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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 03:51

    Gloris/Lamontagne: Pik As - Die fantastische Detektei

    04.04.2012

    Flora Vernets chaotische Detektei

    Hält man im Comic-Laden eine Ausgabe von Pik As in den Händen, so lässt einen ein Blick in die hervorragend gezeichneten Seiten auf einen humor- und stimmungsvollen Mystery-Thriller hoffen. Hat man sich dann im Wust der immer unübersichtlicheren Handlung verfangen, braucht es ein wenig Abstand, um die Qualitäten der Story würdigen zu können. So jedenfalls ging es BORIS KUNZ.

     

    Der Detektiv Auguste Dupin, der in dieser Geschichte neben anderen aus Literaturklassikern entlehnten Figuren eine zentrale Rolle spielt, war ursprünglich eine Schöpfung von Edgar Allan Poe. Als der erste Ermittler, der durch Logik und Deduktion zur Lösung seiner Fälle kommt, war er das Vorbild für Sherlock Holmes, den Detektiv aller Detektive. Sherlock Holmes konnte dank seines messerscharfen Verstandes und der Klarheit seiner Schlussfolgerungen aus der detaillierten Beobachtung eines vergessenen Spazierstocks ein solides Charakterprofil seines Besitzers erstellen. Das Reizvolle für den Leser liegt in der Verblüffung, wenn ihm bewußt wird, dass der Autor all die Hinweise und Indizien, die zur Lösung des Rätsels geführt haben, keineswegs vor ihm geheim gehalten hat: Alle Zeichen waren da - hätte er sie vielleicht auch selbst richtig deuten können?

     

    Douglas Adams (Per Anhalter durch die Galaxis) hat diese Erzählweise in seinen Dirk Gently-Romanen auf die Schippe genommen, in dem er die Chaostheroie mit ins Spiel gebracht hat. Der Ansatz von Gentlys "holistischer Detektei" besteht in der These: Alles im Universum hängt irgendwie miteinander zusammen. Wenn ein Detektiv an einem Fall arbeitet, ist alles, was ihm begegnet, Teil der Lösung - er muss nur die Zusammenhänge richtig deuten können. Für den Leser heißt das aber eigentlich, dass der Erzähler alle Fäden in der Hand hält. Zwar ist geradezu eine Überfülle von Indizien vorhanden, doch ihre Zusammenhänge können nur von einem auktorialen, allwissenden Erzähler hergestellt werden. Die Verblüffung des Lesers resultiert aus der ins Absurde gesteigerten Kompliziertheit der Lösung.

     

    Thierry Gloris nun lässt den Leser in Pik As mit den Erwartungen, es mit einem verkappten Sherlock-Homes-Abenteuer zu tun zu haben, ins Leere laufen. Nur wer bis zum Ende durchhält, wird mit einer Auflösung im Stil von Douglas Adams belohnt.

     

    Unverdiente Sinnstiftungen

    Wenn man es genau betrachtet, macht der Comic eigentlich von der ersten Szene an keinen Hehl daraus, dass hier Mächte am Werk sind, denen man mit Rationalität kaum beikommen kann. Da wird die zwergenwüchsige Hellseherin Kathy Wuthering nach der Zwiesprache mit dem äußerst mürrischen Geist von Nostradamus in ihrer Badewanne von einem viktorianischen Wolverine-Verschnitt attackiert. Einige Zeit später wird ihr augenloser Leichnahm aus der Seine gefischt - und entpuppt sich bald darauf als Fälschung. Auguste Dupin, unser deduzierender Detektiv, kommt in dem Fall nicht so recht voran und will sich auch von seiner Assistentin Fora Vernet nicht helfen lassen - denn eine Frau als Detektiv, davon hält er nichts.

     

    Flora ist natürlich jung, hübsch, ungestüm, ehrgeizig und vorlaut - also die klassisch-komödiantische Version der liebenswerten und etwas ungeschickten Emanze. Und weil Dupin sie an seinen Fall nicht ran lässt, schnappt sie sich mit einem Trick einen anderen seiner Klienten: den eigenartigen Hugo Beyle, dem in einer dunklen Gasse eine goldene Taschenuhr entwedet wurde, an der aus Gründen hängt, die fast noch merkwürdiger sind als die, aus denen sie ihm gestohlen wurde.

     

    Auguste Dupin, zwar ein konservativer Macho, aber ansonsten eben ein überlegter und vernünftiger Bursche, wird also in die Rolle einer Nebenfigur gedrängt, und die quirlige, unerfahrene Assistentin und ihr freakiger Begleiter übernehmen das Ruder. Und diese Kursübernahme wirkt sich (leider) genau so auch auf die Story aus: Diese steckt zwar voller guter und knallbunter Einfälle, ist aber etwas zu verworren, um von einer Ermittlungs- und Erzählmethode, in der ein Schritt auf den nächsten folgt, gebändigt werden zu können.

     

    Und so werden entscheidende Wendungen unvermittelt aus dem Hut gezaubert, Dupin taucht immer wieder auf, um uns seine Ermittlungsergebnisse mitzuteilen, anstatt uns richtig an ihnen teilhaben zu lassen. Und das Übersinnliche und Phantastische bricht immer wieder in diese Welt ein, ohne so richtig vorbereitet worden zu sein. Am Ende staunt man zwar darüber, dass hinter dem Wust aus Einfällen tatsächlich ein ausgeklügelter Zusammenhang steckte, hat aber irgendwie das komische Gefühl, dass sich die Ermittler  diese Auflösung irgendwie nicht richtig verdient haben...

     

    Dekors ohne Dynamik

    Über eine lange Strecke halten einen die Zeichnungen bei der Stange. Die Darstellungen des Paris um die vorherige Jahrhundertwende - Stories wie diese spielen immer zu dieser Zeit und immer in Paris oder London - sind stimmungsvoll, die Salons und Kellergewölbe, die Industrie- und die Vergnügungsviertel mit viel Gespür für Details und für Raumwirkung in Szene gesetzt. Gleichzeitig wirken die Figuren frisch, modern und lebendig.

     

    Doch leider lässt auch der Zeichner Jaques Lamontagne den Leser ausgerechnet dann etwas im Stich, wenn es um mehr geht als um gefällige Ausstattung. In den Sequenzen, in denen Action gefordert ist, beispielsweise bei einer Kampfszene auf den Schwebeböden eines Theaters, tun die Zeichnungen sich leider etwas schwer damit, wirklich ein Gefühl von Höhe und Dynamik zu erzeugen. Gerade wenn er versucht, beeindruckende Dekors und dynamische Handlung zu verknüpfen, geraten Lamontagnes Bilder zu Guckkästen, in denen man den Ablauf der Action zwar studieren, aber nicht so recht daran teilnehmen kann.

     

    So bleibt der Gesamteindruck dieses vielversprechenden Werkes etwas durchwachsen. Durch die zahlreichen Anspielungen auf alle möglichen Klassiker, durch die vielen Einfälle und die schönen Dekors gibt es zwar immer etwas  zu entdecken, aber eine spannende Spurensuche, die den Leser in Atem hält, oder Figuren, die über ihre ausgestellte Originalität hinaus echtes Charisma entwickeln, hat Pik As leider nicht zu bieten.

     

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