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Haruki Murakami: Blinde Weide, schlafende Frau

05.11.2006


Gartenparadies


„Wenn das Schreiben eines Romans dem Pflanzen eines Waldes gleicht, dann gleicht das Schreiben von Kurzgeschichten dem Anlegen eines Gartens.“

 

Es wird wohl kaum eine Rezension der Werke von Haruki Murakami (geb. 1949) geben, die nach dem Erscheinen von Blinde Weide, schlafende Frau auf diese Umschreibung der beiden Gattungen aus seinem „Vorwort“ verzichten wird. Zu schön und greifbar erscheint ihr bildhafter Charakter. Und es geht noch ebenso eingängig weiter: „Die beiden Formen ergänzen einander und fügen sich zu einer Landschaft, die mir kostbar ist. Die grünen Baumkronen werfen ihre wohltuenden Schatten auf die Erde, und der Wind rauscht in ihrem zeitweise leuchtend goldenen Laub. Im Garten knospen indessen die Blumen, bunte Blüten locken Bienen und Schmetterlinge an und erinnern uns an den leisen Übergang von einer Jahreszeit zur anderen.“
Während die vorangehenden Erzählungsbände Der Elefant verschwindet (dt.1995) und Nach dem Beben (dt. 2003) aus einem enger beieinander liegenden Zeitraum stammen, hat Murakami diesmal einen bunten Strauß Erzählungen aus den Jahren 1983–2005 zusammengestellt.

Vielerlei Querverweise

Murakamis 6-seitiges Vorwort ist auch in anderer Hinsicht sehr aufschlussreich: „Ich bemühe mich, dasjenige, was ich beim Schreiben von Kurzgeschichten gelernt habe, in meinen Romanen umzusetzen. In diesem Sinne ist die Kurzgeschichte für mich als Romancier gleichsam ein Versuchslabor.“
Dies ist ein deutlicher Hinweis, ja fast schon ein Eingeständnis Murakamis, dass die eine oder andere Erzählung, auch schon in den früheren Sammlungen, den Leser mit einer gewissen Unzufriedenheit zurücklässt: Natürlich können Figuren oder Situationen nicht wie in einem Roman völlig ausgereizt werden, das ist klar, aber manchmal entsteht doch der Eindruck, dass sie zu sehr im Andeutungshaften verbleiben und ihr Potential weiter auszureizen wäre.
So verwundert es denn nicht nur nicht, sondern stellt den Murakami-Leser geradezu zufrieden, dass mancher Charakter, manche Eigenschaft und manche Situation aus einer Erzählung später in einem seiner Romane wiederkehrt und ausgebaut wird – Murakami selbst etwa nennt die Erzählungen „Glühwürmchen“ und „Menschenfressende Katzen“ als Vorlagen für seine Romane Naokos Lächeln und Sputnik Sweetheart.

Surreal-(alb)traumhafte Elemente

Der Titel des aktuellen Bandes Blinde Weide, schlafende Frau kann eigentlich von keinem anderen Autor stammen: Murakami verwebt wie immer surreal-(alb)traumhafte Elemente und Realität zu einem oft geheimnisvoll grundierten Geschehen (einmal mehr stimmig übersetzt von Ursula Gräfe). Er verzichtet auf inhaltliche Abrundung, bevorzugt den offenen Schluss, und man bleibt am Ende immer ein klein wenig allein mit dem Erzählten, was aber zugleich davor schützt, Murakamis Texte einfach hintereinander wegzulesen: Letztendlich muss man Murakami einfach mögen für seinen eng mit seiner Heimat Japan verflochtenen Einfallsreichtum, der ihn zu Recht in diesem Jahr zum Gewinn des Franz-Kafka-Preises geführt hat.

Olaf Selg


Haruki Murakami: Blinde Weide, schlafende Frau. Erzählungen. DuMont Literatur und Kunst Verlag 2006. 410 Seiten. Gebunden. 22,90 Euro.

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