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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 11:28

    Michaela Konrad: Mondwandler

    14.03.2012

    "Ich dachte: Ich war schon einmal hier"

    Ein kleines, unscheinbares Comic-Büchlein hat es geschafft, BORIS KUNZ auf den Mond zu schicken.

     

    Wie ist es, auf dem Mond zu sein? - Eine Frage, bei deren (theoretischer) Beantwortung ja auch das Medium Comic durchaus eine Pionierleistung vorzuweisen hat. Doch der erste Mondflug jenes pfiffigen belgischen Reporters liegt nun bald 60 Jahre zurück, und inzwischen scheinen sich Mondbesuche ganz anders zu gestalten. Vorbei die ganze Aufregung und die Konzentration auf die technischen Aspekte.

     

    In diesem Band sitzt eine namenlose schöne Frau, die ein kurzes Sommerkleid trägt, im weißen Mondsand wie andere Urlauber am Strand, spielt mit den von Astronauten zurückgelassenen Gegenständen und blickt sinnierend auf jenen zerbrechlich wirkenden blauen Ball in der Ferne, der für unsere Spezies doch noch immer Zentrum sämtlichen Lebens ist.

     

    "Ich fühlte mich nicht wie ein Beteiligter, sondern wie ein Beobachter"

    Nur 24 Menschen war es bislang vergönnt, den Mond wirklich und wahrhaftig zu besuchen. Diese sind inzwischen alte Männer geworden; eine überschaubare Gruppe von Zeitzeugen eines bisher einmaligen Abschnitts der Menschheitsgeschichte: Die „Epoche“ menschlicher Mondlandungen dauerte schließlich gerade von 1969 bis 1972.

     

    Michaela Konrad hat von all diesen „Mondwandlern“ Zitate gesammelt, die sich weniger mit der technischen als vielmehr mit der rein menschlichen Seite eines solchen Mondbesuches auseinandersetzen: Was geht einem Menschen so durch den Kopf, wenn er auf einem atmosphärelosen Himmelskörper durch eine leblose Wüstenlandschaft läuft und die Erde so weit entfernt ist, dass er sie mit seinem Daumen komplett verdecken kann? Die klug ausgewählten Zitate geben darauf spannende Antworten.

     

    Diese Aussagen sind zwar mit Bildern der Mondoberfläche, der Landefähren und Lunarover und unserer schweigsamen Mondreisenden solcherart zu einer Collage arrangiert, dass sie auch die Gefühle und Gedanken der Protagonistin sein könnten. Doch die Dame im blauen Kleid eine Protagonistin zu nennen, wäre eine Übertreibung. Zum einen hat der Comic keine wirkliche Handlung die eines Protagonisten bedürfte, sondern ist eher eine Art meditativer Bestandsaufnahme von Eindrücken; zum anderen hat man, wenn man die Textelemente des Comics liest, eigentlich keine weibliche Stimme dabei im Ohr. Man weiß ja als Leser bereits, dass man es mit Originalzitaten echter Astronauten zu tun hat, und sollte man dies vergessen, erinnern einen die Fußnoten, mit denen jeder Text versehen ist, schon wieder deutlich daran.

     

    "Jemand wird einmal zurückkehren - warum sollte er dann keine Geschichte vorfinden?"

    Diese Zitatesammlung, gemeinsam mit den Kurzbiographien der zitierten Raumfahrer am Ende des Buches, sind der wirklich spannende und beeindruckende Teil des Werkes. Zu erfahren, wie es Leuten gegangen ist, die den Mond betreten haben, und was danach aus ihnen geworden ist, ist eigentlich schon so sensationell, dass die Zeichnungen es schwer haben, dieser dokumentarischen Wucht etwas Gleichwertiges hinzuzufügen. Zum Glück versucht Michaela Konrad gar nicht erst, ernsthaft zu „illustrieren“, was die Textblöcke beschreiben, sondern sie verleiht diesen einen Rahmen, in dem sie wirkungsvoll zur Geltung kommen. Ihre Mondlandschaften sind klar, nüchtern, einfach und etwas stilisiert – und vor allem komplett in schwarz/weiß gehalten.

     

    Farbe bleibt allein der fernen Erde und der namenlosen Reisenden vorbehalten. Diese Figur ist natürlich das Eigentümlichste an dem ganzen Arrangement (vor allem, wenn man nicht damit vertraut ist, dass die Zeichnerin sie bereits auf andere Weltraumreisen geschickt hat, sie also eigentlich auf ein künstlerisches Gesamtwerk über das Buch hinaus verweist). Rein grafisch ist es natürlich ein sehr wirkungsvolles Stilmittel, der farblosen, blassen Umgebung eine Primärfarbenfigur entgegenzusetzen, deren Anwesenheit das Bildarrangement des Albums auch irgendwie zusammenhält.

     

    Es ist nicht so sehr die Anwesenheit der Dame selbst, sondern ihr kurzes Sommerkleidchen, das für einen hohen Grad an Vertfremdung sorgt. Der Figur wird eher die Attitüde eines entspannten Strandurlaubers als die einer völlig in die Beobachtung ihrer neuen Umgebung versunkenen Reisenden mitgegeben. Welchen Unterschied hätten allein solides Schuhwerk und eine Cargohose gemacht, um der Frau die Selbstverständlichkeit eines Strandtouristen zu nehmen und ihr jenes Staunen eines Reisenden mitzugeben, von denen all die Texte um sie herum ja eigentlich sprechen. Jetzt aber wird die Frage aufgeworfen, welches Gefühl jenseits der Textblöcke diese Frau denn eigentlich illustriert...

     

    Einerseits ist Mondwandler also ein spannender Exkurs in eine uns kaum zugängliche Erlebniswelt, andererseits ein schönes Beispiel dafür, was Comic jenseits von plotgetriebenen Genrestücken auch immer wieder sein kann: eine originelle Zusammenstellung von Text und Bild, deren einzelne Elemente sich durch ihre Gegenüberstellung erst so richtig aufwerten.

     

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