Parade der Galgenvögel
Wie geschickt sie dabei mit den Versatzstücken des Genres umgehen zeigt schon die Titelfigur, bei der es sich natürlich um einen charismatischen Piratenkapitän handelt - und die der Leser kein einziges Mal zu sehen bekommt. Alexander Crown, legendärer Freibeuter und Kaptän der "Astarté", verschwindet auf den ersten Seiten des Comics aus seiner Kajüte und wird bald darauf sterbend, von einem unbekannten Angreifer zu Tode gefoltert, von seinen Kameraden in einer Höhle gefunden.
Der Anblick des Verstümmelten bleibt dem Leser erspart, und so wird es während des Albums weitergehen: Von Crown bekommen wir nur durch Erzählungen der anderen Figuren etwas mit - und auch während der eindrucksvollen Rückblenden, die von seinem spektakulärsten Beutezeug berichten, ist von ihm nicht mehr zu sehen als ein massiger, schwarzer Schatten. Doch so fremd er uns bleibt, so allgegenwärtig ist er doch in der Geschichte, und die Gravitation dieses schwarzen Loches, zu dem die Erzählung ihn macht, wird eine Menge weiterer düsterer Gestalten anziehen und ins Verderben reißen.
Redmond, genannt Red, Crowns Offizier ist nach dem Tod seines Kapitäns mit der Vollstreckung seines Testamentes vertraut. Dies bedeutet konkret, jene fünf Sprösslinge zu versammeln, die Crown im Laufe seines bewegten Lebens mit verschiedensten Frauen gezeugt und anschließend im Stich gelassen hat. Ihnen soll gemeinsam Zugang zu Crowns letzter großer Beute, einem mit spanischem Gold beladenen Schiff, verschafft werden.
Diese Sprösslinge könnten unterschiedlicher kaum sein: Viktor, der von Lepra zerfressene Strandräuber ist ein liderlicher Schweinehund, wie er im Buche steht, Faroh ein hünenhafter, schwarzer Sklavenhändler, Siltje hat sich zur professionellen Heiratsschwindlerin gemausert, während ihr Zwillingsbruder Jonah von Mönchen zu einem frommen Betbruder herangezogen wurde. Bleibt schließlich Mael, der jünste Spross und von allen der einzige Vertraute seines Vaters, der lange auf der "Astarté" als Schiffsjunge gelebt hat.
Allein die Szenen, wie Red diese außergewöhnliche Versammlung von Galgenvögeln zusammentreiben muss, hätten schon das Potential ein ganzes Album zu füllen, doch Roulot hält sich gar nicht lange mit weitschweifigen Einführungen von Figuren auf. Erstens sind seine Charaktere prägnant genug, um bereits mit kurzen Auftritten bleibende Eindrücke zu hinterlassen, zweitens gilt es noch die Mannschaft der "Astarté" kennen zu lernen, die mit ihren neuen Passagieren ganz und gar nicht zufrieden ist und sich hinter dem Rücken von Red zur Meuterei bereit macht.
Nebenbei erfahren wir noch etwas über Crowns Leben und die Lage der Freibeuter in der Karibik, und ehe die Seefahrt dann so richtig losgehen kann, muss Red noch eine Warnung an Siltje loswerden: Die letzten Worte des Kapitäns deuten darauf hin, dass er von einem seiner vier Söhne ermordet worden ist.