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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 05:31

    Howard Cruse: Stuck Rubber Baby

    30.11.2011

    Rückkehr an den Rand des Himmels

    15 Jahre nach seinem ersten Erscheinen unter dem Titel Am Rande des Himmels bei Carlsen hat Cross Cult den Comic-Roman Stuck Rubber Baby in Deutschland neu aufgelegt. Dafür sollten wir dem Verlag dankbar sein, findet BORIS KUNZ.

     

    Und Cross Cult hat sich Mühe gegeben: Die Graphic Novel ist großformatig und in solidem Hardcover herausgegeben, es gibt ein Vorwort der großartigen amerikanischen Comic-Zeichnerin Alison Bechdel  (Fun Home), dazu ein Nachwort von Deutschlands Comic-Papst Andreas C. Knigge - der damals als Chefredakteur des Carlsen Verlages für die erste Übersetzung von Stuck Rubber Baby in eine andere Sprache verantwortlich war - sowie zum Schluss einige Worte und Werkstatteinblicke von Autor und Zeichner Howard Cruse himself.

     

    Nur fiktiv und deshalb echt

    Wer bereits vor der eigentlichen Lektüre etwas von diesem spannenden Zusatzmaterial gelesen hat, weiß, dass Stuck Rubber Baby nicht einfach nur die notdürftig verkleidete Autobiographie des Künstlers ist. Zwar hat Howard Cruse viel Autobiographisches und viele reale Personen und Ereignisse zum Vorbild genommen: Die Hauptfigur Toland Polk ist ganz klar sein Alter Ego, der rassistische Polizeichef des fiktiven „Clayfield“ hat sein reales Vorbild im damaligen Polizeichef von Birmingham/Alabama, aber Fiktionalisierung besteht hier nicht nur aus dem Abändern von Personen- und Städtenamen. Und das will man fast nicht glauben.

     

    Cruse erzählt die Geschichte seiner Jugend - die Geschichte eines jungen, schwulen Mannes im Süden der USA während der Bürgerrechtsbewegungen der Kennedy-Jahre - nicht einfach nach, er konstruiert sie neu. So kann er etwa in der Figur des schwarzen Predigers Reverend Harland Pepper lebendig werden lassen, wie es sich damals angefühlt haben mag, das Wirken von Martin Luther King teilweise persönlich mitzuerleben, ohne dass der Comic sich an der Mythenbildung um eine derartige historische Persönlichkeit beteiligen oder ihr entgegenwirken müsste. Wenn er aus geschichtsbuchträchtigen Ereignissen wie dem zivilen Ungehorsam der Rosa Louise Parks oder dem Anschlag auf die 16th Street Baptist Church fiktive Ereignisse in Clayfield macht, die Toland Polk teilweise hautnah miterlebt, dann kann er sich statt auf deren historische Bedeutung auf die emotionale Wirkung konzentrieren, die diese damals für die Beteiligten gehabt haben müssen.

     

    Die hohe Qualität von Stuck Rubber Baby liegt gerade in der nahtlosen Verknüpfung von politischem und gesellschaftlichem Zeitportrait und einer hochemotionalen Biographie über tragische Freundschaften, unglückliche Liebesgeschichten, darüber, was es für das ganz persönliche Glück oder Unglück eines einzelnen bedeuten kann, in einer so bewegenden Zeit aufzuwachsen. Dieser persönliche Blickwinkel ist so facettenreich erzählt und so konsequent durchgehalten, dass niemals der Eindruck entsteht, Toland Polk und die anderen Figuren der Erzählung wären exemplarische Gestalten, anhand derer eigentlich „nur“ ein Zeitportrait erstellt werden soll. Cruse gelingt es, beiden Anforderungen gerecht zu werden.

     

    Gerade eine europäische Leserschaft wird sicherlich immer wieder darüber staunend erschrocken sein, dass eine Zeit von derartig offenem Faschismus und Rassismus, in der man als Schwarzer oder Homosexueller um sein Leben zu fürchten hatte, in einem Land wie den USA gar nicht so lange her ist. Gleichzeitig gilt die Anteilnahme des Lesers den ganz „alltäglichen“ Problemen der Protagonisten, die der Graphic Novel ihre zeitlose Qualität verleihen.

     

    Toland, der sich nicht nur aus Angst vor gesellschaftlicher Repression, sondern auch aus Angst vor dem vielleicht zu geringen Ausmaß seiner eigenen Beziehungsfähigkeit lange Zeit die eigene Homosexualität nicht eingestehen will, wird schließlich damit konfrontiert, dass seine Vorzeigefreundin Ginger, die eigentlich einer große Liedermacherin werden möchte, von ihm schwanger ist – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt in ihrer Beziehung, an dem ihnen beiden bereits klar geworden ist, dass sie niemals als Paar glücklich werden können. Die Frage, ob dieses Kind nun abgetrieben werden soll, wird zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt und bricht niemals unter dem Gewicht des gesellschaftspolitischen Überbaus der Story zusammen.

     

    Schraffuren schaffen Intensität

    Die Situationen und Figuren dieser Graphic Novel sind in allen Momenten so vielschichtig und lebensnah, dass man immer wieder aufs Neue vergisst, dass Stuck Rubber Baby keine Autobiographie ist. Man ertappt sich immer bei der Annahme, als dies sei Howard Cruse wahrhaftig so und nicht anders zugestoßen, und er habe seine liebevoll gestalteten Schwarz-Weiß-Seiten direkt aus der Erinnerung auf Papier gebannt.

     

    Vier Jahre hat Cruse die Arbeit an Stuck Rubber Baby gekostet, und den Schweiß und die Mühe dieser langen Zeit sieht man jeder Comic-Seite an. Man kann seinen Stil sicherlich nicht als fotorealistisch bezeichnen – ohne die weitere Ausgestaltung mit Schraffuren würden sie sogar recht karrikaturhaft wirken, gerade so wie in Wendel, der Gay-Underground-Comic-Reihe desselben Autors. Doch Cruse hat seinen Zeichnungen anschließend mit großem Aufwand eine erstaunliche Plastizität verliehen, in dem er sie mit Kreuz-, Strich- und Punktschraffuren in unterschiedlichster Intensität und Größe versieht und sich damit letztlich eine größere Palette an „Graustufen“ zu eigen macht, als jede normale Graucolorierung ihm ermöglicht hätte. Man weiß als Leser oft nicht, ob man endlich umblättern oder doch noch einen Augenblick bei diesen wunderbar intensiven Zeichnungen verweilen soll.

     

    Vor 15 Jahren war dieses Werk an der Pionierarbeit beteiligt, dem in Sachen Comics oft recht banausenhaften Deutschland die Graphic Novel nahezubringen. So hat man also witzigerweise mit dem persönlichsten Werk des wichtigsten Comic-Zeichners der schwulen US-Comic-Szene nicht nur ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte, sondern auch ein Stück deutscher Comic-Geschichte in der Hand.

     

    Das einzige, was mir hier gefehlt hat, war ein Lesebändchen.

     

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