• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 13:44

    Hermann / Kirstein: Das auschweifende Leben des Nylonmannes

    27.10.2011

    Die ausschweifenden Krakeleien des Herrn Hermann

    Unterstützt von einem deutschen Szenaristen, wagt sich Comic-Legende Hermann in die Gefilde von Satire und Selbstparodie. BORIS KUNZ findet, er hätte sie meiden sollen.

     

    Angeblich geht es also um Dr. Wedgeworth Rutherford, den »Nylonmann«. (Hat leider, wie wir noch erfahren werden, trotz der Dame auf dem deutschen Cover nichts mit Nylonstrümpfen zu tun ...)  Der hat vor einem Vierteljahrhundert seine Familie schmählich sitzen gelassen, so dass die kleine Anemone allein bei ihrer Mutter aufgewachsen ist. Diese verfügt auf dem Sterbebett - warum weiß man nicht so recht -, dass Anemone ihr Erbe erst erhalten wird, wenn sie sich auf die Suche nach ihrem Vater gemacht und diesen wiedergefunden hat.

     

    Dazu engagiert die kühle Blonde den schmierigen Privatdetektiv Matt Brennan und macht sich mit ihm auf den Weg in die Hauptstadt, in der Dr. Rutherford als Mastermind der Firma »Pro Genetics« residiert. Die beiden ahnen nicht, dass sie dort in ein Wespennest aus politischer Intrige stoßen werden, denn Pro Genetics hat nicht nur Angriffe von den terroristischen Bio-Gemüsehändlern der Stadt zu befürchten, sondern auch eine feindliche Übernahme durch die Konkurrenz.

     

    So weit so gut. Klingt erst einmal nach einem etwas seltsamen, aber noch recht soliden Krimiplot. Und schließlich ist der Zeichner des Albums kein Geringerer als Hermann, der Schöpfer von Jeremiah oder den Türmen von Bos-Maury.

     

    Satire mit Leseanleitung

    Jetzt soll aber, das springt einem vom ersten Panel an ins Auge, die ganze Geschichte komödiantisch sein. Hermann hat seinen filigranen, naturalistischen Stil bewusst zurückgefahren und auf gröbere Tuschezeichnungen reduziert, um die Wirkung zu erzielen, als sei das alles schnell und mit leichter Hand aufs Papier geschmissen worden. Die Figuren und die Struktur der Erzählung sind eine Parodie auf Hermanns gängige Figuren und Erzählmuster, wie eben der einsame Detektiv, der eine Familienzusammenführung versucht und dabei mit einer Reihe seltsamer Allianzen eine ganz eigene »Kleinfamilie« aufmacht. (Detrecy, sein Helfer und Mann fürs Grobe hat manchmal Visionen, die zu unkalkulierbaren Gewaltausbrüchen führen, weil ihm darin seine Mitmenschen als bizarre Monster erscheinen - im Kontext dieser Geschichte ein durchaus widersinniges Krankheitsbild...)

     

    Sämtliche im Comic auftauchende Frauen sind mindestens einem der auftauchenden Männer sexuell verfallen, was Anlass zu allerlei Zoten gibt und einen Vorwand dafür liefert, die Damen möglichst oft unbekleidet zu zeigen. Außerdem spielt die Geschichte in einer »nahen Zukunft«, in der die Gentechnik schon weit fortgeschritten ist, so dass oftmals recht merkwürdige Kreaturen, wie etwa die Herde von Schafkängurus auf der Rückseite des Covers, die Seiten füllen.

     

    So weit so gut. Das hört sich so an, als würden diese satirischen Elemente etwas Pep in die Krimistory bringen, die sich, das können wir ja jetzt offen zugeben, sooo spannend doch gar nicht angehört hat. Ein ähnliches Konzept - eine Dektektivstory als Aufhänger für eine Satire - hat ja damals in Hermanns Sarajewo Tango, wenn auch mit einigen Stilbrüchen, ganz gut hingehauen. Und ein paar Seitenhiebe gegen die Gentechnik: Warum denn nicht?

     

    Stutzig wird man aber, wenn dem Comic zunächst ein ausführliches Interview mit dem Autor, dem deutschen Grafik-Künstler Hans-Michael Kirstein, vorangestellt ist. Es geht darum, den »speziellen Inhalt« und die Entstehungsgeschichte dieses »ganz besonderen« Comics näher zu beleuchten, um mit diesem Backgroundwissen das Leseerlebnis noch einmal »in einem anderen Licht erscheinen zu lassen«.  

     

    In dem ausführlichen und scheinbar auch unredigiert im O-Ton niedergeschriebenen Interview erfahren wir dann, wie Hermann und Kirstein sich kennengelernt haben und dass die Grundidee zu der Geschichte die war, dass Hermann meinte, Kirsteins blonde Haare sähen aus wie aus Nylon, und es doch einmal witzig wäre, einen Comic zu machen, in dessen Mittelpunkt ein Mann mit einer Frisur wie aus Nylon stünde. Man fragt sich nun doch, was für ein Comic das jetzt sein wird, den man nur richtig verstehen kann, wenn man diese seltsame Backstory kennt. Die traurige Antwort ist leider die befürchtete: Einer, den man sonst gar nicht verstünde.

     

    Notizblock-Krakeleien

    Der Plot ist vollkommen zerfasert und mit unnötigen Figuren überfrachtet, die einen irgendwann tatsächlich nur noch in den Momenten interessieren, wenn sie miteinander ins Bett steigen, und einem bis zu dem merkwürdigen Finale, bei dem sie sich dann gegenseitig umbringen, schon ziemlich egal geworden sind. Der angeblich im Mittelpunkt stehende »Nylonmann« hat weder ein Eigenleben noch eine eigene Plotline, sondern ist nur da, weil andere ihn suchen und weil er Haare wie aus Nylon hat. Am Ende des Albums ist er einfach verschwunden, keiner weiß wie und warum und vermutlich ist es auch allen egal. Die Geschichte lässt sich als solche leider nicht lesen. Sie ist nur Vehikel für die zahlreichen Scherze drumherum.

     

    Das könnte man verschmerzen, wenn der Spaßfaktor stimmte. Aber auch hier hat der Comic nicht wirklich viel zu bieten: Im Gegensatz zum Jugoslawienkrieg beim Sarajewo Tango ist das gesamte Thema Gentechnik reine Staffage. Autor und Zeichner haben nichts dazu zu sagen, was satirisch oder sonstwie besonders komisch wäre. Der Comic wäre inhaltlich um keinen Deut ärmer, wenn Rutherford statt eines Genetikers ein Friseur und die Organisation der Gemüsehändler der eingetragene Verein der Glatzköpfe wäre. Und auch die Besonderheit, dass Hermann sich dazu bereit erklärt hat, eine Parodie seines eigenen Schaffens selbst zu illustrieren, ist sicherlich erwähnenswert, wird aber jedem Leser entgehen, der mit dem Werk Hermanns nicht tief vertraut ist – oder der keine Lust mehr hatte, den zweiten Teil des Interviews zu lesen.

     

    Das Witzigste an dem ganzen Album sind die zahlreichen Spielereien, die Hermann an allen Ecken und Enden der Bilder angebracht hat, die witzigen Details und skurrilen Kreaturen und Figuren, mit denen er alle Hintergründe füllt. Das erinnert an Clever und Smart, ist aber weitaus einfallsreicher. Leider sind diese Details nicht eine Bereicherung eines witzigen Albums mit einer gelungenen Geschichte, sondern über weite Strecken der einzige Mehrwert einer eigentümlichen Etüde in Skurrilität. Das hinterlässt einen mit dem Gefühl, als hätte man einen Notizblock mit Krakeleien durchgeblättert, die Hermann während einer Reihe langweiliger Telefonate so nebenbei angefertigt hat. Das ist schon ganz nett, aber leider muss man sich alle anderen Qualitäten dieses Werkes erst im ausführlichen redaktionellen Anhang erklären lassen.

     

    Da gibt es dann auch noch einmal eine Menge Skizzen zu sehen, einen intensiven Einblick in Hermanns Arbeitsweise, der sicherlich interessant ist und in dem einem anhand zahlreicher Beispiele noch einmal deutlich gemacht wird, was für ein virtuouser Bildgestalter Hermann doch ist. Nur: Was nützt mir als Leser eine nachträgliche Versicherung der Virtuosität des Zeichners, wenn diese an eine nicht vorhandene Geschichte und einige Sexwitze verschenkt ist? Es steht vollkommen außer Frage, dass Hermann ein versierter Zeichner ist, der weiß, wie er seine Figuren in den Panels arrangiert, das kann aber die krude Story nicht retten.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter