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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 19:18

    The Walking Dead - Interview mit Charlie Adlard

    20.10.2011

    The Artist of the Dead

    Die Zombieserie The Walking Dead hat sich in den letzten sechs Jahren vom Geheimtipp zum Kassenschlager entwickelt. In den USA erscheint bald Heft Nummer 100, Frank Darabont (Die Verurteilten, The Green Mile, Der Nebel) hat für AMC daraus eine Fersehserie geschaffen, die bereits seit zwei Staffeln läuft. Zeichner Charlie Adlard war in Deutschland, um Band 14 der deutschen Sammelausgabe vorzustellen. BORIS KUNZ hat mit ihm gesprochen.

     

    Der Comic-Autor Robert Kirkman war ein großer Fan von Zombiefilmen. Sie hatten für ihn nur ein Problem: Sie waren zu schnell vorbei. Also begann er seine Comic-Serie The Walking Dead mit dem Vorhaben, die Zombieapokalypse einmal ordentlich zu erforschen, ohne auf ein absehbares Ende festgelegt zu sein. Nach annähernd 100 Ausgaben kann man sagen, dass er diesem Vorhaben treu geblieben ist und es geradezu vorbildlich umgesetzt hat. Während der Filmmarkt eher auf Zombie-Komödien oder agilere »Super-Zombies« setzt, liefert uns Kirkman quasi einen Old-School-Zombiefilm, dessen erfreulichste Eigenschaft tatsächlich die ist, kein Ende zu haben.

     

    So können immer wieder spannende Figurenkonstellationen entstehen, Charakterentwicklungen stattfinden, »Sozialstudien« betrieben werden - und vor allem ermöglicht ein Personal aus Figuren, die länger als 90 Filmminuten überleben dürfen, dem Leser eine emotionale Bindung an den Fortlauf der Geschichte, die mit Fernsehserien vergleichbar ist und die Kirkman den Einsatz von Schockeffekten ermöglicht, die weit brutaler sind als jeder Splatter. Kirkman ist nicht nur ein guter, sondern auch ein gnadenloser Autor, der nicht davor zurückschreckt, zentrale Figuren der Serie unvermittelt sterben zu lassen. Dadurch vermittelt sich die Atmosphäre ständiger Spannung und Bedrohung, in der die Protagonisten der Serie leben, in sehr direkter Weise auch dem Leser.

     

    Hauptfigur ist der ehemalige Cop Rick Grimes, der zum Anführer einen mal kleineren, mal größeren Gruppe von Überlebenden wird, die immer wieder verzweifelt versuchen, ein neues, sicheres Zuhause zu finden. Fest entschlossen, seine Frau und seinen Sohn unter allen Umständen am Leben zu erhalten, muss Rick in einer Welt, in der seine Mitmenschen längst zu einer größeren Gefahr als die umherstreifenden Zombies geworden sind, seine eigene »Menschlichkeit« immer wieder neu definieren.

     

    Inzwischen hat AMC mit einer vielbeachteten Fernsehadaption begonnen (die erste Staffel ist ab Ende des Monats auch in Deutschland auf DVD erhältlich), doch ob die trotz ihrer unbestreitbaren Qualitäten so weit kommen wird (und so viel wagen wird) wie die Comic-Vorlage, ist fraglich. Wer den Nervenkitzel liebt, sollte sich also ruhig an den Comic wagen, der in Deutschland von Cross Cult in preisgünstigen, robusten Sammelbänden herausgegeben wird, die durch einen informativen redaktionellen Teil zusätzlich punkten können.

     

    Aktuell ist gerade ein Bildband mit den gesammelten Covermotiven sowie Band 14 der laufenden Reihe erschienen. Charlie Adlard, seit Band 2 deren kongenialer Zeichner, hat zu diesem Anlass die Frankfurter Buchmesse besucht. Adlards Stil, der sich wesentlich von den effekthascherischen Superheldencomics seiner amerikanischen Kollegen (und damit auch vom Zeichner der ersten Hefte) unterscheidet, hat vor allem deshalb wesentlich zum Wiedererkennungswert der Serie beigetragen, weil seine Zeichnungen für die uncolorierte, in Grautönen gehaltene Welt von TWD tatsächlich »wie geschaffen« sind.

     

    Interview mit Charlie Adlard

    Gerade zurückgekehrt von einer Signierstunde, zwischen einem großen Stapel weiterer noch zu signierender Ausgaben von Band 14, beißt Charlie Adlard in der Cross Cult Box gerade in ein Käsesandwich, auf das er sich offensichtlich schon länger gefreut hat, und meint: »Ich hoffe, das ist kein Radiointerview.« Da kann ich ihn beruhigen.

     

    TITEL-Kulturmagazin: Ich möchte gerne über die Zusammenarbeit mit Robert Kirkman sprechen. Erhalten Sie ein fertiges Skript, das Sie illustrieren oder sind Sie in die Entwicklung der Geschichte mit einbezogen?

     

    Charlie Adlard: Es ist ganz einfach so: Robert und ich respektieren die jeweiligen Fähigkeiten des anderen. Ich mische mich nicht in seinen Schreibprozess ein und ebenso wenig mischt er sich in mein Artwork ein. Es ist ein sehr einfacher Prozess: Er schickt mir das Skript, das mir meistens genug Raum lässt, zu experimentieren und mein eigenes Ding durchzuziehen. Ich zeichne und tusche es, und wenn Robert das Artwork zu sehen bekommt, sind das bereits die fertigen Comic-Seiten. Wir haben also nicht, wie bei den meisten anderen Verlagen, ein Zwischenstadium, wo ich nur die Bleistiftzeichnungen schicke und die erst „genehmigt“ werden müssen. Im Grunde vertrauen wir einander einfach  - und wir sind beide Profis (lacht).

     

    Ist es jemals vorgekommen, dass er noch einmal Änderungen einer fertigen Seite von Ihnen verlangt hat?

     

    Kaum. Wenn ich noch etwas ändern musste, dann fast immer weil ich einen offensichtlichen Fehler gemacht hatte, wie etwa Rick mit zwei Händen gezeichnet [Anmerkung: Im Band 6 verliert Rick Grimes seine rechte Hand]. Gelegentlich geraten wir wegen des Covers aneinander – »aneinandergeraten« ist eigentlich zu viel gesagt. Aber ich bin in dieser Hinsicht etwas mehr am Designaspekt interessiert als Robert. Deswegen entscheide ich mich nicht immer für das naheliegendste Covermotiv, aber das könnte eben auch etwas sein, was letztlich dem Verkauf hilft. Ich entscheide mich meistens eher für ein Cover, das innerhalb eines üblichen Comicregals etwas auffällt, dafür aber eben auch nicht viel über den Inhalt des Heftes verrät. Robert ist da eher etwas traditioneller. Aber ist es sehr selten, dass wir uns da uneinig sind.

     

    Und wie sieht die Zusammenarbeit mit Cliff Rathburne aus [dem für die Grautöne der Serie zuständigen »Coloristen«]? Geben Sie ihm genauere Instruktionen?


    Nicht wirklich. Auch hier ist es so: Ich lasse ihn machen, was er am besten kann. Und man sollte nicht vergessen: TWD wird in Amerika monatlich veröffentlicht, also haben wir einen engen Zeitplan. Deswegen ist gar nicht möglich, überhaupt damit anzufangen, Einzelheiten noch einmal gegenzuchecken, auszudiskutieren und Änderungen zu verlangen. Außerdem vertraue ich Cliff. Er ist schließlich seit mindestens 80 Ausgaben dabei.

     

    Das heißt, wenn Sie die Skripte bekommen, haben Sie erst einmal auch keine Ahnung, was passieren wird?

     

    Manchmal habe ich eine Vorstellung davon, manchmal auch nicht. Es kommt darauf an, wann ich zuletzt mit Robert gesprochen habe. Wir haben etwa zwei, drei Mal im Jahr eine ausführliche Unterhaltung, meistens über Skype…

     

    … weil Sie in England leben und er in den USA …

     

    Richtig, aber das macht eigentlich nichts aus. Comics kann man von überall machen, so lange man einen Computer, einen Scanner und einen Drucker hat. Wenn also so ein Gespräch mit Robert noch nicht lange zurückliegt, bin ich mir relativ sicher, was mich in den nächsten paar Ausgaben erwarten wird, denn natürlich reden wir darüber, wie es in der Geschichte weitergeht. Aber wenn es schon eine Weile her ist, dass ich mit ihm gesprochen habe, ist es tatsächlich auch für mich oft etwas überraschend.

     

    Können Sie sich an einen Moment erinnern, als sie von einer Wendung der Geschichte genauso schockiert waren, wie später vermutlich die Leser?

     

    Ja. Ich weiß noch genau, was für mich der schockierendste Moment war, aber ich weiß nicht, ob das in Deutschland schon erschienen ist, und ob ich es hier verraten soll... Wenn X ins Gesicht geschossen wird …? [An dieser Stelle bezieht sich Adlard auf ein Ereignis in Band 14, den ich bis dahin nicht gelesen hatte.]

     

    Oh mein Gott.

     

    Tut mir leid. Vielleicht müsst ihr die Stelle schwärzen. Das war auf jeden Fall ein Moment, wo ich selbst die Luft angehalten habe. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, dass Robert das tun würde. Ich hatte länger nicht mit ihm gesprochen, bekam das Skript und war von den Socken. … Aber X muss natürlich nicht unbedingt daran sterben. Aber mehr verrate ich jetzt nicht.

     

    Brutalitäten im europäischen Stil

    In einem Interview haben Sie einmal gesagt, sie würden Ihren Stil eher »europäisch« als »amerikanisch« nennen. Würden Sie sagen, dass sich das darin äußert, dass Sie eher an Sequenzen und Storytelling interessiert sind, als an beeindruckenden Splashpages?

     

    Definitiv. Das ist einer der Gründe, warum ich mich in die französische und belgische Comic-Szene verliebt habe. Die interessieren sich viel mehr für das Geschichtenerzählen und geben selten mit beeindruckenden Einzelseiten an. Die sind nicht wie manche Amerikaner, die in die Welt hinausschreien: »Seht her, was für eine erstaunliche Seite ich gezeichnet habe – der Rest ist Schrott, aber diese Seite ist toll.« In frankobelgischen Comics sind die meisten Seiten beeindruckend, und ich glaube, dass ich, wie wohl die meisten Comic-Künstler, vor allem anderen am Geschichtenerzählen interessiert bin. Ich denke aber, ich war immer schon ein wenig ungeeignet für Superhelden-Comics. Das passte nie so recht zu mir, ich war immer besser in, nennen wir es, »charakterbezogenen« Geschichten, als in großartiger Action.

     

    Auf ihrer Homepage habe ich eine Zeichnung vom Hulk gesehen – da haben Sie geschrieben, den würden Sie gerne einmal zeichnen.

     

    Oh je, richtig …

     

    Ich hatte aber den Eindruck, dass man bei TWD Ihren persönlichen Stil sehr viel deutlicher wiedererkennt, als wenn Sie den Hulk oder Spiderman zeichnen.

     

    Ja. Bei TWD habe ich ja auch einen gewissen Look etablieren können, der mein eigener ist. Wenn man die Figuren anderer Zeichner weiterführt, hat man immer das Gefühl, einen gewissen, schon vorgegebenen Look treffen zu müssen. Natürlich würde es Spaß machen, den Hulk zu zeichnen – oder eine Menge anderer Comic-Figuren – aber ich bin da gar nicht mehr so interessiert dran. Wenn mich die Leute fragen, welche Figur ich am liebsten zeichnen würde, dann würde ich sagen: eine, die ich selbst kreiert habe. Aber nun arbeite ich ja an TWD, das interessiert mich, das ist mein eigenes Zeug, es ist »creator-owned« [die Rechte an den Figuren liegen bei den Künstlern, nicht beim Verlag] – und wir hatten das große Glück, damit erfolgreich zu sein, ein Glück, das leider viele andere nicht hatten. Das versetzt mich in die Lage, sagen zu können, dass ich kein Interesse mehr daran habe, Marvel- oder DC-Figuren zu zeichnen. Wenn ich die Wahl habe, dann kreiere ich lieber meine eigenen Figuren, als die von anderen Zeichnern zu übernehmen.

     

    TWD langweilt sie also noch nicht?


    Noch nicht (lacht).

     

    Werden Sie auch einmal Ihre eigenen Szenarien verfassen?

     

    Nein. Ich bin vollkommen glücklich damit, ein Zeichner zu sein. Ich hatte niemals den Ehrgeiz, ein Autor zu werden. Ich hatte auch nie die Inspiration oder irgendeine Idee, bei der ich dachte: Das ist gut, das könnte ich selbst schreiben. Ich habe genau das erreicht, wovon ich geträumt habe, und habe keinerlei Ambitionen, über das, was ich jetzt tue, hinauszugehen. Ich werde für den Rest meines Lebens damit zufrieden sein, das zu tun, was ich im Augenblick tue.

     

    Manchmal wird es bei TWD ja auch ziemlich brutal. Zum Beispiel in der Szene, in der Michonne den Gouverneur foltert und man sehr explizit sieht, was geschieht. War das auch Ihre Entscheidung? Und gab es jemals Zweifel darüber, ob man so weit gehen darf oder irgendwann die Leser auch verschreckt?

     

    Ich hatte tatsächlich einige Zweifel. Robert hatte mir das Skript geschickt, und alles, was man später im Comic sieht, stand dort schon genau so drin. Es war das einzige Mal, dass ich Robert angerufen habe, und ihm gesagt habe: "Du musst mich erst noch davon überzeugen, dass ich das zeichnen soll". Ich meinte das buchstäblich so, weil es so grausam war. Ich persönlich mag ja den Horror lieber außerhalb der Leinwand. Ich glaube, dass die Vorstellungskraft immer viel schlimmere Bilder hervorbringen kann als alles, was man in der Geschichte zeigt. Es ist meistens enttäuschend, das Monster zu sehen. Wenn es für den Hauptteil des Films irgendwie versteckt gewesen ist, ist es immer eine universelle Enttäuschung es zu sehen, weil man dachte, es wäre etwas weitaus Schlimmeres.

     

    Also ist es ziemlich interessant, dass ich bei einer Comic-Serie gelandet bin, in der so ziemlich alles gezeigt wird. Robert und ich haben dann also darüber gesprochen, und er hat mich wirklich davon überzeugt, es zu zeigen. Das hatte mit der Entwicklung der Figuren zu tun. Robbie würde niemals Splatter nur um des Splatters willen in TWD zeigen. Es gibt immer einen Grund dafür. Natürlich haben wir auch Spaß mit den Zombies, aber beim Killen von Zombies kann man immer sehr weit gehen. Wie man auch an der Fernsehserie sieht, kann man Zombies ganz schön brutale Sachen antun, weil es überzogene, unechte Figuren sind, doch wenn etwas einem Menschen passiert, erscheint das immer viel brutaler. Wenn wir also zeigen, wie einem Menschen etwas Grauenhaftes passiert, gibt es dafür immer einen Grund.


    Was halten Sie von der Fernsehserie?

     

    Ich mag die Serie. Sie ist anders als der Comic, und das sollte sie auch sein. Es gibt keinen Grund dafür, eine genaue Kopie des Comics zu machen. Warum dann eine Fernsehserie machen? Die muss schon ihre eigene Identität haben.

     

    Hatte die Fernsehserie irgendeinen Einfluss auf die Comic-Serie?

     

    Die einzige Auswirkung, die die Fernsehserie auf die Comic-Reihe hatte, ist in den Verkaufszahlen.

    Wir hatten ja schon ganz gute Zahlen vorher, aber dank der Fernsehserie sind sie jetzt geradezu absurd gestiegen. In den meisten Leserbriefen heißt es jetzt: »Ich bin wegen der Fernsehserie auf den Comic gekommen«. Insofern hat sich das genauso entwickelt, wie wir gehofft hatten. Aber inhaltlich hat sie keinen Einfluss auf den Comic. Der bleibt, wie er ist. Der Comic ist das Flaggschiff des ganzen TWD-Franchise, wenn man das so nennen will, und die Fernsehserie, so seltsam sich das anhört, ist ein Spin-Off des Comics. Der beeinflusst die Fernsehserie, nicht anders herum.

     

    Warten Sie schon darauf, dass die Figuren, die Sie kreiert haben [und nicht der Zeichner der ersten 6 Ausgaben] endlich in der Serie auftauchen, wie der Governeur oder Michonne?

     

    In der zweiten Staffel tauchen schon die ersten von meinen Figuren auf. Für den Fall, dass Ihr das hier noch nicht gesehen habt, will ich nicht verraten, wer in der ersten Folge auftaucht, aber bestimmte Figuren, die ich mit geschaffen habe, werden auftreten.  Das ist schön zu sehen, und ich freue mich schon ganz besonderes auf Michonne. Ich weiß aber nicht, wann die erscheint – vielleicht passiert das noch gar nicht in der zweiten Staffel. Ich kann es aber kaum abwarten, zu sehen, wie sie einige meiner Figuren umsetzen.

     

    Das Beste beider Welten

    Sie haben ja vor über zehn Jahren an einem Fernseh-Franchise gearbeitet, der Comicfassung von Akte X. Ich erinnere mich daran, dass in späteren Ausgaben die Gesichter von Scully und Mulder von einem anderen Zeichner eingesetzt wurden. Wer hatte denn diese Idee?

     

    Ich nicht! Das war auch mehr oder weniger der Grund, warum ich die Serie verlassen habe. Es ist kein Geheimnis, dass ich mit der Ähnlichkeit zu den Schauspielern meine Schwierigkeiten hatte, aber am Anfang sagten die von Topps Comics zu mir, sie hätten mich gefragt, weil ich die Atmosphäre von Akte X wiedergeben könne, nicht unbedingt die Gesichter der Figuren. Mit diesen Lizenz-Geschichten ist es so: Das werde ich niemals mehr machen, noch viel weniger als irgendwas von Marvel und DC, so etwas fasse ich nicht mehr mit der Kneifzange an. Das waren Fox TV und Ten Thirteen Productions, Chris Carters Produktionsfirma – man ist also zwei verschiedenen Produktionsfirmen verantwortlich, das wird sowieso immer kompliziert. Alles muss dauernd von jemandem abgesegnet werden, und keine dieser Produktionsfirmen hat wirklich verstanden, wie Comics funktionieren, worum es dabei geht. Alles, was sie sagten, war: »Scully und Mulder sehen aber nicht wie auf den Fotos aus.«

     

    Außerdem hatte ich noch keinen Computer, als ich an Akte X gearbeitet habe. Ich konnte nicht im Internet nach Bildern suchen, also schickten sie mir einen Haufen Publicitymaterial und Standfotos, aber auf denen machten Scully und Mulder natürlich immer dieses ernste, unbewegte Gesicht. Ich hatte also kein einziges Foto von ihren Gesichtern, wie sie lachen oder schmerzverzerrt sind, oder sonst was, was für mich noch nützlich gewesen wäre. Also konnte ich mich bei meinem Comic im Grunde nur auf einen Gesichtsausruck aus einem ganz bestimmten Blickwinkel stützen. Aber ich will mich darauf gar nicht herausreden. Das erste, was ich zu Topps sagte, als ich den Job übernahm, war: »Ihr wisst, ich bin kein Portraitzeichner.«

     

    Die Ironie war: Gegen Ende meines Runs bei Akte X hatte ich den Eindruck, dass mir die Gesichter sogar ganz gut gelangen. Der Sargnagel bei der ganzen Geschichte war es dann, als die mir vorschlugen, alles außer den Gesichtern von Scully und Mulder zu zeichnen. Und Gordon Purcell zeichnete die Gesichter der Hauptfiguren. Wie hört sich das denn an? Ich sagte: »Wenn ihr das macht, höre ich bei der Serie auf. Bye.« Und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe mehr oder weniger noch an dem Tag bei Akte X aufgehört. Und dann habe ich noch mitbekommen, dass sie bei den letzten ein, zwei Ausgaben bereits die Gesichter von einem anderen Zeichner über meine Zeichnungen gelegt hatten. Das zu sehen war ein ganz schöner Hammer, ehrlich gesagt. Bei Akte X habe ich zwar gut verdient, aber in kreativer Hinsicht war es eine schreckliche Arbeit.

     

    Der Comic-Markt in England scheint sehr viel stärker an den amerikanischen als an den europäischen Markt angeschlossen zu sein. Sehen Sie das auch so?

     

    Absolut. Das ist unglaublich: Die kürzeste Entfernung über den Kanal sind 21 Meilen Wasser zwischen England und Frankreich, und trotzdem kommen nur – ich schätze mal – kaum 1% der französischen und belgischen Alben übersetzt nach England. Das ist unfassbar. Was Comics angeht, haben die Amerikaner uns in der Tasche. Eigentlich ist das unglücklicherweise bei vielen Dingen so, das hat mir unserem »speziellen Verhältnis« zu tun. Ich finde es sehr schade, dass das in England so läuft. Eine britische Comic-Convention, abgesehen davon, dass die nicht sehr groß ist, ist im Grunde nichts anderes als eine sehr kleine Version amerikanischer Comic-Conventions, keine kleine Version von Angoulême oder etwas Vergleichbarem.

     

    Und was haben Sie für einen Eindruck vom deutschen Comic-Markt?

     

    Ich kann mich täuschen, aber es scheint mir, ihr habt das Beste aus beiden Welten. Bei euch kommt sehr viel französisches Zeug an, ob übersetzt oder in Originalsprache. Ich habe mich hier umgesehen, ich war ein paar Mal in Erlangen, ich war in verschiedenen Comic-Läden in Deutschland, und ihr scheint eine gute Mischung aus beidem zu haben. Deutschland, Spanien und Italien scheinen so ein 50:50 Verhältnis amerikanischer und europäischer Comics zu haben, nicht wie in England 99:1 für die Amis.

     

    Haben Sie denn Kontakte zum europäischen Markt geknüpft, um auch einmal mit französischen Autoren zusammenzuarbeiten?

     

    Das habe ich getan. Vor ein paar Jahren habe ich einen Comic für Soleil gemacht. Es hieß Breath of the Wendigo. Das war mit einem französischen Autoren namens Matt Missoffe. Das war toll, es war eine richtig gute Geschichte. Im Grunde hat er die alte Indianerlegende vom Wendigo an die Westfront des Ersten Weltkrieges versetzt. Ich hatte gar nicht gewusst, dass die amerikanischen Ureinwohner im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten. Dieser Comic war völlig anders als die Sachen, die ich normalerweise mache. Es war eine Horrorgeschichte, aber was die Visualität angeht, sehr verschieden. Wegen des Erfolges von TWD in den letzen Jahren hat Soleil das jetzt neu aufgelegt und es wird auch bald eine englischsprachige Version davon geben, bei Dynamite. Das ist für mich sehr aufregend.

     

    Und dann habe ich Robert dazu gebracht, ein Comic im »europäischen Stil« zu machen, der wird gemeinsam von Image und Delcourt, die die französische Ausgabe von TWD machen, herausgegeben werden. Es wird in beiden Ländern gleichzeitig erscheinen. Ich persönlich hoffe darauf, dass das während Angoulême 2013 geschieht. Das Skript ist fast fertig, ich habe schon die Bleistiftzeichnungen für etwa ein Viertel des Albums. Wenn das fertig ist, gibt es hoffentlich noch eine Menge mehr Aufträge aus Europa für mich. Wenn ich an TWD weiterarbeiten, und alle ein bis zwei Jahre noch ein französisches oder belgisches Album machen könnte, damit wäre ich mehr als zufrieden.

     

    Mehr Zeit würde Ihnen die Arbeit an TWD auch gar nicht lassen?

     

    Richtig. Das ändert sich natürlich mit jedem Jahr. In den letzten Jahren hat mich TWD immer mehr beschäftigt, aus naheliegenden Gründen. Eigentlich ist es nur die Promotion, die immer mehr Zeit kostet, Signierstunden und Interviews wie hier (lacht). Generell kann ich, wenn ich sonst nichts mache, etwa eine Woche pro Monat herausschlagen um neben TWD an etwas anderem zu arbeiten. Also würde ich sagen: Zwei Jahre für jedes zusätzliche Album, weil es natürlich ein anderer Arbeitsprozess ist, viel detaillierter, viel zeitaufwändiger. Aber eben weil es anders ist, macht es mir Spaß. Ich möchte nichts zusätzlich machen, was stilistisch oder auf die Geschichte bezogen das gleiche ist wie TWD. Ich möchte meine Horizonte etwas erweitern, wenn ich neben TWD noch etwas anderes mache.

     

    Eine letzte Frage: Können Sie ein, zwei Comics nennen, die Sie als Junge dazu inspiriert haben, Comic-Zeichner zu werden?

     

    Zwei Sachen, die wirklich herausstechend waren: Als ich 5 oder 6 Jahre alt war, oder 7 vielleicht, brachte mein Vater einen Comic mit nach Hause, der hieß The Mighty World of Marvel. Das war ein britischer Nachdruck der alten Marvel-Comics. Das war Anfang der 70er Jahre und das erste Mal, dass Marvelcomics in England chronologisch veröffentlicht wurden. Natürlich konnte man die originalen, amerikanischen Ausgaben kriegen, aber das war immer ein Glücksspiel. Man wusste nie, ob man aufeinanderfolgende Ausgaben ergattern konnte. Es kam einfach irgendwas »mit dem Boot« aus Amerika rüber.  Das hat auf jeden Fall einen großen Eindruck hinterlassen; in der ersten Ausgabe waren Die Fantastischen Vier, Spiderman und der Hulk, die haben mich umgehauen als Kind.

     

    Etwa zur gleichen Zeit bin ich allerdings auch an die Asterix-Alben herangeführt worden, die mich wohl, unbewusst, zum Liebhaber europäischer Comic-Tradition gemacht haben. Also habe ich zur gleichen Zeit Superheldenzeug gelesen und bin mit dem französischen Markt in Berührung gekommen, wobei ich zu der Zeit natürlich nicht kapiert habe, dass Asterix eigentlich aus Frankreich kommt. Ich erinnere mich daran, dass ich Asterix total geliebt habe. Und das tue ich immer noch.

     

    Vielen Dank für das Gespräch!


     

    Foto Charlie Adlard: Cross Cult

     

    | kommentar schreiben

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    Kommentar:
    nicht jede serie aus den USA stammt von HBO. in diesem fall stammt sie - wie mad men und breaking bad - vom sender AMC. und warum das bemerkenswert und die wertschätzung dieses details keine haarspalterei ist, steht hier: http://nymag.com/daily/entertainment/2011/08/amc_mad_men_walking_dead_break.html
    | von Wurstkunst, 22.10.2011
    Öhm, HBO hat da aber nix mit zu tun.
    | von Markus, 25.10.2011
    Das stimmt natürlich, die Serie wird von AMC gemacht, man könnte aber meinen es wäre HBO (fehlen nur leicht bekleidete Frauen, die durch den Hintergrund laufen). Ist korrigiert, vielen Dank und sorry für den Fehler!
    | von Dennis Kogel, 25.10.2011

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