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Montag, 27. März 2017 | 00:48

Interview mit John Layman, Autor von Chew

07.12.2011

»Abstoßendes in Genießbares verwandeln« - ein Gespräch über Hühnchenflügel und Mainstream-Comics

Mit Chew haben Zeichner Rob Guillory und Szenarist John Layman einen Comic über die Absurditäten des täglichen Nahrungsmittelkonsums geschaffen. FALK STRAUB hat sich mit dem Autor über eine Welt nach der Vogelgrippe und dessen Arbeitsweise unterhalten.

 

Herr Layman, mögen Sie Hühnchen?

Und wie! Am liebsten esse ich Chicken Wings. Grillhähnchen oder gebratenes Hähnchen esse ich aber auch gerne.

 

Durch zahlreiche Futter- und Lebensmittelskandale etwa mit dem Darmbakterium EHEC ist das Thema von Chew in Deutschland aktueller denn je. Inwieweit ist die Kritik an der Lebensmittelindustrie beabsichtigt?

Na ja, Chew soll in erster Linie unterhalten. Wenn darin eine Botschaft steckt, ist sie lediglich zweitrangig. Ich schreibe Bücher, um Spaß zu haben, nicht um zu belehren. Davon einmal ganz abgesehen, wenn einen der Comic unterhält und zusätzlich etwas zum Nachdenken anregt, ist das umso besser.

 

In ihrem Comic führt die Pandemie unausweichlich zu mehr staatlicher Kontrolle, was in der absurden Tatsache gipfelt, dass die Lebensmittelaufsicht zur mächtigsten Behörde der Welt aufsteigt. Ist Satire die einzige Waffe eines Autors auf eine Welt zu reagieren, die von (staatlichen) Reglementierungen bestimmt scheint?

Wahrscheinlich nicht seine einzige Waffe, meiner Meinung nach jedoch seine beste.

 

Der Plot von Chew ist recht ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ihre Geschichte in einer Welt nach der Vogelgrippe anzusiedeln?

Chew war ein Einfall, an dem ich seit Jahren gearbeitet habe. In meinem Freundeskreis war es bereits eine Art Running Gag, dass ich dieses Kannibalen-Vogelgrippe-Buch in der Schublade hatte, an dem zwar kein Verlag Interesse zeigte, ich aber eisern festhielt – bis ich mich schließlich dazu entschloss, es selbst zu finanzieren. Aber die erste Idee liegt schon so lange zurück, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wie ich auf sie gekommen bin.

 

Mit Rob Guillory erweckt ein Zeichner ihre seltsame Welt zum Leben, den vor Chew kaum einer kannte. Wie kam ihre Zusammenarbeit zustande?

Ich suchte einen Zeichner und Rob wurde mir von einem gemeinsamen Freund vorgestellt. Ich war schon eine Weile auf der Suche und Rob hatte genau den Stil, denn ich mir für Chew vorgestellt hatte – ein Stil, der etwas Groteskes und Abstoßendes in etwas Genießbares und Witziges verwandeln kann.

 

Guillorys Zeichnungen sind sehr locker und dynamisch. Wie stark sind sie von ihren Skripts vorgegeben?

Rob und ich stehen täglich in Kontakt – wir schreiben uns über Instant Messenger. Meine Skripts sind sehr detailliert, ich bin aber kein Kontroll-Freak. Ich füge in meinen Text zwar bereits häufig Anweisungen über den Seitenaufbau hinzu, so wie ich ihn beim Schreiben der Geschichte vor meinem inneren Auge sehe, ich bin für Robs Änderungen aber offen, wenn er meint, er müsse es ändern oder denkt, er könne es verbessern.

 

Genau so ungewöhnlich wie Story und Zeichenstil ist die Publikationsgeschichte ihres Comics. Obwohl Sie jahrelang als Redakteur beim DC Imprint WildStorm gearbeitet haben, haben Sie sich entschieden, Chew bei Image Comics herauszubringen. Warum?

Ich hatte für Chew anfänglich andere Verlage, insbesondere Vertigo im Sinn, weil ich pro Seite bezahlt werden wollte. Nach etlichen vergeblichen Versuchen und Ablehnungen glaubte ich immer noch an mein Buch, weshalb ich es letztlich selbst finanziert habe. Es stellte sich als die beste Entscheidung heraus, da der Comic alle überrascht hat und ein Bestseller wurde. Jetzt muss ich nicht länger die Rechte teilen.

 

Worin besteht der Unterschied zum Produktionsablauf bei einem großen Verlag wie etwa DC Comics?

Kurz gesagt: weniger Leute und weniger Einmischung. Wir haben keinen Herausgeber, der uns sagt, was wir machen und nicht machen können. Wir stemmen das ganze Buch zu zweit. Rob macht die Bleistift- und Tuschezeichnungen sowie die Kolorierung, ich schreibe, übernehme das Lettering und den Vertrieb. Das war ursprünglich als Sparmaßnahme gedacht, liegt aber auch daran, dass Rob und ich unglaubliche Pedanten sind und niemandem außer uns selbst über den Weg trauen.

 

Sie haben oft erwähnt, dass Chew für einen großen Verlag vielleicht zu leichtfüßig gewesen sein mag. Im Moment scheint die Experimentierfreude etwa mit der Umbrella Akademie oder Sweet Tooth auf den nordamerikanischen Markt zurückgekehrt zu sein.

Ich denke, dass es immer Platz für eine gewisse Vielfalt im Comic geben wird. In der Regel ist es aber eher so, dass die Leute, die den Markt für Mainstream-Comics am Laufen halten an Superhelden-Comics interessiert sind – an einfacher Hausmannskost, die immer wieder dieselbe Geschichte erzählt und dabei nur den Anschein erwecken, innovativ oder anders zu sein.

 

Herr Layman, vielen Dank für das Gespräch.

 

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