätte man durchaus auch mit realen menschlichen Fähigkeiten erklären können.

     

    Ansonsten macht die Geschichte recht wenig aus ihren magischen Ingredienzien, sie bezieht auch keine Haltung dazu. Dass Gott einfach so beschließt, einen egoistischen Betrüger und einen blutrünstigen Feldherren mit solchen Fähigkeiten auszustatten, wird in keiner Weise thematisiert. Der Comic ist zu zynisch und abgeklärt, als dass man ihm eine radikal-christliche Haltung als ernst gemeintem Unterton attestieren wollte. Aber warum kommt Thirault wirklich an keiner Stelle auf den Gedanken, zum Beispiel aus der Ironie, dass ausgerechnet der wundertätige Pseudo-Heiland Languedolce nur »Teufelsfuß« genannt wird, irgendeinen Mehrwert für die Geschichte herauszuholen? Die Story erinnert stark an Werke von Garth Ennis, der das Christentum ja dadurch parodiert, dass er dessen Mythen auf absurde Weise ernst nimmt. Von einer Satire ist in dieser Geschichte aber nichts zu spüren.

     

    Auch die eigentlich großartigen Zeichnungen spiegeln diese Problematik. Das Artwork macht von Anfang an klar, in was für einer Welt wir uns befinden: Schon auf den ersten Seiten verraten uns verkrüppelte Bäume, geduckte Behausungen aus scharfkantigen Steinen und die immer etwas ins Hässliche verzerrte Physiognomie der Figuren, dass uns eine ziemlich blutige, finstere Geschichte erwartet. Dieses Versprechen zumindest wird voll eingelöst. Diese an Greg Capullos Spawn erinnernde Ästhetik ist dann auch ein großer Pluspunkt des Albums, denn sie erweist sich als sehr geeignet dafür, mächtige Festungsmauern, heranziehende Ritterheere, blutige Schlachten und menschliches Elend facettenreich zu schildern. Hier ist das Comic zwar düsteres, aber dennoch großes Kino. Erst wenn dann die magischen Kräfte Gottes in Form von in allen möglichen bunten Farben gezeichneten Blitzen über die Personen kommen, fühlt sich das nicht mehr so stimmig an. Aus einem Storyelement, das für den Autoren nichts als ein Effekt ist, kann wohl auch der Zeichner nicht mehr als nur einen billigen Effekt machen.

     

    Die vier Bände der Geschichte sind in einem großen Sammelband zusammengefasst. Das ist eine gute Entscheidung: Würde man die Story auf Einzelbände aufteilen, würde es sicherlich schwerer ins Gewicht fallen, dass es der Leser schwer hat, Empathie für die drei Hauptfiguren aufzubauen. Dazu bleiben sie, gerade wegen ihrer sich in den Vordergrund drängenden äußeren Attribute, zu ungreifbar in ihrem Suchen, Leiden, Hoffen und Sehnen. Keine von ihnen hätte genug Charisma, um den Leser wirklich zum Kauf von Folgebänden zu animieren – in einem Sammelband ohne unterbrochenen Lesefluss dagegen kann die Geschichte mit ihrer düsteren Bilderwelt dann doch eine gewisse Sogwirkung entwickeln.

     

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