TITEL kulturmagazin
Samstag, 25. Februar 2017 | 23:35

 

Wladimir Kaminer: Küche totalitär

05.06.2006

Esskultur als Trinkkultur

Endlich: Nun hat auch Wladimir Kaminer ein Kochbuch veröffentlicht. Darin wird der ehemals gefürchtete Russische Bär in zehn Teilrepubliken zerlegt und genüsslich symbolisch verspeist.

 

Personen des öffentlichen bzw. kulturellen Lebens, die noch kein Kochbuch veröffentlicht haben, sind generell als "out" zu bewerten. Es ist daher zu erwarten, dass immer mehr Autoren gegen das Vergessenwerden anschnippeln und -köcheln werden. Einer von ihnen ist der "Russendisko"-Autor Wladimir Kaminer (geb. 1967). Zusammen mit seiner Frau Olga kombiniert er einfache Geschichten und Gerichte, die weder literarisch noch kulinarisch überfordern dürften. Allerdings handelt es sich bei den fertigen Speisen nicht unbedingt um leichte Kost. Der eigene Magen sollte sich primär auf deftiges einstellen. Wiederkehrende Zutaten sind Rind- und Lammfleisch sowie die gängige Kartoffel und das gemeine Hühnerei.
Im Zentrum des Buches steht also nicht unbedingt eine exquisite Nouvelle Cuisine, die einen hungrig an die nächstgelegene Frittenbude denken lässt, sondern der Versuch einer exquisiten Mischung aus Küchen- und Landeskunde, inklusive global-historischem Kontext. In den zehn Kapiteln (Armenien, Sibirien, Georgien, ...) werden jeweils teils Augenzwinkernd Klischees verfestigt - "Der durchschnittliche Sibirjake ist groß und kräftig, ob Frau oder Mann" - oder ausgeräumt und längst fällige Aufklärung betrieben: "Echte Russen mögen keinen Kaviar." 99 % der Leser/innen werden sich an dieser Stelle vermutlich vor Verwunderung die Augen reiben.
Die Kapitel enthalten jeweils eine Handvoll Rezepte für vier Personen, wobei mit dem Vierklang aus Vorspeise, Suppe, Hauptgericht und Dessert durchaus ein festiv-deftiger Rahmen etwa für einen runden Abend vorgegeben wird. Es wird empfohlen, eine eiskalte Flasche Wodka gegen Völlegefühle in Bereitschaft zu halten.

Olaf Selg


Wladimir Kaminer: Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer. Manhattan, 224 S., 18 Euro.

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Ein Geheimnis in einer Graskugel

Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter