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    TITEL kulturmagazin
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    Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 10

    24.03.2004

    Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

    Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

    Teil 10

    Von Wolfram Schütte

     

    Obwohl sich der Springende Brunnen der Erinnerungsarbeit verdankt, die das Gedächtnis ausblendet, folgt er weder einer surrealistischen écriture automatique noch der Proustschen Suche nach der verlorenen Zeit. Träumerisch-assoziativ organisiert, wird das autobiografische Material doch einer kompositorischen Arbeit unterzogen. Allein schon die Gattungsbezeichnung "Roman" zeigt das an, wenngleich auch das Buch seine ästhetische Zwitterhaftigkeit (Autobiographie, Roman, Private Mythologie und polemische Unzeitgemäße Betrachtung) nicht verleugnen kann.

    In der literarischen Kritik, die das Buch jedoch überwiegend als "poetisch" camouflierte Autobiografie einer Jugend im "Dritten Reich" rezipierte, ist weder im Freundschaftsverhältnis Johanns mit Adolf, das im Zentrum des Buches steht, - trotz der anrührenden ersten Liebe Johanns zu dem Zirkusmädchen Anita - das Ur-oder Inbild vieler künftiger, seelisch sadomasochistischer Männerfreundschaften im Werk des Autors wahrgenommen worden; noch ist die Frage gestellt worden, warum Johanns Freund, von dem er sich lossagen muss, um der zu werden, als der er uns vorgestellt wird, ausgerechnet "Adolf" heißt.

    Im Roman selbst ist Adolfs Vater, "Herr Brugger", der uns als der Inbegriff des infamen, brutalen, vulgären Nazis geschildert wird und Johann und Adolf am Beispiel seines Hundes Gefolgschaftstreue vorführt, stolz darauf, seinem Sohn den Namen des Führers gegeben zu haben, noch bevor Hitler Reichskanzler wurde. Will der Autor, der die Namen seiner Figuren frei wählt und ihnen dadurch Bedeutung zuspricht, damit die dem Roman zugrunde liegende "biografisch-pragmatische" Wirklichkeit ansprechen - oder auf die schon lange währende nazistische Biografie der "Figur" Bruggers verweisen? Das ist nicht zu entscheiden, wichtig schien ihm aber diese Anmerkung zu Adolfs Namen. Jedoch die Freundschaft mit dem sozial und qua politischer Macht überlegenen Sohn des Mannes, der Johanns theosophisch-pazifistischen Vater bedroht, könnte, über die pubertäre homoerotische Beziehung hinaus, auch als allegorisches Ringen Johanns mit dem (Schwarzen) Engel des Nazismus´ gelesen werden. Eine solche Interpretation liegt umso näher, als Walser die Handgreiflichkeiten der ringkämpferischen Liebes-Beziehung durch Wort und Schrift Johanns zum Bruch führt.

    Obwohl Walser sowohl das zweite Großkapitel als auch dessen vorletztes mit dem Titel "Das Wunder von Wasserburg" versieht, ist keinem der Rezensenten des Buchs die "wunderliche" Abweichung aufgefallen oder der Rede wert gewesen, die sich dort erzählerisch zuträgt. Johann, der Anita und dem Zirkus in ein anderes Dorf nachgeradelt ist und eine Nacht lang von zuhause weg war, kehrt am nächsten Tag nachhause zurück, ohne dass sein nächtliches Fernbleiben von einem der vielen Hausbewohner bemerkt worden wäre. Zwar zeigt die Fressensverweigerung seines Hundes Tell an, dass Johann nicht da war, aber weder sein Bruder noch seine Mutter, geschweige denn das Hausgesinde bringt Tells ungewöhnliches Benehmen in Zusammenhang mit Johanns Abwesenheit. Noch erstaunlicher ist, dass er in seiner Schulmappe einen Deutschaufsatz von sich liest, den er, wie ihm seine Klassenkameraden voller Hochachtung versichern, gegen den nazistischen Lehrer brillant verteidigt haben soll. Johann kann sich an nichts erinnern, denn er war ja bei Anita in einem anderen Dorf.

    Aber Adolf, der offenbar die geistige Überlegenheit Johanns an dem Aufsatz und durch die Diskussion in der Klasse erkannt hat, erklärt ihm: "Gestern und vorgestern hätte ich dich umbringen können". Das ist der Anfang vom Ende ihrer Freundschaft. Johann verschweigt Adolf sein "Wunder von Wasserburg" - obwohl "Adolf der einzige (wäre), der verstanden hätte, was Johann passiert war, der einzige, der so etwas auch schon erlebt hatte". Denn Adolf hatte einem Segelbauer zwei Bretter aus der Mitte eines Holzstoßes in der Abwesenheit seines Vaters geschenkt. Als er die zwei Bretter mit dem Beschenkten zwei Kilometer entfernt von zuhause ablädt, hört er den gebieterischen Pfiff seines Vaters und erwartet zuhause Prügel für die verschenkten Bretter: "Und was sieht Adolf? Die zwei mittleren Bretter, die er mit dem Döbele Franz abtransportiert hat, fehlen nicht mehr. Da habe er, hatte Adolf gesagt, ein Gefühl gehabt, als sei er so leicht, dass es ihn gleich in die Luft nehmen werde".

    Diese erzählerische Passage fällt, buchstäblich als zweifaches übernatürliches Wunder, aus dem durchgängig realistisch imaginierten Memorial des Romans heraus. Johann ist an zwei Orten zugleich, während für Adolf die verschenkten Holzbretter zugleich an zwei Orten sind. In beiden Fällen haben die Freunde gegen Übereinkünfte der familiären (Adolf) und die schulischen (Johann) Macht verstoßen: Adolf, indem er sich zu einem Großzügigkeitsakt hat anstecken, und Johann, indem er sich zu einem Bekenntnis hat hinreißen lassen. Sie waren aktiv geworden. Sollen hier, poetisch-schizoid umrahmt, humane "Widerstands"-Momente der beiden Jungen evoziert werden? Was hat Johann geschrieben und in der Schule gegen den Lehrer verteidigt, der, nach Meinung eines Klassenkameraden, gegen Johanns Rede "gar nicht mehr zu melden gehabt habe" (a.a.O., S. 255)?

    Johanns Aufsatz (a.a.O., S.252) emphatisiert ein Heimatlob zur antifaschistischen Widerrede: mit Karl May und den Apatschen gegen den rassistischen Eroberungskrieg der Nazis. Man geht nicht fehl, in Johanns Sätzen Martins Walsers Bodensee-Credo zu vernehmen, das den Dorf- & Familienroman, in dem ein sensibler Junge zum Dichter wird, emblematisch versiegeln soll: "Ohne Heimat ist der Mensch ein elendes Ding, eigentlich ein Blatt im Wind. Er kann sich nicht wehren. Ihm kann alles passieren. Er ist ein Freiwild. Er kann gar nicht genug Heimat haben. Es gibt immer zu wenig Heimat. Zuviel Heimat gibt es nie". Nicht nur pathetische, sondern auch vollmundige, emphatische Sätze, mit deren tönender Leere Bodenständigkeit und Sesshaftigkeit zum Existential erklärt werden. "Aber jeder muss wissen", fährt Johann fort, "dass nicht nur er Heimat braucht, sondern andere auch. Das schlimmste Verbrechen, vergleichbar dem Mord, ist es, einem anderen die Heimat zu rauben oder ihn aus seiner Heimat zu vertreiben. Wie es Intschu tschuna, Winnetous edler Vater, gesagt hat, dass die weiße Rasse dem roten Mann das Land stehle (...)Die weiße Rasse tut, als sei sie etwas Besseres. Solange sie andere Rassen vernichtet, ist sie etwas Minderes, ist sie schlimmer als jede andere Rasse. Und christlich ist sie dann auch nur dem Namen nach".

    Es ist verständlich, dass dieses Heimat-Credo, das Walser hier seinem Johann in die Feder diktiert, den nazistischen Lehrer in die Bredouille bringt, wenn wir auch nicht erfahren, wie er Johann zurecht zu weisen versuchte. Denn gelehrt wurde ja damals, dass es eine Werte-Hierarchie der Rassen gebe, und an der Spitze der wertvollsten weißen die "arische" stehe, und die niederste die "jüdische" sei - besonders deshalb, weil sie "heimatlos" sei, also in Johanns Worten, "ein elendes Ding", das sich nicht wehren und dem alles passieren kann und Freiwild ist. Das Johannsche "Heimat"-Dekret produziert also nicht nur die quasi "antifaschistische" Dialektik, wonach keine Rasse der anderen die Heimat nehmen darf, ohne die Statik dieses Weltbildes einander gleichwertiger fixierter Heimaten zu zerstören; sondern auch die nazistische Ausschließungs-Pointe, wonach der "Heimatlose" ein "elendes Ding" etc. ist. Der "Andere" ist als "Anderer" nur einer, wenn er einem gleich ist. Oder philosophisch gesprochen: Die Dialektik von Identischem und Nicht-Identischem wird in dieser o­ntologisierung von Heimat ausgeschlossen, respektive verdrängt.

    Hier, im innersten Zentrum von Walsers Seinsgewissheit, wo er die Resistenz des o­ntologisierten Heimatbegriffs gegen die faschistische "Fremdsprache" postuliert, stoßen wir auf die gleiche widersprüchliche Ambivalenz eines radikalen Empfindungs-Solipsisten, der "Du" nur noch zu seinem "Ich" sagen will. Jenseits seiner angstgeschützten Innerlichkeit beginnt für ihn die Fremde, zu deren Gekreuzigtem er sich mit Betroffenheitspathos und Opfermiene erklärt. Vom Springenden Brunnen über die Friedenspreisrede bis zum Gespräch mit Ignatz Bubis ist er seinem "Eigentlichsten" immer näher gekommen. Das Schauspiel, das er in diesen drei Akten seines "Selbstgesprächs" öffentlich inszenierte, wurde zu einem Trauer-Fall ins Bodenlose. Ignatz Bubis ist zurecht in der Paulskirche sitzen geblieben. Mehr ist dazu nicht mehr zu sagen.

    (Geschrieben Januar/März 2000)

    Wolfram Schütte

    Zu Teil 1

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