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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 11:22

    Corgiat / Zuccheri: Die gläsernen Schwerter 1: Yama

    18.04.2012

    Bourgeonesk

    BORIS KUNZ hat beschlossen, zur Beschreibung der Comic-Reihe Die gläsernen Schwerter ein neues Fantasy-Subgenre zu definieren.

     

    Ich möchte gerne einen neuen Begriff etablieren (und im folgenden Text möglichst oft gebrauchen), der mir notwendig erscheint, um eine ganze bestimmte Sorte von Comic-Ästhetik zu definieren. Dieser Begriff ist „bourgeonesk“. Dabei habe ich weniger Francois Bourgeons bekanntestes Werk Reisende im Wind im Sinn, sondern vor allem seine SF-Reihe Cyann. Eigenschaften, die diese Reihe auszeichnen und die ich als „bourgeonesk“ verstanden wissen möchte, sollen zu diesem Behuf zunächst näher beschrieben werden.

     

    Was ist "bourgeonesk"?

    1. Ein deutlicher Realismus in der Darstellung von mit großem Stilwillen und visueller Phantasie erdachten fremden Welten und Planeten. Sorgsame und detailreiche Ausgestaltung fremdartiger Kulturen, die eher an die Genauigkeit eines Ethnologen als an die genreüblichen Angebereien erinnern.  Die Helden und Heldinnen sind zwar ansehnlich, besitzen aber nicht die sonst üblichen muskel- oder oberweitenbepackten Superheldenleiber. Die Phantasiewelten wirken glaubhaft und greifbar, weil in gigantischen, fremdartigen Städten die Schattenwürfe exakt stimmen, weil die Gestaltung der dortigen Artefakte und Kunstwerke den Stil einer erfundenen Epoche und nicht den des Comic-Zeichners vermitteln wollen. Die erfundenen Wesen bewegen sich so, als seien auch ihre Körper der Schwerkraft ausgesetzt und durch Evolution statt Magie in die Welt gekommen. Die Lichtstimmungen in den Phantasiewäldern erinnern den Leser an eigene Erfahrungen.  

     

    2. Auch das übliche Erzählschema von bourgenoesker Fantasy lässt sich etwas eingrenzen: Weil der Leser hier viel Zeit zum Verweilen im Detailreichtum des neuen Universums hat, kann es sich der Erzähler leisten, das übliche, klassische Schema der Heldenreise oder Queste zu durchbrechen. Er kann zwielichtige Hauptfiguren einführen, kann weitaus elliptischer erzählen, kann Kapriolen schlagen, weil die Erzählung auf spannenden Charakteren aufgebaut ist, und nicht nur auf dem Versuch, für einen einsamen Helden, möglichst viel Empathie aufzubauen. Hier müssen nicht nur die übermächtigen bösen Gegenspieler (wenn man sie überhaupt braucht) blutrünstig sein, die Bösartigkeit kann hier auch wieder in der Natur der Protagonisten selbst liegen.

     

    Es wird also vor allem versucht, eine Fantasywelt neu zu erfinden, anstatt sie aus möglichst vielen altbekannten Verstatzstücken zusammenzukleistern. Die Seuche wäre so ein Comic mit bourgeonesken Qualitäten, auch Siebengestirn und Die Suche nach dem Vogel der Zeit. NICHT burgeonesk dagegen wäre so etwas wie Legende der Drachenritter oder Conan.

     

    Ist "Die gläsernen Schwerter" bourgeonesk?

    Nun, da ich meine Begriffsneuschöpfung hoffentlich einigermaßen gut erklärt und mit Beispielen belegt habe, müsste ich mir den Rest der Rezension eigentlich leicht machen können, indem ich Die gläsernen Schwerter von den beiden Damen Sylviane Corgiat und Laura Zuccheri zu einem bourgeonesken Werk erkläre - wobei nur noch hinzuzufügen wäre, dass ich „bourgenoesk“ durchaus nicht ausschließlich zum Zwecke der Stilbeschreibung, sondern auch als positiv konnotiertes Werturteil verstanden wissen möchte. Ganz so einfach will ich es mir aber doch nicht machen.  

     

    Das größte Lob für dieses Album muss man Laura Zuccheri aussprechen, deren Zeichnungen für ein Erstlingswerk erstaunlich hohes Niveau haben. Es gelingt ihr, der unbenannten Welt des Albums einen Anstrich von Naturalismus zu verleihen, der einen als Leser beinahe den Geruch der Wälder empfinden lässt, durch die sich die Protagonisten bewegen. Erst auf den zweiten Blick fällt einem auf, dass die Bäume darin doch nicht unserer Welt entsprungen scheinen, dass sie Gesichter haben und Augen und dass man sich in einer Märchenwelt befindet.

     

    Natürlich bewegt sich auch dieser Comic bei der visuellen Neuerfindung von Flora, Fauna, Architektur und Folklore immer auf einem schmalen Grad. Wer hier im Bereich der Fantasy Ungewohntes wagt und sich nicht auf die üblichen Amazonen, Trolle und klauenbewehrten Drachen verlässt, riskiert auch immer, dass die Fremdartigkeit in eine gewisse Lächerlichkeit abgleitet. Auch dieses Album ist davor nicht gefeit. Manche der neuerfunden Tiere wirken doch zu sehr wie eigentümliche Hybriden bekannter Erdentiere und scheinen eher dem Laboratorium von Dr. Moreau als einer eigenen Genese entsprungen. Und der Vater der Protagonistin wirkt mit seinen Zöpfen, seinem ins Rosa spielenden Umhang und seinem ausladenden Kinn eher wie ein Mitglied des Asterix-Dorfes  und nicht wie die imposante Vaterfigur, die er eigentlich darstellen soll.

     

    Doch all dies sei verziehen, denn es sind die sowohl phantasievollen als auch handwerklich wunderbar ausgeführten Zeichnungen, die einen in diesen Comic ziehen und die die Schwächen des Szenarios auch noch gleich mit auffangen. Denn diese Schwächen sind leider vorhanden.

    Zunächst einmal ist es ganz angenehm, dass man als Leser nicht zu sehr an die Hand genommen wird. Die fremdartigen Wesen dieser Welt sind wie selbstverständlich einfach da, ohne dass uns der Dialog ständig darüber aufklären müsste, wie sie heißen, wie ihre Rasse beschaffen ist und warum man sich vor ihnen in acht nehmen sollte. Man kann und darf das selbst entdecken und sich erschließen.

     

    Leider entdeckt man dabei aber auch, dass viele dieser Gestalten kaum mehr als Staffage sind, und man würde sich doch irgendwann wünschen, dass die riesenhaften, humanoiden Reittiere der Helden einen Namen bekämen, man etwas darüber erführe, wie intelligent sie sind und ob sie sprechen können. Schön wäre es auch, wenn die beiden putzigen Gnome, die unsere Hauptfiguren begleiten, so etwas wie Persönlichkeit hätten, eine eigene Stimme, Attribute, die darüber hinausgehen, knuffig auszusehen und einfach anwesend zu sein.

     

    Die Figuren, für die sich die Autorin wirklich interessiert und denen eine Innenwelt zugestanden wird, sind fast ausschließlich das unbändige Mädchen Yama, das miterleben muss, wie ihre Eltern einem grausamen Tyrannen zum Opfer fallen, und der Einsiedler und ehemalige General Miklos, dessen Schülerin sie wird. Doch selbst diese beiden bleiben in ihren Charakterzügen leider ein wenig oberflächlich und vorhersehbar, sie agieren den Plot aus, anstatt ein spannendes Eigenleben zu entwickeln.

     

    Fazit

    Auch wenn man der Geschichte nicht vorwerfen kann, plump zu sein oder einfallslos einem Schema F zu folgen, so hat man doch das Gefühl, dass auch die Autorin sich etwas mehr Mühe hätte geben können, anstatt die Verantwortung, ihrer Phantasiewelt und ihren Figuren Leben einzuhauchen, komplett auf die Zeichnerin abzuwälzen. Corgiat scheint aber eher daran interessiert zu sein, einen Plot voranzutreiben, der sich spannende Konflikte und unerwartete Wendungen für die Folgebände aufheben möchte: Am Anfang des Albums stürzen vier gläserne Schwerter aus dem Himmel auf eine Welt, die durch den langsamen Tod ihrer Sonne dem Untergang geweiht ist. Die vier Schwerter könnten, wenn sie vereint werden, Abhilfe schaffen.

     

    Das erste davon soll Yamas Rachwerkzeug gegen den Tyrannen werden und anschließend in die Hände von Mikos übergehen, der eher die globalen Zusammenhänge und die Rettung der Welt im Kopf hat. Da der erste Band ausschließlich die Geschichte von einem dieser vier Schwerter erzählt, die wohl - wie das Ende erahnen lässt - nicht bei einer simplen Vergeltungsgeschichte halt machen wird, kann man sich als Leser bereits gespannt fragen, welchen Figuren die anderen Schwerter in die Hände gefallen sind und wie deren Schicksale sich noch kreuzen werden.

     

    Trotz der Schwächen ist das Album jedem Freund von Fantasy (besonders der burgeonesken) zu empfehlen.  Das Verweilen bei den wunderbaren Zeichnungen macht Spaß und entschädigt für die nicht sonderlich tiefgreifende Story, der etwas mehr unbourgeoneske Dramaturgie guttäte, die aber immerhin die Hoffnung weckt, dass ihr Potential in den Folgebänden noch ausgeschöpft werden wird.

     

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