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David Boller bei Marvel Comics auf der Frankfurter Buchmesse

20.10.2011

Marvel war viel lockerer als erwartet

Wer zeichnen kann, der kann beim großen US-Verlag Marvel einfach hineinspazieren und eine Comic-Serie nach eigener Wahl übernehmen. So erging es zumindest dem Schweizer David Boller. Im Gespräch mit ANDREAS ALT erzählt er, dass seine verblüffende Karriere aber dennoch nicht ganz so einfach verlief.

 

Der Schweizer David Boller hat eine für eine deutschsprachigen Comic-Zeichner bemerkenswerte Karriere hingelegt. 1992 ging er 24-jährig mit einem Stipendium der Stadt Zürich an die Joe Kubert School of Graphics and Cartoon Art in New Jersey, übersprang dort gleich die erste Klasse wegen besonderer Begabung und zeichnete ab 1993 an den bekanntesten US-Superheldenserien mit: Spider-Man, X-Men und Batman. 1996 erlebte er den Anfang der bis heute anhaltenden Krise der US-Comicindustrie mit der Pleite des Comicvertriebs Capital City sozusagen am eigenen Leib mit. Trotzdem arbeitete er noch bis 2008 weiter in den USA. Dann gründete er in der Schweiz seinen eigenen Verlag, Zampano, und gehört dort zu den Pionieren bei der Vermarktung von Comics im Internet und in gedruckter Form.

 

Wie er in die USA kam und dort in kurzer Zeit zum Profizeichner avancierte, hat Boller inzwischen in dem autobiografischen Comic Ewiger Himmel darzustellen begonnen. Die Story erzählte er jetzt noch einmal auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Bernd Glasstetter von Splashcomics. Darin stellt er sich als durchaus überdurchschnittlich begabten Künstler dar, der aber auch mit viel Glück und etwas Chuzpe in die US-Comic-Szene hineinstolpert und auch gleich Arbeit findet, ohne größere Barrieren überwinden zu müssen. Im Gespräch mit titel-magazin.de räumte er anschließend ein, manche Erlebnisse habe er übertrieben, um Kontraste besser herauszuarbeiten. Letztlich ist es aber offenbar im Prinzip so gewesen, wie es in Ewiger Himmel dargestellt wird.

 

Boller kam einfach nicht wieder zurück

Boller hatte sich als Teenager für die Condor- und Williams-Ausgaben der US-Marvel Comics begeistert. 1986 reiste er erstmals in die USA und begann darauf, auch Originalausgaben zu lesen. Daraus erwuchs der Wunsch, im »Comic-Land Nummer eins« selbst Zeichner zu werden. Er brauchte die Comic-Schule, um eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu bekommen, aber letztlich sei er dort hingegangen und »einfach nicht wieder zurückgekommen«, erzählte er auf der Buchmesse. Joe Kubert, einer der letzten noch lebenden Künstler, die schon in den 40er und 50er Jahren, dem so genannten »Golden Age of Comics«, aktiv waren, sagte dem ehrgeizigen Europäer auf den Kopf zu, er werde es nicht schaffen, bei Marvel zu landen. Dafür eigne sich sein Stil nicht. Aber Boller ergatterte ein Vorstellungsgespräch bei einem Redakteur.

 

Dieser Mitarbeiter betreute ausgerechnet die simpel gestrickte Selbstjustiz-Serie The Punisher, für die Boller sich selbst nicht geeignet fühlte. Wie er in Ewiger Himmel darstellt, nutzte er aber die Gelegenheit, als der Mann kurzzeitig sein Büro verließ, um an einer anderen Tür zu klopfen, hinter der der Redakteur seiner Lieblingsserie Excalibur saß. Nachdem der einen kurzen Blick in seine Mappe geworfen hatte, fragte er: »Was willst du?« Boller entgegnete verblüfft und hilflos: »Ich möchte Excalibur zeichnen.« Zu seiner absoluten Überraschung sagte der Redakteur: »Gut, kannst du machen. Wir schicken dir das Script.«

 

Eine völlig bizarre Truppe

Erstaunlicherweise war alles viel lockerer, als ich es mir vorgestellt hatte«, sagte Boller im titel-magazin-Interview. »Ich dachte, dass es mehr Kontrolle geben würde. Aber du bekommst ein Script, und dann lassen sie dich arbeiten. Die sind froh, wenn du die Seiten ablieferst, es sei denn, du lieferst völligen Mist ab, sonst wird nichts korrigiert.« Wenn Boller die Seiten eines Hefts persönlich in der Redaktion ablieferte, erlebte er noch ähnliche Verlagsräume wie in Marvels großer Zeit in den 60er Jahren: »Wenn du reinkamst, sahst du das so genannte Bullpen. Da machten Grafiker das Lettering und klebten die Schriftzüge von Hand auf. Ein Großraumbüro. Da saßen Rastafaris, eine Schwarze sah aus wie ein Supermodel, aber hat nur Schriftzüge aufgeklebt. Es war  eigentlich eine völlig bizarre Truppe. Wenn du nach hinten geguckt hast, gab’s da eine lange Wand mit einem Büro neben dem anderen. Jeder Redakteur und sein Assistent hatten ein Büro. Damals hat jeder Redakteur sechs Titel betreut. Du gingst ins Büro rein, und da lagen viele Stapel von Sachen – Heftchen, Originalseiten. Manche Redakteure waren besser organisiert und hatten Schubladen, wo sie die Titel ablegten, was wirklich zweckmäßig war.«

 

Die Arbeitsatmosphäre war laut Boller deutlich angenehmer als beim großen Konkurrenten DC (Superman, Batman): »Bei DC waren die Leute nicht so kollegial. Ich kann mich erinnern, als ein Redakteur gefeuert wurde – das war vielleicht 2002. Da haben Leute Partys geschmissen aus Freude, dass der endlich weg war. Der hat so viele Leute und auch mich dermaßen runtergemacht, einfach eine unsympathische Person.« Marvel hatte den einstigen Marktführer DC längst überholt, was dort aber nicht für Demut sorgte: »Die Leute, die Green Lantern machten, wurden zum Beispiel in der Szene ausgelacht! Es war die Zeit, als du nicht an DC-Titeln arbeiten wolltest, denn es gab keine Tantiemen. Als ich Spider-Man machte, gab es reichlich Tantiemen neben der page rate. Aber innerhalb von drei Jahren ist es soweit gekommen, dass alle nur noch von der page rate lebten.«

 

Boller spielt auf die Krise von 1996 an. Er hatte da den Großverlagen den Rücken gekehrt und wollte bei einem unabhängigen Kleinverlag, Caliber Comics, eine neue Serie namens Kaos Moon starten. 22 000 Hefte der ersten Ausgabe seien vorbestellt gewesen. Genau da musste Capital City Konkurs anmelden. Die Bestellungen wurden halbiert. Zu allem Überfluss bekam auch der Sonneberger Alpha Verlag (Schwermetall), der die deutsche Übersetzung machte, zur selben Zeit wegen einer Beschlagnahmungsaktion Schwierigkeiten, die ihn letztlich zur Aufgabe zwangen.

 

Held mit großer Nase und wulstigen Lippen

Boller war damals von der Marvel Comics Group enttäuscht. Im US-Produktionssystem hatte er sich behauptet, aber er hatte als europäisch geprägter Künstler doch zunehmend Schwierigkeiten mit den amerikanischen Verhältnissen. Mit seinen Tuschern war er fast immer unzufrieden. Ihm wurde aber nicht erlaubt, seine Zeichnungen selbst zu inken. Auch die Scripts seien immer schlechter geworden, ohne dass er die Möglichkeit hatte, sie zu verbessern. Die Regeln der political correctness und des Jugendschutzes gingen ihm auf die Nerven: »Der Zeichner muss zum Beispiel wissen, wie ein Paar im Bett liegen darf. Es dürfen keine Geschlechtsteile zu sehen sein. Bei Gewalt: keine Durchschusswunden. Das Projektil darf in den Körper rein-, aber nicht rausgehen. Aber das Lustigste war: Bei meiner ersten regulären Serie, Night Trasher mit einem schwarzen Superhelden, habe ich einen Riesenfehler gemacht, indem ich wirklich einen schwarzen Mann gezeichnet habe. Ich bekam sehr viele Leserbriefe von African Americans, die es toll fanden, dass der Held eine große Nase und große Lippen hatte. Es gibt allerdings keinen Markt für schwarze Superhelden. Die Schwarzen wollen weiße Superhelden sehen. Man hat dann vielleicht ein paar Schwarze oder Asiaten dabei als Alibifiguren. Im Kino ist das auch so. Da gibt es all die politischen Gruppen, die demonstrieren, wenn du das nicht machst. Diese politisch korrekten Sachen, das ist in Amerika eigentlich schlimmer geworden.«

 

Boller wollte allerdings seine Serie so lange zeichnen, wie es vereinbart war. Er stieg bei Marvel wenige Monate vor der Capital-City-Pleite aus. Heute versucht er, eine Superheldenserie in der Schweiz zu etablieren: Tell. Der Schweizer Nationalheld ist bei ihm ein künstliches Wesen und fremdgesteuerter Antiheld. Boller versteht ihn als Antwort auf eine von Islamismus und Finanzkrisen veränderten Welt. Anfangs bewarb er die Serie nur im Internet. Nach 150 000 page views begann er, sie in Albenform anzubieten. In der deutsch- und französischsprachigen Schweiz ist sie nach seinen Worten ein guter Erfolg, auch unterstützt durch einen Bericht im Schweizer Fernsehen. Auch das ZDF und 3sat griffen Tell auf. In Frankreich hat Boller mit Tell nicht Fuß fassen können. Aber er ist zuversichtlich: »Wir schreiten voran.«

 

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