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Comic-Sekundärliteratur

25.01.2012

Erinnerung an Goldene Zeiten

Allmächtiger! versus Hugh!: Die Zeichner Hansrudi Wäscher und Helmut Nickel werden in neuen Büchern gewürdigt. ANDREAS ALT vergleicht die beiden Hommagen.

 

Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts waren für junge Comic-Leser die schönste Zeit – obwohl es zugleich schlechte Zeiten waren. Es gab relativ wenige Comics, und sie hatten ein übles Image: Comics galten als minderwertige Erzeugnisse aus der Trivialkultur der US-Besatzer, als verdummender und verrohender Schund. Sie mussten heimlich unter der Bettdecke oder der Schulbank gelesen werden, wurden oft von strengen Erziehern konfisziert und sogar in öffentlichen Aktionen verbrannt. Comic-Hefte waren teuer, gemessen am spärlichen Taschengeld. Es gab nicht viel anderes – kein Fernsehen, keine Computerspiele.

 

Weil sie so schwer zu bekommen waren, wurden die Hefte und Piccolos wie der eigene Augapfel gehütet. Piccolos waren kleine, querformatige Streifenhefte, die am Rand von Druckbögen günstig mitgedruckt wurden, maximal 30 Pfennig kosteten und sich bis Anfang der 60er Jahre halten konnten. Diese Comics wurden mit heißem Herzen verschlungen, und Comic-Figuren wie Sigurd, der ritterliche Held, oder Nick, der Weltraumfahrer, deren Abenteuer beim Lehning-Verlag erschienen, haben sich den heute etwa 60- bis 70-Jährigen unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt.

 

Der meistbeschäftigte Zeichner bei Lehning war der Deutschschweizer Hansrudi Wäscher (geboren 1928 in St. Gallen), eine zentrale Figur der deutschen Comic-Geschichte der Nachkriegszeit. Von seinen Anfängen 1953 bis Mitte der 70er Jahre war sein Name selbst Fans völlig unbekannt, da Comics in Deutschland bis dahin nicht signiert und Autoren und Zeichner nicht genannt wurden. Seither genießt er die kultische Verehrung seiner alten Leser. Manche von ihnen räumen großmütig ein, dass Wäscher, der sich auch im hohen Alter noch immer gelegentlich ans Zeichenbrett setzt, nicht eben ein begnadeter Zeichner ist. Dafür gilt er als unerreichter Erzähler spannender Fortsetzungsgeschichten unterschiedlicher Genres für ein jugendliches Publikum.

 

Vergoldete Erinnerung an die Kindheit

Häufig wird darauf hingewiesen, dass er unter schwierigen Bedingungen arbeitete: permanenter Zeitdruck, unter dem immer wieder kurzfristig neue Serien aus dem Boden gestampft werden mussten (wegen des hohen Ausstoßes verdiente er allerdings nicht schlecht), und ein Verlag, der mit geringem Aufwand möglichst viel Umsatz erzielen wollte und keinerlei Wert auf Qualität legte. Trotzdem sind Wäschers Comics »Anker einer vergoldeten Erinnerung an eine Zeit, welche aus heutiger Sicht als ›ärmlich‹ zu bezeichnen ist«, wie Andreas C. Knigge schreibt .

 

Soweit der Stand der Wäscher-Publikationen. Fachjournalist Knigge geht mit seiner opulenten Wäscher-Monografie Allmächtiger! (ein typischer Ausruf der Wäscher-Protagonisten) nun einen Schritt weiter. Er hat sozusagen im Selbstversuch innerhalb von eineinhalb Monaten alle Wäscher-Comics am Stück gelesen und erkannte dabei verblüffende Parallelen zur heutigen Mangakultur. Im Erzählen von prinzipiell sich stetig wiederholenden Abenteuern, aber auch im Seitenaufbau und in der Neigung der Wäscher-Fans, sich wie im Cosplay als ihre Helden zu verkleiden, sieht er die Vorwegnahme japanischer Comic-Traditionen ab den 70er Jahren. Die Piccolos, die mit einem Bildstreifen pro Seite auskommen mussten, interpretiert Knigge dagegen als dynamisches Medium: Aus dem raschen Weiterblättern ergibt sich für ihn eine »Suggestion filmischer Rasanz«.

 

Teilweise stützt sich der Autor auf einen Aufsatz des Medientheoretikers Georg Seeßlen. Ausgehend von Wäschers Beiträgen zur Bastei-Serie Buffalo Bill, bei der keine unaufhörlichen  Fortsetzungen mehr möglich waren, beschrieb Seeßlen 1990 im Comic Jahrbuch des Carlsen Verlags die konstitutiven Elemente von »Wäscher-Country«, etwa so: Wäscher habe »in die endlosen Zyklen ein Element der steten Selbstähnlichkeit von Mikro- und Makrostruktur« eingebracht, Wäschers Helden »haben Zeit, sich in den Löchern von Zeit und Geschichte, von Kosmos und Super-Körper, in die sie immer wieder plumpsen, in den Dschungeln, Vulkankratern, Verliesen, Höhlen, Schluchten und Sümpfen, gründlich umzusehen«. Wäschers Erzählform entspreche »nicht so sehr logischer Entwicklung als vielmehr dem organischen Wachsen, vielleicht sogar Wuchern einer Fantasie«.

 

Der Deutschschweizer schloss eine Comic-Lücke

Über diese kühne Deutung dürfte sich der Zeichner vermutlich wundern. Knigge schreibt eine Biografie, der zufolge Wäscher sich immer als Handwerker verstanden hat und mit seinen Comic-Serien keine ambitionierten Ziele verfolgte. »Was ich hier mache, ist etwas Kommerzielles, es soll verkauft werden«, hat er Knigge selbst gesagt. Wäscher hatte als Kind in Lugano italienische Abenteuercomics gelesen und nach seinem Umzug 1940 nach Hannover nichts Vergleichbares gefunden. Er arbeitete als Gebrauchsgrafiker und Plakatmaler, bis er 1953 mit neu erschienenen »Bildserien« des Lehning-Verlags in Kontakt kam und die Chance erkannte, die Comics, die ihn als Kind fasziniert hatten, selbst zu zeichnen.

 

Knigge kommt an den freundlichen älteren Herrn, der noch immer Titelbilder seiner Comic-Serien für die große Schar der Nostalgiekäufer anfertigt, nicht so recht heran. Wäscher, der einen Großteil seines Lebens dem Medium Comic gewidmet hat, liest oder sammelt selbst keine Comics und hätte in der Zeit seiner größten Produktivität nach eigenem Geständnis viel lieber gemalt als Bildergeschichten gezeichnet. Zwischen der Comic-Leidenschaft seiner Kindheit in Lugano und seiner so merkwürdig semiprofessionellen Arbeit klafft eine Lücke in seiner Lebensgeschichte, die Knigge und Co-Interviewer Hartmut Becker trotz größter Anstrengung nicht zu füllen vermögen.

 

Daher wohl der mächtige theoretische Überbau der Darstellung. Obwohl das Buch die Anmutung eines Standardwerks hat, ist das Material, das Knigge zur Verfügung stand, recht dürftig. Nur etwa 150 üppig illustrierte Seiten nimmt die Wäscher-Biografie ein, zudem angereichert um die für sich genommen nicht uninteressante Geschichte des Lehning-Verlags, die allerdings schon in Knigges Buch Fortsetzung folgt von 1986 zu finden ist. Lehning war zeitweise einer der führenden deutschen Comic-Verlage, schrammte aber schon 1955 nur knapp an einer Insolvenz vorbei und versäumte es, sein Angebot an die Veränderungen des Heftmarktes anzupassen. Verleger Walter Lehning flüchtete in die Schweiz. 1968 ging sein Verlag schließlich pleite. Aber bis zu seinem Tod 1971 wurde in Hannover weitergedruckt.

 

Nachdem Wäscher um 1980 aus seiner Anonymität herausgetreten war, leitete der Sammler Norbert Hethke das Comeback des Zeichners ein und brachte Nachdrucke aller seiner Comics auf den Markt, die, so Knigge, »dessen Helden aus der Lehning-Zeit fortan in stetiger Erinnerung halten«. Den Hauptteil seines Buchs nehmen Inhaltsangaben sämtlicher Wäscher-Serien ein, unter denen Sigurd, Nick, Tibor, Falk und in jüngerer Zeit Fenrir die wohl bekanntesten sind. Auch diese rund 300 Seiten sind reich illustriert, wobei die Coverzeichnungen Wäschers herausragen und seine Wurzeln als Kinoplakat-Maler verraten. Vervollständigt wird der Band durch kuriose Beigaben wie einen handschriftlich ausgefülltenProust-Fragebogen (der Erkenntnisse zu Tage fördert wie: »Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? - Leicht verwirrt.«) und eine doppelseitige Grafik zur Laufzeit seiner Serien zwischen 1953 und 1968.

 

Endgültiges Urteil über Wäscher steht noch aus

Knigge hat sich offensichtlich bemüht, mit diesem Buch nicht nur die eingefleischten Fans anzusprechen, sondern auch Comic-Sammler im allgemeinen und Comic-Freunde, die sich für die Zeit, in der Wäscher groß war, interessieren. Daher erweckt er auch den Anschein, die große, endgültige Bilanz zu ziehen. Dafür ist aber vermutlich noch mehr zeitlicher Abstand nötig. Fans sind womöglich nach wie vor mit dem 1987 erschienenen Großen Hansrudi Wäscher Buch von Gerhard Förster besser bedient. Förster hat damals im Gegensatz zu Knigge das Thema nicht systematisch aufgearbeitet, sondern sehr unterschiedliches Material zusammengetragen: Interviews, seltene und unveröffentlichte Comics, Artikel und Sammlerlisten. Förster schrieb selbst in der Haltung eines Fans, und so ist dem »Fall Wäscher« wohl am besten beizukommen.

 

Helmut Nickel ist ein deutscher Comic-Zeichner, der in aufschlussreichem Kontrast zu Wäscher steht. Etwa vier Jahre älter als der Sigurd-Schöpfer, kam Nickel zu Lehning, als Wäschers Karriere dort schon in ihrem Zenit stand. Nickel hatte an der Freien Universität Berlin Kunstgeschichte, Philologie und Ethnologie studiert und zeichnete meist nur nebenbei gegen Honorar Comics, zunächst für den Gerstmayer Verlag, dann für Lehning. Er ließ sich von der Heftproduktion niemals so vereinnahmen wie sein Kollege und ging 1960 als Museumsmitarbeiter und Ausstellungskurator an das New Yorker Metropolitan Museum of Modern Art. Bis dahin hatte er hauptsächlich an den damals verbreiteten Comic-Bearbeitungen klassischer Literatur mitgewirkt (Die drei Musketiere, Der Graf von Monte Christo, Robinson Crusoe). Jetzt, in den USA, nahm er sich Winnetou vor. 1965 verabschiedete er sich aus dem Comicgeschäft.

 

Nickel - besserer Zeichner, betulicherer Erzähler

Winnetou ist kein Comic-Meisterwerk. Nickels Arbeiten sind vor allem inhaltlich limitiert, da sich der Zeichner, wohl auch bedingt durch den strengen Jugendschutz, keine fantasievollen Abweichungen vom Romanstoff erlaubte, ihn im Gegenteil vereinfachte und, wo nötig, entschärfte, sich ansonsten aber eng an die Vorlagen hielt. Das wirkt betulich, manchmal fast langweilig. Dank seiner wissenschaftlichen und künstlerisch-akademischen Ausbildung ist er Wäscher als Zeichner deutlich überlegen, lässt aber teilweise erkennen, dass er das Comic-Zeichnen nur als Routinearbeit und Broterwerb betrachtete. Wäscher und Nickel bilden somit ein Gegensatzpaar. Beiden ist es indes gelungen, ihren Comics eine je eigene Atmosphäre zu verleihen.

 

Beim Münchner Comicfest im vergangenen Jahr wurde Nickel mit einer relativ kleinen, aber liebevoll zusammengestellten Ausstellung quasi wiederentdeckt. Fans brachten den 87-Jährigen, der heute in Florida lebt, sogar dazu, zusammen mit seiner Frau persönlich nach München zu kommen. Der Ethnologe erschien sympathisch und bescheiden im Auftreten. Ihm war die Verwunderung darüber deutlich anzumerken, dass seine inzwischen fast 50 Jahre alten Comics immer noch – und sicher viel mehr als einst - Verehrung genießen.

 

Der relativ schmale Ausstellungskatalog Hugh! entspricht diesem Auftritt. In kurzen Artikeln wird über Leben, Werk und Umfeld Nickels kompetent informiert. Von Nickel selbst gibt es eine Leseprobe: zehn Seiten aus Winnetou I - warum dieser Ausschnitt ausgewählt wurde und ob er in seinem Werk eine besondere Bedeutung hat, wird allerdings kaum erläutert. Selbsterklärend sind dagegen die vielen Hommagen heutiger Comic-Zeichner von Timo Wuerz über Fil bis zu Derib. Auch Hansrudi Wäscher steuert eine Begrüßungsseite für den alten Kollegen bei. Damit wird Nickel ganz lebendig ins Hier und Jetzt und in die Mitte der aktuellen deutschsprachigen Comicszene geholt. Der Gefahr, zum Säulenheiligen zu erstarren und zu einer polarisierenden Figur zu werden, ist er freilich weit weniger ausgesetzt als der vielgeliebte Wäscher.

 

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