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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:32

    Tardi / Manchette: Im Visier

    11.04.2012

    Auf ausgetretenen Pfaden in die Hölle

    Das neue Album von Tardi ist wieder einmal die Adaption eines Thrillers mit Schauplatz Paris. Und das ist auch sehr gut so, findet BORIS KUNZ.

     

    „Ich mag die ausgetretenen Pfade“, schreibt der Krimiautor Jean-Patrick Manchette 1977 an einen Freund und beschreibt damit seine Vorliebe für den düsteren Thriller, in dem es „nur miese Kerle“ gibt. Eine erste Inhaltsangabe von Im Visier hört sich dann auch recht bekannt an: Wieder einmal die Geschichte eines Profikillers, der sich zur Ruhe setzen will, der genug Geld angespart hat, um seinem Beruf den Rücken zu kehren und irgendwo an einem einsamen Fleckchen gemeinsam mit seiner Jugendliebe eine Bar aufzumachen. Und natürlich sehen seine bisherigen Brötchengeber das gar nicht gern. Was dann aber alles passiert, ist so brillant erzählt, dass man sehr froh darüber ist, dass Manchette sich offensichtlich gut auskannte, auf seinen ausgetretenen Pfaden.

     

    Sin City Paris

    Ähnliches kann man ja auch schon lange über Tardi sagen. Kaum ein Album von ihm, das nicht entweder in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges spielt, oder eben eine in Paris angesiedelte Kriminalgeschichte erzählt. Auch er hat seine ausgetretenen Pfade im vorliegenden Album nur ein Stück weit verlassen, indem er sich bis in die 70er Jahre und damit für Tardi schon verdammt nahe an die Gegenwart heranwagt. Aber auch er erweist sich im Umgang mit diesem Stoff als Routinier im besten Sinne: Wozu unnötige Experimente machen, wenn man weiß, dass man mit seinem Stil den zugrunde liegenden Roman nahezu perfekt umsetzen kann.

     

    Zwar schreibe ich das, ohne den Roman zu kennen, aber ich traue es mir zu, nachdem ich bisher noch kein Tardi-Album in der Hand gehalten hatte, dass ich so flüssig und mit so viel makaberer Freude gelesen hätte, wie dieses. Manchettes Erzählung bringt Tardis Stärken als Zeichner zur Geltung, hat aber nichts von den Schwächen, die Tardis eigene Krimierzählungen manchmal aufweisen, jenen Hang zur Konfusion, zum Auftürmen absurder Rätsel mit noch absurderen Auflösungen.

     

    Dieses schwarzweiße Album ist straight forward, ist Sin City mit einem erheblichen Schuss bitterbösem Realismus. Es gibt eine Menge Brutalitäten, die deshalb so wehtun, weil sie mit all der Ungeschicklichkeit und Peinlichkeit behaftet sind, die ästhetisierter Gewaltdarstellung oft fehlt. Die Gangster, Killer und Geheimagenten in dieser Geschichte sind zwar Profis, aber keine Übermenschen. Sie verstehen was von ihrem Job, aber sie machen auch Fehler und Dummheiten. Und fast alle davon haben äußerst fatale Konsequenzen.

     

    Schadenfroher Schlusspunkt

    Schritt für Schritt wird der Rückzugsversuch des Killers Martin Terrier zum Höllentripp. Die Verwandtschaft eines italienischen Mafioso, den Terrier vor längerer Zeit erledigt hat, hat sich auf seine Spur gesetzt, sein „Vermögensberater“ ist mit seinem Ersparten nicht gerade verantwortungsvoll umgegangen, und seine Jugendliebe Alice ist erstens ein ziemliches Luder und zweitens überhaupt nicht begeistert von der Idee, dass Terrier sein vor zig Jahren gegebenes Versprechen, sie eines Tages aus der Kleinstadt ihrer Schulzeit herauszuholen, jetzt tatsächlich wahrmachen will.

     

    Es muss erst eine Menge Blut fließen, bis er sie an seiner Seite hat, doch inzwischen steckt er so tief im Schlamassel und in neuerlichen Geldnöten, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als einen letzten Job anzunehmen. Nur handelt es sich dabei um ein politisches Attentat von erheblichen Ausmaßen. Terrier ahnt zwar, dass ihm in diesem Spiel eine Rolle zugedacht ist, die er äußerst ungern bis zum Ende spielen möchte, aber nicht aus jeder Falle kann man sich den Weg einfach freischießen…

     

    Mehr sollte man nun wirklich nicht verraten, wenn man dem Leser nicht die Freude an dieser zwar wendungsreichen, aber niemals unübersichtlichen, temporeichen, herrlich nüchtern und mit bösem Humor erzählten Story nehmen möchte. Nur auf den letzen Seiten hat man kurz das Gefühl, dass Tardi hier ein vielleicht etwas zu breit und zu dick geratenes Schlusskapitel lieber schnell abarbeitet, als sich komplett darauf einzulassen. Aber dann, auf der allerletzten Seite läuft doch wieder alles in einem stimmigen, bitteren Schlusspunkt zusammen, der einen dieses sehr lesenswerte Album mit einem zufriedenen und auch etwas schadenfrohen Grinsen zuklappen lässt.

     

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