Figuren als Funktionsträger
Der Zorn von Amir und Khalil, die Zahra’s Paradise zuerst als Fortsetzungscomic im Internet veröffentlichten, ist greifbar, ihre Anklage schneidend. Die Mullahs zeigen siel als Vogelscheuchen, den Staatsgründer Chomeini und den geistlichen Führer Chamenei als Fratzen eines gefräßigen Molochs, der wie in dem Filmklassiker Metropolis seine Untertanen verschluckt. Die Abgeordneten des Parlaments sind ihnen Krähen und Geier.
Doch so sehr die Wut auch gerechtfertigt ist, der Comic leidet in seiner Gesamtheit deutlich unter dieser Pamphlethaftigkeit. Anders als in den thematischen verwandten Klassikern Maus oder Persepolis gibt es kaum eine Figur, die nicht in irgendeiner Form repräsentativ sein müsste, kaum eine Idee wird vorgetragen, die sich nicht dem ehrenwerten Zweck einer beißenden Kritik am Gottesstaat unterzuordnen hätte.
Das Gesicht des vermissten Mehdi ist niemals zu sehen, es bleibt eine weiße Projektionsfläche. Und auch seine Familie ist weitaus stilisierter gezeichnet als manche der Nebenfiguren oder die teilweise sehr detailliert gestalteten Hintergründe, die an manchen Stellen mit ihrem Überfluss die vergleichsweise kleinen Panels regelrecht zu sprengen drohen. Denn es gab Tausende wie Mehdi und womöglich Millionen wie Zahra und seinen Bruder.
Und es gibt viel mehr zu erzählen vom Iran, seiner Geschichte und Kultur, deren Mythologien Amir und Khalil immer wieder anreißen. Sie flirten mit den Möglichkeiten, im Comic die Wirklichkeit gerade durch Verfremdung kenntlich zu machen, und entscheiden sich dann doch für einen exemplarischen, leider allzu exemplarischen Plot.