Ist "Die gläsernen Schwerter" bourgeonesk?
Nun, da ich meine Begriffsneuschöpfung hoffentlich einigermaßen gut erklärt und mit Beispielen belegt habe, müsste ich mir den Rest der Rezension eigentlich leicht machen können, indem ich Die gläsernen Schwerter von den beiden Damen Sylviane Corgiat und Laura Zuccheri zu einem bourgeonesken Werk erkläre - wobei nur noch hinzuzufügen wäre, dass ich „bourgenoesk“ durchaus nicht ausschließlich zum Zwecke der Stilbeschreibung, sondern auch als positiv konnotiertes Werturteil verstanden wissen möchte. Ganz so einfach will ich es mir aber doch nicht machen.
Das größte Lob für dieses Album muss man Laura Zuccheri aussprechen, deren Zeichnungen für ein Erstlingswerk erstaunlich hohes Niveau haben. Es gelingt ihr, der unbenannten Welt des Albums einen Anstrich von Naturalismus zu verleihen, der einen als Leser beinahe den Geruch der Wälder empfinden lässt, durch die sich die Protagonisten bewegen. Erst auf den zweiten Blick fällt einem auf, dass die Bäume darin doch nicht unserer Welt entsprungen scheinen, dass sie Gesichter haben und Augen und dass man sich in einer Märchenwelt befindet.
Natürlich bewegt sich auch dieser Comic bei der visuellen Neuerfindung von Flora, Fauna, Architektur und Folklore immer auf einem schmalen Grad. Wer hier im Bereich der Fantasy Ungewohntes wagt und sich nicht auf die üblichen Amazonen, Trolle und klauenbewehrten Drachen verlässt, riskiert auch immer, dass die Fremdartigkeit in eine gewisse Lächerlichkeit abgleitet. Auch dieses Album ist davor nicht gefeit. Manche der neuerfunden Tiere wirken doch zu sehr wie eigentümliche Hybriden bekannter Erdentiere und scheinen eher dem Laboratorium von Dr. Moreau als einer eigenen Genese entsprungen. Und der Vater der Protagonistin wirkt mit seinen Zöpfen, seinem ins Rosa spielenden Umhang und seinem ausladenden Kinn eher wie ein Mitglied des Asterix-Dorfes und nicht wie die imposante Vaterfigur, die er eigentlich darstellen soll.
Doch all dies sei verziehen, denn es sind die sowohl phantasievollen als auch handwerklich wunderbar ausgeführten Zeichnungen, die einen in diesen Comic ziehen und die die Schwächen des Szenarios auch noch gleich mit auffangen. Denn diese Schwächen sind leider vorhanden.
Zunächst einmal ist es ganz angenehm, dass man als Leser nicht zu sehr an die Hand genommen wird. Die fremdartigen Wesen dieser Welt sind wie selbstverständlich einfach da, ohne dass uns der Dialog ständig darüber aufklären müsste, wie sie heißen, wie ihre Rasse beschaffen ist und warum man sich vor ihnen in acht nehmen sollte. Man kann und darf das selbst entdecken und sich erschließen.
Leider entdeckt man dabei aber auch, dass viele dieser Gestalten kaum mehr als Staffage sind, und man würde sich doch irgendwann wünschen, dass die riesenhaften, humanoiden Reittiere der Helden einen Namen bekämen, man etwas darüber erführe, wie intelligent sie sind und ob sie sprechen können. Schön wäre es auch, wenn die beiden putzigen Gnome, die unsere Hauptfiguren begleiten, so etwas wie Persönlichkeit hätten, eine eigene Stimme, Attribute, die darüber hinausgehen, knuffig auszusehen und einfach anwesend zu sein.
Die Figuren, für die sich die Autorin wirklich interessiert und denen eine Innenwelt zugestanden wird, sind fast ausschließlich das unbändige Mädchen Yama, das miterleben muss, wie ihre Eltern einem grausamen Tyrannen zum Opfer fallen, und der Einsiedler und ehemalige General Miklos, dessen Schülerin sie wird. Doch selbst diese beiden bleiben in ihren Charakterzügen leider ein wenig oberflächlich und vorhersehbar, sie agieren den Plot aus, anstatt ein spannendes Eigenleben zu entwickeln.