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Mézières / Christin: Valerian und Veronique Gesamtausgabe

25.04.2012

Evolution der Bilderwelten

Dass die Sciene Fiction-Serie Valerian und Veronique, die jetzt von Carlsen neu aufgelegt wird, einmal revolutionär gewesen sein mag, erschließt sich heute nicht sofort. Das macht ihre Lektüre aber nicht weniger lohnenswert. Von BORIS KUNZ.

 

Im Jahr 1967, während das Magazin Tintin seinen neuen Helden Luc Orient auf die Spur abgestürzter UFOs im südamerikanischen Dschungel schickt und dabei selbst beim Ausflug auf den fremden Planeten Terrango stilistisch kaum Neuland betritt, geht man beim von René Goscinny betreuten Magazin Pilote einen anderen Weg. Da taucht der Raum-Zeit Agent Valerian auf – das maskuline Kinn derart überbetont, dass er auch in einem Asterix-Abenteuer eine durchaus gute Figur gemacht hätte – und macht sich auf den Weg ins Mittelalter, um dort einen durchgedrehten Technokraten aus der Zukunft aufzuspüren, der im Schloss eines Magiers Zauberformeln studiert, mit denen er Menschen in putzige Riesen, klägliche Drachen oder elegante Einhörner verwandeln kann.

 

Unterstützung erfährt der mitunter auch etwas tollpatschige Held alsbald von der hübschen Amazone Veronique (die im Original übrigens den wunderschönen Namen »Laureline« trägt), die er am Ende als seine neue Gefährtin mit in die Zukunft nach Galaxity nimmt, den Ort, von dem aus er immer wieder in die Vergangenheit der Erde oder auf ferne Planeten aufbrechen wird, um dort im Namen der Menschheitsregierung heikle Missionen zu bestehen.

 

Die Story liest sich wie ein guter, alter Funny, und man wäre kaum überrascht, wenn an irgendeiner Stelle noch die Schlümpfe um die Ecke kämen. Zwar wird in der kurzen Beschreibung der Aufgaben des Raum-Zeit-Services bereits die Vorliebe des Autoren Pierre Christin für Gedankenspiele spürbar, und in den Panels, in denen die düstere Burg des Magiers aus dem nebeligen Sumpf ragt, bemerkt man auch schon das gestalterische Talent von Zeichner Jean-Claude Mézières. Doch ansonsten ahnt man noch nicht, dass diese Serie bald zu Höhenflügen aufbrechen wird, die altbackene Helden wie Luc Orient auch heute noch alt aussehen lassen.

 

Im Weltraum menschelt es

Bereits im nächsten Abenteuer (erschienen 68/69) wird das viel deutlicher: Valerian verschlägt es nun in das vom Meer überspülte New York City des Jahres 1986, um den ausgebüxten Schurken Kombul ein weiteres Mal daran zu hindern, durch Manipulation der Vergangenheit die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Story ist zwar noch etwas holprig und kann sich nicht recht zwischen einer simplen James Bond-Dramaturgie und einer Geschichte über die Auswirkungen von Zeitreisen entscheiden, doch hier entstehen bereits Bilder, die im Gedächtnis haften bleiben: das halb überflutete, von Schlingpflanzen überwucherte New York, in dem die Barkassen von Plünderern unter Hängebrücken ankern oder die in der aufgepeitschten Brandung eines tropischen Sturms zusammenbrechende Freiheitsstatue. Allein schon der Titel der Geschichte: Die Stadt der tosenden Wasser! Langsam entpuppt sich, was Christin und Mézières wirklich sind: Poeten und Philosophen. Und das wird bald die große Stärke ihrer Serie ausmachen.

 

In den anschließenden Folgebänden werden Valerian und Veronique dann endlich in den Weltraum losgelassen, um auf fremden Planeten heikle diplomatische Missionen durchzuführen, Naturkatastrophen zu verhindern oder hin und wieder auch schon einmal den Kampf gegen grausame Tyrannen aufzunehmen. Doch von einem simplen Gut-gegen-Böse-Erzählschema sind die Alben bald schon weit entfernt, und auch die technischen Aspekte von Zeitreise und Raumfahrt rücken gegenüber eher märchenhaften Welten und phantastischen Kreaturen in den Hintergrund. Mit jedem neuen Album ändern sich auch Dramaturgie und Erzählhaltung der Geschichten, von der klassischen Queste zum Stationentheater zur politischen Farce zur Parodie amerikanischer Superhelden-Erzählmuster. Immer öfter wird der Leser nicht sanft in die Geschichten eingeführt, sondern mitten in ein rätselhaftes Abenteuer geworfen.

 

Angenehmerweise ist der augenzwinkernde Humor dabei niemals auf der Strecke geblieben, und der ist es nicht zuletzt, der die Geschichten auch nach 30 Jahren noch so genießbar macht: Die Figuren sind keine strahlenden Helden; oftmals ist Valerian von seinen Aufträgen gehörig überfordert, oft geraten er und Vernoique dabei auf allzu menschliche Weise aneinander. Valerian zögert zwar nicht, sich mutig in jeden Kampf zu stürzen, hat aber dafür selten den von seiner energetischen Partnerin/Geliebten geforderten Mumm, auch einmal den Anweisungen seiner eigenen Regierung kontra zu geben. Die sexuelle Spannung, die zwischen den beiden vorhanden ist, wird von dem Comic mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit miterzählt. Heute mag einem das nicht mehr auffallen, aber dass eine Serie des französischen Mainstream es ihren Protagonisten erlaubt, nicht komplett asexuell zu sein und dass daraus kein großes Aufheben gemacht wird – das ist unter den früheren großen Comic-Klassikern kaum zu finden.

 

In einer weit, weit entfernten Galaxis...

Obwohl Pierre Christin auf dem Buchrücken mit dem Satz zitiert wird, Sciene Fiction böte eine »wunderbare Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen«, ist Eskapismus ein Vorwurf, den man dieser Serie nun wirklich nicht machen kann: Die fremden Zivilisationen, die darin beschrieben werden, sind oftmals gesellschaftliche Utopien und Dystopien, die das politische Bewusstsein ihrer Schöpfer spüren lassen. Die Bilderwelten der Serie sind allerdings viel mehr von poetischer als von symbolischer Kraft. Die in spiralförmigen Wolken über den Himmel ziehenden Vögel des Tyrannen, die verfallenen Paläste der Insel der Kinder, die aus verschiedensten Habitaten zusammengestückelte Raumstation der Botschafter der Schatten – all das sind Beispiele der überbordenden Schöpferkraft von Christin und Mézières, mit der sie gesellschaftspolitische Geschichten in das Gewand außergewöhnlicher Fantasy kleiden.

 

Natürlich war die Serie auch zur Zeit ihrer Entstehung keine radikale Neuerfindung des Science-Fiction- Genres. Doch sind ihre erzählerischen Wurzeln weniger im Comic als in der Literatur zu finden, bei Isaac Asimov oder auch H.G. Wells. Auf visueller Ebene erscheinen Valerians Abenteuer in der Evolution der Bilderwelten heute als interessanter Missing Link zwischen den inzwischen völlig veraltet wirkenden Raumfahrerabenteuern eines Flash Gordon und den modernen Ikonen aus Star Wars. Das im ersten Band enthaltene Zusatzmaterial führt einen ganz erstaunlichen Bildvergleich auf zwischen Zeichnungen aus den frühen Valerian-Alben und den um ein paar Jahre jüngeren Filmbildern aus der klassischen Trilogie von George Lucas. Die Ähnlichkeiten sind stellenweise frappierend. Wenn man sich jetzt klar darüber wird, dass Valerian und Veronique heute teilweise moderner wirkt als die ersten Star Wars-Schinken, dann kann man wohl erst so richtig einschätzen, was Christin und Méziéres geleistet haben.

 

Jeder Sammelband enthält drei Abenteuer sowie interessantes Bonusmaterial – das allerdings manchmal etwas weniger Lobhudelei enthalten könnte.  Das und die Tatsache, dass dem Verlag beim Restaurieren der Langfassung von Die Stadt der tosenden Wasser ein paar dumme Missgeschicke beim Zuordnen der Textblöcke für die Sprechblasen geschehen sind, sind die einzigen kleinen Wermutstropfen in einer sonst sehr zu empfehlenden Sammleredition.

 



 

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