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    Samstag, 29. April 2017 | 05:40

    Ralf König: Der dicke König

    08.02.2012

    Wenn ich König von Deutschland wär ...

    Ralf König ist mehr als nur Milieuchronist. Er ist einer der größten deutschen Comic-Autoren. Der Prachtband Der dicke König würdigt ihn erstmals in angemessenem Ausmaß, meint WALDEMAR KESLER.

     

    Vier Verfilmungen seiner Comics kann Ralf König verbuchen. Im Streit um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten machte er sich als Vorkämpfer für die Meinungs- und Pressefreiheit einen Namen, wofür er im Juni 2006 auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Der Vorabdruck seines Archetyps in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, worin Noah als garstiger Opportunist erscheint, trieb den christlichen Medienverbund KEP auf die Barrikaden: Die FAZ habe eine »Grenze der Zumutbarkeit« überschritten.

     

    Inzwischen ist der Name Ralf König selbst denen geläufig, die ihn niemals durch seine schwulen Geschichten kennengelernt hätten. Da kommt es eigentlich nicht überraschend, dass Ehapa gesammelte Kurzgeschichten und Cartoons in einem Prachtband herausgibt. Ralf Königs bisweilen derb-deftige Comics sind nicht nur vorzeigbar, sondern geradezu repräsentabel geworden.

     

    Lektüre für Schwule und Heteros

     

    Der dicke König vereint hauptsächlich das Material aus den vier Sammelalben, die im Männerschwarm-Verlag herausgekommen sind: Schillerlöckchen, Suck My Duck!, Poppers! Rimming! Tittentrimm!, Stutenkerle und Trojanische Hengste. Angereichert ist das Ganze mit den Cartoons zum Karikaturenstreit, mit Comics, die in dem französischen Magazin Fluide Glacial erschienen sind, und mit bisher gänzlich Unveröffentlichtem.

     

    Im vergangenen Jahr ist Ralf König 50 geworden, seit dreißig Jahren zeichnet er Comics. Auf seiner Homepage erklärt er, warum er sich ausgerechnet eine Neuauflage der Kurzgeschichten zum doppelten Jubiläum gewünscht hat: »Weil ich an den bunten, kurzen Storys viel Spaß hatte, weil ich nostalgische Gefühle kriege, wenn ich mal darin blättere, denn sie dokumentieren ein bisschen wie ein Tagebuch, was in den letzten elf Jahren bei mir und im schwulen Leben so los war. Jeden Monat mindestens zwei Seiten für Männer und andere Zeitschriften und Zeitungen abliefern, dabei entstehen Momentaufnahmen, und ich fand die Kurzgeschichten im Vergleich zu den Rowohlt-Comic-›Romanen‹ immer etwas unterrepräsentiert.«

     

    Ralf König ist schon lange nicht mehr bloß der Comic-Zeichner der Gay Community, der das schwule Selbstverständnis mit seinen Knollennasenmännchen unter die Heten bringt. Ob schwul oder nicht: Seine Figuren begeistern über die sexuellen Konfessionen hinweg, weil sie unverkrampft über Sex reden, mit allen Marotten, die jeder schon einmal an sich und seinen Freunden wahrgenommen hat. Da werden die Dinge beim Namen genannt, ohne dass es gleich nach pubertärem Zwangsvulgarismus klingt. Er ist hierzulande eigentlich der einzige Autor, der es versteht, Sexualität als natürlichen, gesunden und freudvollen Aspekt menschlichen Daseins darzustellen. Wie verkrampft wir üblicherweise damit umgehen, bringt er aphorismusreif auf den Punkt: »Aber die Menschen müssen im Gegenteil zurück zur ursprünglichen, natürlichen Sexualität; und da kann aus unserer Sicht nur die Pharmaindustrie helfen.«

     

    Katholiken und Islamisten

     

    Da er irgendwann das Gefühl hatte, genug über die schwule Szene erzählt zu haben, nahm sich das Vorstandsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung zunehmend mit satirischer Skepsis der Religion an. In einem grandiosen Cartoon heißt es: »Astronom Ambrosius Grünkern hatte sein Teleskop gerade auf den unendlich großen Kosmos scharf gestellt, da klebte ihm wieder so ein kleiner Gott auf der Linse.« Der sexuelle Beiklang ist mit Sicherheit beabsichtigt. Religion ist in Königs Augen ein Unterdrückungswerkzeug, das jedermann auf dieselbe beschränkte Perspektive festnagelt. Wenn man beim Durchblättern seine zeichnerischen Reaktionen auf tagesaktuelle Auslassungen von Kirchenvertretern sieht, kommt einem bestürzend zu Bewusstsein, wie oft Katholizisten und Islamisten in demselben trüben Sumpf schwimmen. Wenn Ralf König sich dem dumpfen Willen gegenübersieht, andere auszugrenzen, schimmert seine Wut durch und sein liebevoll-spöttischer Ton kippt ins Gallige.

     

    Als Zeichner begann er damit, schwulen Lifestyle liebenswert aufs Korn zu nehmen – auch um Berührungsängste abzubauen. Seine Figuren können sich stundenlang auf dem Sofa oder im Café darüber austauschen und ereifern, warum wer was geil findet. Die permanente Reflexion scheint das Erlebnis da noch anzuheizen. Wer wollte da nicht mitmachen?

     

    Natürlich darf man nicht vergessen, dass Ralf König für den Ruf des Mediums Comic in Deutschland einfach nur ein Segen war. Wer sonst hätte wie er gezeigt, dass alles zusammengeht: Knollennasen und gesellschaftliches Engagement, sprachlicher Takt, der mit Wörtern wie »Tittentrimm« oder »Fisten« spielt, satirischer Aberwitz und analytischer Verstand? Er hat sich seinen Prachtband redlich verdient.

     

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