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    Moore / Bennet / Veitch u.v.A.: Supreme - The Story of the Year

    23.11.2011

    Die kenntnisreichen Phantasien des Alan Moore

    1997 wurde Alan Moore für seine Interpretation des Superhelden Supreme mit dem Eisner-Award ausgezeichnet. Nona arte hat diesen Zyklus jetzt neu und zum ersten Mal vollständig in Deutschland aufgelegt. Wer wie BORIS KUNZ mit Superheldencomics aufgewachsen ist, der kann eigentlich gar nicht anders, als daran seine helle Freude haben.

     

    Eine Superhelden-Comic-Serie läuft nicht mehr so richtig und wird einem neuen Autor übergeben, der einen Großteil der bisherigen Continuity ignoriert bzw. bewusst über Bord wirft, um dem Helden ein neues Aussehen, einen neuen Background und den Geschichten einen ganz neuen Ansatz zu geben. Das ist in den USA im Superheldengenre gang und gäbe, führt mal zu legendären Storylines (z.B. Frank Millers Daredevil), mal zu peinlichen Misserfolgen, die schnell wieder aus der Chronologie getilgt werden (z.B. John Byrnes Spiderman). Dass aber ein Autor die Revision selbst noch zum Thema der neuen Geschichte macht und sie den Helden bewusst erleben lässt, das schafft nur Alan Moore.

     

    Mythenschöpfung aus Absurditäten

    Supreme, ein nur notdürftig verklausulierter Superman-Epigone, ein strahlender Held mit gewaltigen Superkräften (»Seine Kräfte sind möglicherweise so schlecht definiert, dass er praktisch zu allem in der Lage ist.«), kehrt nach einem längeren Aufenthalt im Weltraum auf die Erde zurück, auf der aber einiges im Argen liegt: Zwei verschiedene Versionen der Erde scheinen parallel zu existieren und einander zu überlagern, als ob man ein 3D-Bild ohne Brille betrachtet. Mehrere, teilweise kurios verzerrte Versionen seiner selbst tauchen auf und führen Supreme in einen Ort jenseits aller Dimensionen, das »Supremat«, wo er auf eine ganze Legion von Ausgaben seiner selbst trifft.

     

    Dort erfährt er, dass der augenblickliche Zustand der Erde mit einer sogenannten »Revision« zu tun hat, einer periodisch immer wieder einsetzenden Veränderung der Realität, die jedes Mal zur Folge hat, dass eine komplett neue Ausgabe von Supreme entsteht, die dann eine Reihe von Jahren über die Erde wacht – um anschließend, mit der nächsten Revision und dem Auftauchen einer neuen Inkarnation, seine Rente auf alle Ewigkeit im »Supremat« zu verbringen. Mit dieser Story, die er seinem Supreme-Zyklus voranstellt, macht Alan Moore sofort unverblümt klar, was er vorhat: Das ganze Supreme-Universum neu zu erfinden und diese Neuerfindung auch gleichzeitig zum Thema zu machen.

     

    In den folgenden Geschichten erkundet Supreme nach und nach seine »Vergangenheit«, obwohl ihm selbst klar ist, dass diese Vergangenheit gerade erst erfunden wurde. Damit erinnert er an Bastian, den Helden von Michael Endes Unendlicher Geschichte, der das Land Phantasien samt einer schon vorhandenen Vergangenheit neu erfindet. Dass Supreme durchaus Passagen aufweist, die an die Poesie eines Michael Ende heranreichen, obwohl es sich eigentlich als ungeheuer selbstreferenzielle Superman-Parodie liest, beweist einmal mehr Alan Moores Meisterschaft als Comic-Autor.

     

    Die meisten Merkmale, die Moore als Autoren ausmachen, sind auch hier überdeutlich vertreten: die De- und Neukonstruktion von Genremythen (Watchmen oder The League of Extraordinary Gentleman) oder das Bereisen von Dimensionen kollektiver Vorstellungskraft (Promethea). Doch im Gegensatz zu dem oft sehr düsteren Tonfall, den Moore in diesen Werken anschlägt, tummelt er sich hier mit spürbarem Vergnügen auf seiner Spielwiese – und diese Freude überträgt sich auf den Leser in Form eines sehr hohen Unterhaltungswertes.

     

    Wenn immer sich Supreme an seine Vergangenheit erinnert, werden »alte« Ausgaben aus der fiktiven Frühzeit der Comicreihe in die Handlung integriert. Das ist natürlich in erster Linie eine herrliche, sehr liebevolle Parodie auf alte Superman-Geschichten, wird aber nach und nach zu einem Streifzug durch die gesamte Stilgeschichte der Superhelden-Comics. Natürlich ist dieser sehr intellektuelle Spaß, geschaffen vor allem für jene, die sich im Superheldenuniversum gut auskennen. Wer also früher die Superman-Taschenbücher aus dem Ehapa-Verlag gesammelt hat und seitdem ein wenig auf dem Laufenden geblieben ist, was die Entwicklung der Superhelden-Comics angeht, kommt hier viel mehr auf seine Kosten als ein weniger genreaffiner Leser.

     

    Supreme ist in erster Linie Superman, inklusive einem Superhund, einer Schwester mit ähnlichen Fähigkeiten, einer geheimen Festung und einem sehr deutlich an Batman erinnerndem »guten Freund«. Speziell das DC-Universum wird mit großer Detailfreude und Einfallsreichtum liebevoll auf die Schippe genommen. Die mit einem übertrieben sexuell aufgeladenen Körperbau und einem lächerlich knappen Kostüm ausgestattete Heldin »Glory« (alias Wonderwoman) bemerkt in einem nostalgischen Augenblick: »Von den Vierzigern bis in die Sechziger wurde ich alle zwei Monate irgendwo gefesselt! Ist das nur mir passiert oder habt ihr das auch mitgemacht?« Konsequent treibt Supreme alle Absurditäten des Genres auf die Spitze. Wenn die Fantastic Four es einst mit Ego, dem lebenden Planet, zu tun bekamen, dann muss Supreme antreten, um seine Schwester aus der Gefangenschaft von »Gorrl, der lebenden Galaxie« zu befreien.

     

    Doch bei all diesen Kapriolen gelingt es Moore doch immer wieder, über die Parodie hinausweisende Gedankenspiele einzubauen: »Quasare, mysteriöse Signale tief aus dem Weltraum: Mein Gott, sind es tatsächlich die Walgesänge von wandernden Galaxien?« Moore gelingt es, keine der Albernheiten, die vor allem für die 50er und 60er Jahre der DC-Comics bezeichnend waren, auszuklammern und darin trotzdem eine ganz eigene Poesie zu etablieren.

     

    Spaß auf mehreren Ebenen

    Allerdings ist das Vorgehen Moores auch selbstreferenziell bis zum Gehtnichtmehr: Er verpasst Supreme eine Geheimidentität als Comic-Zeichner Ethan Crane, der darunter leidet, die Abenteuer von Omniman unter der Regie eines verrückten britischen Gastautors zeichnen zu müssen, der die Chronologie der Geschichte über den Haufen wirft, und sich nur dafür zu interessieren scheint, wie man altgediente Superhelden skandalträchtig »rebooten« kann. In einer weiteren Story, in der das merkwürdige Liebesleben von Superhelden ausgelotet wird, trifft Ethan sich dann mit Diana Dane, der neuen, bildhübschen Autorin für Omniman, um mit ihr eine Liebesgeschichte zu entwerfen. Während man also darauf hofft, dass Ethan und Diana sich endlich küssen, fallen in deren Gespräch über ein mögliches Omniman-Szenario Sätze wie: »Die Szene lebt davon, dass der Leser sich fragt: Hey, wann passiert´s endlich

     

    Immer wieder ist der Bogen auch kurz davor, überspannt zu werden – das fällt vor allem in den Momenten auf, in denen die Helden der Geschichte sich, wie in den alten Filmparodien bei MAD, beinahe darüber im Klaren sind, dass sie lediglich Comic-Figuren sind: »Androiden. Ihre Dialoge sind so schlecht wie früher Das fällt vor allem dann auf, wenn Moore mit einem der größten Tabus in Comic-Serien bricht: Es werden ständig explizit Jahreszahlen genannt. Immer wieder geht es darum, was in den Vierzigern den Fünfzigern, den Siebzigern los war. So etwas kann sich keine reguläre Superheldenserie erlauben, deren Helden bei normaler Chronologie schon längst in ihren eigenen 70ern angekommen sein müssten. Alan Moores Supreme ist also so eine Art: »Was wäre, wenn Superhelden die logischen Unstimmigkeiten ihres eigenen Universums auffallen würden?«

     

    Alan Moores Antwort auf diese Frage ist ein hochgradig amüsanter Zyklus (von nona arte in zwei Bänden veröffentlicht), der am Ende auch geschickt über die ganze Geschichte verstreute Motive wieder aufgreift und zu einem erstaunlich gelungenen Ganzen führt.

     

    Allerdings muss man sich klar darüber sein, dass es sich um einen sehr intellektuell-reflektierenden Spaß handelt: Auch wenn (oder gerade weil) die Dichte an witzigen Einfällen sehr hoch ist: Insgesamt ist die Geschichte doch etwas geschwätzig. Es wird sehr viel geredet, erinnert und schwadroniert – um Supreme tatsächlich auch als Superhelden-Comic lesen zu können, fehlen vielleicht doch ein paar Passagen, in denen es ausnahmsweise einmal richtig Krachbumm macht! Natürlich gibt es auch Kämpfe, aber die hauen einen als solche kaum vom Sockel. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen ist dabei noch die Qualität der Zeichnungen – während die nostalgischen Teile eine sehr liebevolle Ausgestaltung an den Tag legen, bewegt sich Supremes Gegenwart zeichnerisch leider auf einem Level, der in den neunziger Jahren absoluter Durchschnitt war. Und es fühlt sich leider nicht so an, als ob das auch Teil des Konzepts wäre.

     

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