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Dienstag, 28. März 2017 | 17:46

Le Tendre / Rossi: Tiresias

23.05.2012

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen können wie im neuen Comic von Serge Le Tendre. Von BORIS KUNZ.

 

Bei den alten Griechen wandeln die Götter recht gerne unter den Menschen und machen diese zum Spielball ihrer Launen. Schaut man aber genauer hin, dann sind es eigentlich doch die Menschen selbst, die sich mit ihren Ängsten und Sehnsüchten, ihrem Hochmut und ihren Verfehlungen das Leben zur Hölle machen. Tiresias geht es da nicht anders.

 

Hellenistische Krieger mit flotten Sprüchen auf den Lippen

Schließlich ist es zu erst einmal eine dumme Wette, die den stattlichen jungen Krieger Tiresias dazu bringt, sich mit ganz und gar nicht unschuldigen Absichten einer Tempeldienerin der Athene zu nähern, deren Jungfräulichkeit jedoch unabdingbare Voraussetzung ihres Amtes ist. Insofern hat es sich der große Stolz der Armee von Theben irgendwie selbst zuzuschreiben, dass die Göttin Athene ihn mit einem recht eigentümlichen Fluch belegt: Sie verbannt ihn kurzerhand in den Körper einer wunderschönen Frau. Als solche verdreht er seinen ehemaligen Freunden und Rivalen gleichermaßen den Kopf.

 

Was dann passiert ist ebenso Komödie wie Tragödie. Le Tendre legt das Gewicht deutlicher auf die Komödie, ohne uns jedoch mit irgendwelchen Schenkelklopfer-Frivolitäten auf die Nerven zu gehen.  Der Humor ist weitgehend zurückhaltend und subtil und findet vor allem in der Sprache seinen Niederschlag. Da lässt Zeus höchstpersönlich nebenbei so herrliche Sätze fallen wie „Ich liebe die Sterblichen – direkt schade, dass ich sie nicht geschaffen habe.“ Auch sprachliche Anachronismen, im Metier der Comics - wo sich ja Originaltexter sowie deutsche Übersetzer leider nicht immer durch besonderes literarisches Feingefühl hervortun - oft eher etwas peinlich, entfalten hier durch den gezielten Einsatz von Flapsigkeit einen wunderbaren Sprachwitz. Da tönen tapfere Krieger: „Ohne Nachschub hätte es euch ganz schön zerbröselt“, und auch Athene entfährt schon einmal ein: „Du bist ja noch beschränkter, als ich dachte.“

 

Ansonsten nimmt der Comic die Welt der alten Griechen sehr ernst. Die Zeichnungen erschaffen die hellenistische Welt mit einer eigenwilligen, poetischen Farbgestaltung, die die südländische Hitze vergangener Tage spüren lässt. Gerade das unterstreicht den Humor der Dialoge, wenn manche der flapsigen Sprüche aus den Mündern von Figuren kommen, denen man ihren Status als altgriechische Krieger vollkommen abnimmt.

 

Eher bitter als erotisch

Was Le Tendre und Rossi ebenfalls mit einbeziehen, ist der lockere Umgang mit Sexualität im alten Griechenland. Dieser wird zu einem wichtigen Storyelement, denn durch seinen promiskuitiven und auch vor homosexuellen Begegnungen nicht halt machenden, ausschweifenden Lebenswandel hat Tiresias all jene Ereignisse in Gang gesetzt, die ihm jetzt in seiner Inkarnation als bildschöne Frau das Leben schwer machen: Sei es die unerfüllte Liebe des Verehrers Calypto oder der tief sitzende Neid des Konkurrenten Glaukon.

 

Die Geschichte, die der Comic erzählt, bezieht sich erst gegen Ende auf den eigentlichen Mythos des Tiresias. Und der ist schließlich auch nicht ohne: Da kommen Zeus und Hera auf die Erde und wollen von dem einzigen Menschen, der die Welt sowohl als Mann wie als Frau erlebt hat, wissen, welches Geschlecht beim Liebesakt den größeren Lustgewinn hat. Es wäre irreführend zu behaupten, dass diese Frage das Kernstück der Geschichte wäre – der Comic ist keineswegs so sehr auf erotische Sperenzchen aus; da hält er sich, ohne schamhaft irgendwas auszusparen, doch sehr zurück und entwickelt sich eher auf einer emotionalen Basis. Es geht um Liebe, um Treue und um Verrat. Und dann am Ende auch  wieder darum, wie grausam die Launen der Götter sein können, wenn sie einen Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort treffen. Hier bekommt der Humor des Werkes noch einmal eine bittere Note.

 

Die deutsche Veröffentlichung dieses feinen Comics enthält die beiden Teile des französischen Originals ins einem Band - und es tut der Geschichte gut, sie in einem Rutsch lesen zu können -, sowie das inzwischen übliche „Bonusmaterial“ in Form einiger Skizzenseiten. Ein kunstvolles Album, das zwar nicht an weltbewegende Dramen heranreicht, von dem man aber mehr als eine erotisch aufgeladene Körpertausch-Klamotte erwarten darf.

 

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