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Montag, 27. März 2017 | 00:53

Carre / Mariolle: Smoke City Teil 1

01.02.2012

Ocean´s 11 in Metropolis

Smoke City ist ein Gaunerstückchen, gepaart mit einer angedeuteten Geistergeschichte, bestückt mit Figuren aus Gangsterfilmen aller Epochen und versetzt in ein fiktives Metropolis. BORIS KUNZ findet diese wilde Mischung erstaunlich gelungen.

 

Carmen, ein »Teufel im hautengen Kleid«, eine offenbar gerissene Schurkin, ist dabei, eine Bande von Verbrechern zusammenzutrommeln, mit denen gemeinsam sie vor mehreren Jahren einen großen Coup gelandet hat. Ein geheimnisvoller, diabolischer Auftraggeber bietet ihr viel Geld für den Diebstahl einer Mumie, besteht aber darauf, dass dieser von niemand andrem als Carmens alter Truppe ausgeführt werden darf.

 

Diese besteht neben Carmen aus Cole, dem Mann fürs Grobe, der inzwischen zum Trinker geworden ist, aus Moe, dem Experten für Alarmanlagen, der jetzt für die Polizei arbeitet, aus dem Strategen Franklin, der derzeit in einer Irrenanstalt sitzt, und aus den beiden Kampfkunstexperten Harper und Hideaki, von denen einer das letzte Mal im Knast gelandet ist. Und es kommt ein weiteres Problem dazu: Carmen hat die Mitglieder ihrer Bande damals verraten und sie um ihre Beute gebracht. Die haben also allen Grund, sauer auf sie zu sein.

 

Teufel in hautengen Tuschelinien

Dennoch wird es ihr nach und nach gelingen, die alte Bande zusammenzutrommeln – das hat nicht nur damit zu tun, dass den meisten ihre aktuelle Existenz zum Halse heraushängt, sondern sicherlich auch mit Carmens langen Beinen und den von ihrem hautengen Kleid betonten Rundungen. Oder hat der eine oder andere vielleicht nicht nur die Beute, sondern auch etwas Rache im Sinn? Verwundern würde es wenig, denn die sechs Gangster sind ohnehin eine äußerst fragile Zweckgemeinschaft, zwischen denen es durchaus noch vor dem Einbruch zu einer Eskalation kommen könnte.

 

Dieses ganze Szenario spielt sich in dem fiktiven und etwas zeitlosen Smoke City ab, einer überstilisierten Metropole, die in ihrer Ausgestaltung natürlich stark an Metropolis und all die dazugehörigen Epigonien erinnert. Doch das schadet überhaupt nichts, denn der Debütant Benjamin Carré weiß die retrofuturistische Architektur von Smoke City ebenso gekonnt in Szene zu setzen wie seine Figuren – und zwar auch die ohne Rundungen. Mit seinen teilweise wie übermalte Fotografien anmutenden Hintergründen und der Aquarelltechnik entstehen gewisse Ähnlichkeiten zu John Bolton, doch bei Carré sind die Figuren dann noch ein wenig comicartiger, ihre Farbflächen werden von entschlossenen, schwarzen Tuschelinien in Form gehalten.

 

Cliffhanger auf dünnem Eis

Grafisch vollkommen überzeugend, bewegt sich der Plot von Smoke City auf ähnlich dünnem Eis wie der von Shanghai, der anderen Serie, für die der Szenarist Mathieu Mariolle verantwortlich ist. In Shanghai droht die Mischung aus Film Noir, Heist Movie und Gruselgeschichte darunter zusammenzubrechen, dass der Autor zu viele Genres gleichermaßen bedienen will. Doch diesmal kriegt Mariolle viel besser die Kurve und präsentiert eine Geschichte, die zwar nicht durch großen Anspruch auffällt, aber doch in sich geschlossen bleibt.

 

Zwar hätte man sowohl bei der Charakterisierung  der konzeptionell sehr spannenden Figuren als auch beim Masterplan der Gauner, wie sie die große und sperrige Mumie aus dem Museum kriegen, durchaus mehr in die Tiefe gehen können, doch dafür ließt sich die Geschichte flott und flüssig. Man bleibt am Ball, ohne von zu vielen Komplikationen und Twists verwirrt zu werden – was bei Geschichten dieser Art immer auch eine Gefahr darstellt. Das Ende hat dann sogar eine tatsächliche Überraschung und einen interessanten Cliffhanger zu bieten.

 

Auch wenn Mariolle das Potential von Smoke City nicht ganz ausschöpft, ist dies – nicht zuletzt wegen der gelungenen Grafik – ein lesenswertes Album. Es vermittelt eine Ahnung davon, wie Oceans 11 aussehen könnte, wäre der Stoff in den 30er Jahren von Terry Gilliam verfilmt worden…

 

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