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    Samstag, 29. April 2017 | 05:38

    Craig Thompson: Habibi

    16.11.2011

    Ein Comic-Epos über Liebe und Sex

    Auch Comics können Wälzer sein. So etwa Habibi von Craig Thompson. FREDERIK WILHELMI hat das Werk trotzdem verschlungen.

     

    Habibi von Craig Thompson ist ein großes Werk. Groß in seiner physischen Form, denn mit seinen gut 650 Seiten übertrifft es den Umfang der meisten Graphic Novels um das Sechsfache. Groß an Ehrgeiz, denn es erzählt eine Geschichte von epischer Breite. Es umfasst das Erwachsenwerden, das sexuelle Erwachen und das Leben von Frauen in muslimischen Ländern. Nebenher erfahren Leser und Leserin etwas über islamische Kalligraphie, Alchemie und Mathematik. Das alles wird elegant eingebettet in Geschichten aus dem Alten Testament und dem Koran, die als Analogien für das Geschehen dienen. Groß ist das Buch aber vor allem auch, weil es Craig Thompson gelungen ist, dieses ehrgeizige Vorhaben in einem berührenden und fesselnden Werk umzusetzen.

     

    Das Leben von Dodola und Zam

    Der Comic folgt ungefähr 20 Jahre lang dem Leben von Dodola und Zam. Die beiden Sklavenkinder leben in einer Welt, die nicht ganz erfunden, aber auch nicht ganz real ist. Es ist ein fiktives islamisches Land, das technologisch im mittleren 20. Jahrhundert angesiedelt zu sein scheint, dessen Gebräuche und soziale Hierarchien aber an die frühe Neuzeit erinnern. Vor dieser Welt flieht die junge Dodola und nimmt den noch jüngeren Zam gleich mit. Sie flüchten sich in eine Wüste. Hier wird Zam erwachsen, während Dodola sich, um ihn und sich selbst zu ernähren, den vorbeiziehenden Karawanen als Prostituierte andienen muss. Solange bis die beiden auseinandergerissen und auf unterschiedlichen Wegen wieder in die große Stadt zurück gezwungen werden. Im Harem des Sultans finden sie wieder zueinander.

     

    Wer Craig Thompson von seinem autobiographischen Werk Blankets kennt, dem wird Habibi zunächst etwas fremd vorkommen. Blankets handelt schließlich »nur« von der ersten Liebe zweier Teenager. Aber die Bände haben zumindest ein gemeinsames Thema: das Erwachen der Sexualität und das Reifen unter widrigen, sexuell repressiven Umständen. In Blankets muss das Liebespaar lernen, mit seiner christlich-fundamentalistischen Erziehung umzugehen. In Habibi wird dieses Thema ausgearbeitet und entwickelt. Dodola wird schon als Kind an ihren Ehemann verkauft und muss sich von nun an immer wieder als Prostituierte durchschlagen. Sie kennt ihren Körper nur als Währung. Zam hingegen wächst ohne Sexualerziehung auf und Dodola ist die falsche, um ihm einen positiven Umgang mit seinen erwachenden Gefühlen beizubringen.

     

    Sexualität in all ihren Formen

    Der Comic beschränkt sich jedoch nicht nur auf dieses Motiv: Die Sexualität in all ihren Formen wird angesprochen und sensibel behandelt. Zam kommt auf seiner Flucht bei einer Gruppe Eunuchen unter, die als Frauen leben und lernt so das Leben von Menschen kennen, die die Gesellschaft auf Grund ihrer sexuellen Orientierung ablehnt. Fast schon nebenbei geht es um Wirtschaft und Ausbeutung in einem Land, das dem Süden angehört und das versucht der Industrialisierung des Westen hinterherzuhetzen. Und immer wieder kommt Thompson auf die Kraft und Magie von Geschichten zu sprechen. Diese Geschichten bilden so etwas wie den roten Faden des Buches.

     

     

    Dieser rote Faden ist auch notwendig, denn der Comic lebt von seinen detailreichen Erläuterungen um islamische Mystik und Naturwissenschaft. Diese fügen sich nahtlos in die Geschichte ein, sind immer von Bedeutung für die Beziehung von Zam und Dodola – und erklären die kulturellen Normen, mit denen die beiden aufwachsen. Die Geschichte der beiden ist dazu nicht linear erzählt. Immer wieder wechseln sich verschiedene Handlungsebenen miteinander ab und gehen dann ineinander über. Aber für den Leser bleibt all dies problemlos nachvollziehbar.

     

    Ein Risiko, das sich lohnt

    Der Comic ist elegant und ausdrucksstark gezeichnet. Wie bei Blankets wechseln sich klare, nicht abstrakte Darstellungen mit schwärmerischen Doppelseiten voller Symbolik ab. Strenge Grenzen zwischen den Panels interessieren Thompson nur, wenn die Geschichte sie benötigt, ansonsten gehen sie wild und fröhlich ineinander über, verschwimmen und verschmelzen und stellen so Träume oder Geschichten dar. Auch lassen sich immer wieder Anspielungen auf islamische Kunst entdecken, mit verschnörkelten Rändern und Bilder aus der islamischen Literatur.

     

    Auch der deutsche Reprodukt Verlag hat sich lobende Worte für diese Ausgabe verdient. Sie hält sich eng an das amerikanische Original und so passt der Comic auch in seiner physischen Form perfekt in ein Buchregal voller ehrwürdiger, alter Bücher. Es handelt sich um ein voluminöses Werk, wohl auch, weil es auf angenehmem, etwas dickerem Papier gedruckt ist. Daneben kann man Reprodukt aber auch danken, dass sie sich überhaupt solcher Comics annehmen und sie für den deutschen Markt gestalten. Für einen kleinen Verlag stellt so ein umfangreiches Werk ein gewisses finanzielles Risiko dar. Die erste Auflage von 5000 Stück ist aber schon vergriffen, das Risiko hat sich gelohnt. Dennoch sollte einem die Unterstützung dieses Projekts den stolzen Kaufpreis von 39 € wert sein. Für einen hervorragenden Comic.

     

     

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