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Moore / Burrows: Neonomicon

18.01.2012

Die abgründigen Phantasien des Alan Moore

Manche Menschen würden von dieser Lektüre abraten. Nicht so BORIS KUNZ.

 

Alan Moore ist inzwischen eine der zuverlässigsten Konstanten der Comic-Welt. Man weiß zwar, dass man auf seine Werke inzwischen lange warten muss, aber auch, dass sich dieses Warten lohnen wird. Man weiß ebenso, dass dort, wo Alan Moore draufsteht, immer auch mehr als nur Alan Moore drin ist. Bei den Eskapaden der League of Extraordinary Gentlemen ist es fast schon die gesamte britische Literaturgeschichte, in seinem gefeierten pornographischen Werk Lost Girls macht er gnadenlos aus jeder denkbaren sexuellen Konnotation von Alice im Wunderland, Peter Pan und dem Zauberer von Oz unmissverständlichen Hardcore-Sex, und in Neonomicon… ja, da macht er etwas ganz Ähnliches mit den Werken von H.P. Lovecraft.

 

"Neuerschaffen aus Zitaten..."

Die Handlung in Neonomicon ist recht geradlinig. FBI-Agenten sind bizarren Serienmorden auf der Spur. Ihre Ermittlungen führen zu einer Subkultur aus Punkrock, Drogenszene und Swingerclubs, in denen der lovecraftsche Cthulhu-Mythos offenbar einen hohen Stellenwert hat. Wie gefährlich die Anziehungskraft dieses Universums sein kann, das werden die Ermittler  bald am eigenen Leib erfahren.

 

Lovecraft hat ja mit seinen Horrorgeschichten etwas ganz Erstaunliches losgetreten, indem er ausdrücklich anregte, auch andere Schriftsteller könnten sich an der Ausgestaltung seiner Parallelwelt voller uralter, dämonischer Wesenheiten beteiligen. Es ist eigentlich ein Wunder, dass Alan Moore, der Meister der Neuschöpfung aus Zitaten, sich erst so spät in dieser Deutlichkeit an dem Spaß beteiligt hat - wobei der aufmerksame Leser auch in anderen Werken, wie etwa den Extraordinary Gentlemen, auf zahlreiche Lovecraft-Anspielungen stoßen wird. 

 

Doch Moore wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht auch schon wieder einen Schritt weiterginge und das ständige Zitieren nicht selbst schon wieder zum Thema der Geschichte machen würde. Die Anspielungen auf den Cthulhu-Mythos werden von den Figuren im Neonomicon auch als solche erkannt und deklariert – was aber natürlich dennoch nichts daran ändern wird, dass der Horror in ihre Welt einbrechen wird. Und das geschieht dann drastischer, als es bis jetzt vermutlich irgendein anderer Autor gewagt hat.

 

Gut gezeichnete Abgründe

Moore konzentriert sich auf das bei Lovecraft selbst immer dezent ausgesparte Element des Sexuellen, und er tut das in einer Deutlichkeit, die noch vor wenigen Jahren vermutlich Anlass zu ernsthaften Zensurdebatten gegeben hätte. In den USA hat die zweite Ausgabe von Neonomicon, die relativ ausführlich eine Orgie inklusive Vergewaltigung beschreibt, dann auch zu hitzigen Debatten in der „Bloggosphäre“ geführt, und ein Onlinevertrieb hat den Comic sogar aus dem Programm genommen, um keine Plattform kranken Phantasien mehr zu bieten.

 

Im Gegensatz zu Autoren wie Garth Ennis, die manchmal nur noch um der Provokation Willen provozieren, ist Alan Moore aber gar nicht auf Skandale aus. Er provoziert, weil er seine Themen ernst nimmt, weil eine Vergewaltigung bei ihm so direkt, ungeschminkt und nachvollziehbar daherkommt, dass man sie als Leser beinahe körperlich spüren kann. Alan Moore braucht keine Überraschungseffekte  - jeder, der die Andeutungen in der Geschichte aufmerksam wahrgenommen hat, weiß, was kommen wird - und keinen Splatter, um den Leser kalt zu erwischen. Moore ist einfach ein so guter Erzähler, dass man sich als Leser den relativ wenigen, aber gut platzierten Schockeffekten dieser im Grunde außerordentlich simplen Geschichte kaum entziehen kann. Im Gegensatz zu Watchmen oder Supreme baut Moore diesmal nicht zehn verschiedene Metaebenen in seine Geschichte ein, sondern konzentriert sich darauf, einen relativ einfachen Plot ohne Kapriolen, aber auch ohne Kompromisse durchzuspielen.

 

Die große Frechheit Moores dabei ist, eine intensive Vergewaltigungsphantasie zum Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte zu machen, ohne dabei gleichzeitig das Thema Missbrauch politisch korrekt aufzuarbeiten. Dabei ist er allerdings kein Menschenfeind, sondern nur jemand, der keine Scheu davor hat, auch seine abwegigsten Phantasien ohne Selbstzensur zu ergründen. Und deswegen ist Neonomicon eben auch eine Horrorgeschichte: Weil sie dahin geht, wo es wehtun kann.

 

Jacen Burrows, der Zeichner, liefert hier eine seiner besten Arbeiten ab. Moore gibt ihm ein klares, streng formalistisches Konzept vor (beinahe jede Seite der Vorgeschichte ist in zwei hochformatige, und jede Seite der Hauptgeschichte in vier querformatige Panels identischer Größe eingeteilt), aus dem er dann aber an entscheidenden Stellen ausbrechen und sich in apokalyptischen Visonen ergehen kann (die auch schon bei Wormwood seine größte Stärke waren, in dem Burrows ansonsten ja relativ geschwächelt hat). Man wünscht sich, etwas mehr von den wunderbaren Covermotiven zu haben, die keine Szenen aus der Geschichte selbst wiedergeben, sondern weitere Interpretationen des lovecraftschen Schreckens, die in der Story selbst nur angedeutet werden. Diese sind leider nur in sehr verkleinerter Form in der Umschlagklappe zu bewundern.

 

Eines der beeindruckendsten dieser Variant-Cover ziert dann auch die deutsche Ausgabe, in der löblicherweise nicht nur die vier US-Ausgaben von Neonomicon, sondern auch die zwei Ausgaben der Vorgeschichte The Courtyard versammelt sind, die das Werk damit wunderbar abrunden. Obwohl für mich einer der besten Comics des letzten Jahres, in dem erzählerische und zeichnerische Qualität wenig zu wünschen übrig lassen, kann man Neonomicon wohl nicht uneingeschränkt weiterempfehlen  - aber wer etwas leicht Konsumierbares möchte, der sollte bei Alan Moore sowieso vorsichtig sein.

 

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