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Montag, 27. Februar 2017 | 19:04

 

Ralf Rothmann: Rehe am Meer

12.11.2006

 
Sinnlich und sozial

„Solche Bücher sind selten wie Kugelblitze. Schon diese Sprache allein fasziniert. Sie ist elegant, präzis, mit Absicht salopp, dann wieder von beschwörendem Ernst.“

 

So war einst in der „Neuen Schweizer Rundschau“ zu lesen. Über Max Frisch. Heute kann man diese Worte getrost auf den Max Frisch-Preisträger 2006, Ralf Rothmann (geb. 1953), beziehen. Über die kleinen Begebenheiten und Begegnungen des Alltags findet er zu den großen Themen seiner Erzählungen. Leben – Liebe – Verlassensein – Tod. Und immer wieder Hausbau oder Umzug, wie handfeste Metaphern des gelernten Maurers Rothmann für die Wandlungen im Leben.

Rothmann, aufgewachsen im Ruhrgebiet und schon lange wohnhaft in Berlin, versetzt sich spielend in die verschiedensten Typen, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, gesellschaftlich oben oder unten. Aber er bevorzugt schon immer einen Blickwinkel von unten. Viele seiner Figuren sind – gewollt oder ungewollt – auf der Suche nach einem Ausweg aus Verhältnissen, die ihnen die Luft abschnüren und die Träume nehmen. Mal scheint sich eine Lösung abzuzeichnen, oft bleibt am Ende der Texte unausgesprochen, was ausgesprochen vielleicht kitschig geraten würde. Doch gerade in Kitschverdacht, das ist erstaunlich, gerät Rothmann nie, obwohl seine Figuren und ihre Lebenssituationen manches Mal entlang dieser Demarkationslinie angesiedelt sind. Wenn Berliner Bauarbeiter zusammenhalten („Nasse Spatzen“), wenn ein Junge und seine Mutter im Wohnwagen leben müssen, damit sie mit Feriengästen im eigenen Haus Geld verdienen können („Stolz des Ostens“), wenn der Heizungsableser auf eine Frau mit ihrem gerade gestorbenen Mann trifft („Willst du Nudeln?“) usw., dann ist es Rothmanns Art zu erzählen, sein Sprachinstinkt und der oft leicht mythische Unterbau, der seine Figuren beschützt.

„Schreiber dieser Art wirken eher unschuldig, sie dichten am eigenen Leib und leben ihre Dichtung auf Schritt und Tritt, und kaum je entsteht der peinliche Eindruck, dass sie Privat-Intimes auskramen; sie sind eben ihr literarisches Objekt, ihre Figur …“ schrieb einst Max Frisch in seinen Tagebüchern.

Olaf Selg


Ralf Rothmann: Rehe am Meer. Erzählungen. Suhrkamp 2006. 212 Seiten. 19,80 Euro.

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