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Roulot / Hénaff: Das Testament des Captain Crown

11.01.2012

Fünf Hurenkinder auf des Totenmanns Kiste

Zwar mag bei Das Testament des Captain Crown der Teufel durchaus seine Hand im Spiel haben, aber ansonsten brauchen Tristan Roulot und Patrick Hénaff keine Gespensterschiffe, Monsterkraken oder verfluchten Goldschätze, um den Fluch der Karibik wie einen Kindergeburtstag aussehen zu lassen. Von BORIS KUNZ

 

Wer Genregeschichten erzählt, tut gut daran, sich für eine der folgenden Strategien zu entscheiden: Entweder man gewinnt dem Genre eine neue, unerwartete Sichtweise ab, oder man nutzt die Tatsache, dass man mit allgemein bekannten Bildern (bzw. Klischees) operiert, um den Leser mit einem straffen Erzähltempo bei Laune zu halten. Die Macher dieses Piratencomics haben sich glücklicherweise an die zweite Strategie gehalten.

 

Parade der Galgenvögel

Wie geschickt sie dabei mit den Versatzstücken des Genres umgehen zeigt schon die Titelfigur, bei der es sich natürlich um einen charismatischen Piratenkapitän handelt  - und die der Leser kein einziges Mal zu sehen bekommt. Alexander Crown, legendärer Freibeuter und Kaptän der "Astarté", verschwindet auf den ersten Seiten des Comics aus seiner Kajüte und wird bald darauf sterbend, von einem unbekannten Angreifer zu Tode gefoltert, von seinen Kameraden in einer Höhle gefunden.

 

Der Anblick des Verstümmelten bleibt dem Leser erspart, und so wird es während des Albums weitergehen: Von Crown bekommen wir nur durch Erzählungen der anderen Figuren etwas mit  - und auch während der eindrucksvollen Rückblenden, die von seinem spektakulärsten Beutezeug berichten, ist von ihm nicht mehr zu sehen als ein massiger, schwarzer Schatten. Doch so fremd er uns bleibt, so allgegenwärtig ist er doch in der Geschichte, und die Gravitation dieses schwarzen Loches, zu dem die Erzählung ihn macht, wird eine Menge weiterer düsterer Gestalten anziehen und ins Verderben reißen.

 

Redmond, genannt Red, Crowns Offizier ist nach dem Tod seines Kapitäns mit der Vollstreckung seines Testamentes vertraut. Dies bedeutet konkret, jene fünf Sprösslinge zu versammeln, die Crown im Laufe seines bewegten Lebens mit verschiedensten Frauen gezeugt und anschließend im Stich gelassen hat. Ihnen soll gemeinsam Zugang zu Crowns letzter großer Beute, einem mit spanischem Gold beladenen Schiff, verschafft werden.

 

Diese Sprösslinge könnten unterschiedlicher kaum sein: Viktor, der von Lepra zerfressene Strandräuber ist ein liderlicher Schweinehund, wie er im Buche steht, Faroh ein hünenhafter, schwarzer Sklavenhändler, Siltje hat sich zur professionellen Heiratsschwindlerin gemausert, während ihr Zwillingsbruder Jonah von Mönchen zu einem frommen Betbruder herangezogen wurde. Bleibt schließlich Mael, der jünste Spross und von allen der einzige Vertraute seines Vaters, der lange auf der "Astarté" als Schiffsjunge gelebt hat.

 

Allein die Szenen, wie Red diese außergewöhnliche Versammlung von Galgenvögeln zusammentreiben muss, hätten schon das Potential ein ganzes Album zu füllen, doch Roulot hält sich gar nicht lange mit weitschweifigen Einführungen von Figuren auf. Erstens sind seine Charaktere prägnant genug, um bereits mit kurzen Auftritten bleibende Eindrücke zu hinterlassen, zweitens gilt es noch die Mannschaft der "Astarté" kennen zu lernen, die mit ihren neuen Passagieren ganz und gar nicht zufrieden ist und sich hinter dem Rücken von Red zur Meuterei bereit macht.

 

Nebenbei erfahren wir noch etwas über Crowns Leben und die Lage der Freibeuter in der Karibik, und ehe die Seefahrt dann so richtig losgehen kann, muss Red noch eine Warnung an Siltje loswerden: Die letzten Worte des Kapitäns deuten darauf hin, dass er von einem seiner vier Söhne ermordet worden ist.

 

Über die Planke mit der Langeweile!

In rasantem Tempo fügt Roulot eine Wendung an die nächste, lässt ein Geheimnis auf das andere folgen, geizt nicht mit zahlreichen Verdachtsmomenten, um dann wieder, ohne jemals das Tempo merklich zu verlangsamen, eine ganze Reihe der aufgebauten Rätsel auch noch im selben Album aufzulösen. Am Ende des ersten Teils dieses spannenden Piratenkrimis werden wir den Mörder Crowns kennen, und von den zahlreichen Figuren, die der Comic aufeinander losgelassen hat, wird eine veritable Anzahl bereits über Klinge gesprungen sein, ehe das Cliffhanger-Ende erreicht ist.

 

Manchmal wünscht man sich beim Lesen, der Comic würde nicht gar so flott vorangehen und einem etwas mehr Zeit lassen, sich an die Gesellschaft  skurriler Seemänner ringsum zu gewöhnen, ehe diese schon wieder auf dem Altar des voranschreitenden Plots geopfert werden.

 

Ansonsten aber stimmt hier einfach alles. Bei allem Tempo schafft der Comic von der ersten Seite an eine dichte, düstere Atmosphäre, die nicht mehr verlorengeht  - außer vielleicht während  einer Seeschlacht, die etwas bombastischer angelegt ist, als es zum Stil von Zeichner Patrick Hénaff zu passen scheint. Davon abgesehen ist auch dessen Kunst nur zu loben. Einerseits ist er deutlich dem Stil frankobelgischer Fantasy verpflichtet, wie man sie hierzulande vor allem in Publikationen des Splitter Verlages antrifft, andererseits erinnert sein Umgang mit den gruseligeren Elementen der Handlung (etwa dem fratzenhaften Gesicht von Vincent oder der ikonenhaften Erhöhung von Alexander Crown) an so herausragende britische Serien wie Hellblazer oder Swamp-Thing.

 

Wie man es von einer ordentlichen Piratengeschichte erwartet, ist das Setting eher düster und setzt weniger auf die Schönheit des azurblauen Ozeans als auf Galgen, Kanonendonner und versehrte Gestalten. Dafür aber kommt die Geschichte, wie gesagt, ohne jedes übersinnliche Element aus, sondern konzentriert sich ganz auf die Crime-Story, die genug an Verrat, Intrige und Bösartigkeiten zu bieten hat, um den Leser in Atem zu halten. Das Testament des Captain Crown ist ein kurzweiliges, stimmungsvolles Lesevergnügen, wie man es in dieser Dichte nicht so häufig findet.

 

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