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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 15:07

     

    Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 9

    24.03.2004

    Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

    Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

    Teil 9

    Von Wolfram Schütte

     

    Die Sprache: - darin sieht Walser seine entschiedenste "Ich-Überschreitung"; die Loslösung von Adolf und die sexuell erfüllte Hinwendung zu Lena, dem Ankergrund seines "Ich bin, der ich bin" (wie der pubertierende o­nanist seinen Penis in Anspielung auf Jahwes alttestamentarische Selbstausssage nannte), sind nur Stationen auf dem Weg des werdenden Schriftstellers, sich "der Sprache" zu öffnen, sich ihr hinzugeben, in ihr aufzugehen. "Sich einfach der Sprache anvertrauen. Vielleicht kann sie etwas, was du nicht kannst (...) Wenn er anfängt zu schreiben, soll schon auf dem Papier stehen, was er schreiben möchte. Was durch die Sprache also von selbst aufs Papier gekommen wäre, müsste von ihm nur noch gelesen werden. Die Sprache, dachte Johann, ist ein springender Brunnen", - um Nietzsche zu zitieren und mit Heidegger nachhause zu kommen. Wem die Sprache vor-schreibt, was er nur noch nachlesen müsste, wäre jenseits von gut und böse angelangt, verantwortungslos nur noch seinem Sprach-"Gewissen" verpflichtet, erlöst von den Belästigungen des Meinens, den Attacken des "Zeitgeistes", enthoben den Entscheidungen des Für oder Wider. Denn er hätte "diesen Dreck" des "Uneigentlichen" abgeschüttelt, weil er "hineinverwirkt", aufgenommen und angekommen ist im Sein der mütterlichen Sprache. Und weil er aus dem Sein der deutschen Sprache spricht, wie ein "DichterPriester" (Arno Schmidt) vom Göttlichen, glaubt er auch - im Gespräch mit Bubis u.a.. - "nicht missverstanden", nicht missverständlich zu sein, nämlich unangreifbar. Denn nicht er spricht ja - wofür er Verantwortung tragen müsste -, sondern das Sein der Sprache spricht aus ihm. Solipsistischer Narzissmus wird derart schließlich mit nationalem Sendungsbewusstsein überblendet.

    Bevor Walser aber seinen Springenden Brunnen in diesem heideggernden Sprachmythologismus terminieren lässt, mit dem er dann in der Friedenspreisrede und Über das Selbstgespräch sich amoralisch-nietzscheanisch zu salvieren versucht, beschreibt er den Weg dorthin. Er beschreibt ihn weniger, als dass er behauptet: "Die Sprache, die er nach 1933 erlernt hatte" - dabei war doch immer wieder von Walser dargestellt worden, dass Johann von seinem Vater mit dessen antinazistischem, theosophisch-empfindsamen "Wörterbaum" gegen den brutalen sprachlichen Wildwuchs, den Adolf von seinem Vater übernommen hatte, "immunisiert" worden war! -: dieser Nazijargon sei "nach der Kirchensprache die zweite Fremdsprache gewesen. Sie war ihm nicht nähergekommen als die Kirchensprache", was insofern ein Täuschung ist, als diese Kirchensprache ihm noch heute nahe ist. "Er hatte sich mit beiden Sprachen herumgeschlagen. Er musste eine eigene finden. Dazu musste er frei sein (...) Johann wollte nie mehr unterworfen sein, weder einer Macht noch einer Angst. Niemand sollte einen Anspruch an ihn haben. Am liebsten wäre er so frei gewesen, wie noch niemand gewesen war" (Ein springender Brunnen, S. 402)

    Dieses imperative Verlangen nach der eigenen Sprache, nach Freiheit von Macht, Anspruch und Angst - also sprach schon Nietzsches Zarathustra - steht in engstem Zusammenhang mit einer Episode, welche dieser programmatischen Erklärung, mit der sich der späte Walser sein frühestes Alter ego erträumt, unmittelbar vorausging, Darin wird von Wolfgang Landsmann, dem "Halbjuden", der einst aus der HJ geworfen worden war, dem unwissenden Johann das weitere Schicksal der Landsmannschen Familie erzählt. Sowohl hatte Wolfgang bis zuletzt versucht, als deutscher Soldat zur kämpfenden Truppe zu kommen, als auch seine jüdische Mutter permanent "unter der Angst (ge)lebt, abgeholt zu werden". Johann, fährt Walser dann fort, "wehrte sich gegen die Angst, in der Frau Landsmann gelebt hatte (...) Die Angst, in der Frau Landsmann gelebt hatte, engt ihn ein. Er will mit dieser Angst nichts zu tun haben (...) (Johann) hatte gespürt, dass Wolfgang, was er ihm erzählt hatte, erzählt hatte, weil Johann das wissen müsse" - also dadurch Johanns enger Erlebnishorizont durch solche anderen Erfahrungen überschritten würde. Sofort aber dichtet sich Johann ab: "Vielleicht meinte Wolfgang, dass Johann ein Vorwurf zu machen sei, weil er all das nicht gewusst, nicht gemerkt hatte. Johann wehrte sich gegen diesen vermuteten Vorwurf (...) Er wollte von sich nichts verlangen lassen. Was er empfand, wollte er selber empfinden. Niemand solte ihm eine Empfindung abverlangen, die er nicht selber hatte. Er wollte leben, nicht Angst haben.(...) Er hatte Angst, Frau Landsmann zu begegnen. Seit er wusste, in welcher Angst sie gelebt hatte, wusste er nicht mehr, wie er ihr begegnen sollte. Wie grüßen, wie hin- oder wegschauen? Mehr ausdrücken, als er im Augenblick gerade empfand? Er wollte nicht gezwungen sein. Zu nichts und von niemandem<. (Ein springender Brunnen, S. 401. Kursiv. von mir).

    Obwohl Walsers erzähl-assoziativer "Traumhausbau" samt der in ihm unübersehbaren, abgründigen Auseinandersetzung über Erinnern und Verdrängen einen Psychoanalytiker geradezu wie ein offenes Buch zur Lektüre einzuladen scheint, ist wohl bislang Tilmann Moser der einzige seines Berufsstands, der sich mit dem Springenden Brunnen beschäftigte (Erinnern und Verdrängen, Deutschlandfunk, 11. 12. 1998). Ohne dass er die oben zitierte Passage en detail analysierte, kommt er in seinem eher mit dem Autor sympathisierenden Essay u.a. zu dem Urteil, die von den Mitscherlichs für die deutsche Nachkriegsgesellschaft konstatierte "Unfähigkeit zu trauern" sei "vielleicht nie aufrichtiger bekannt worden, als gegen Ende des Romans" von Martin Walser.

    Das ist richtig - und trifft auf diese Passage zu, in der Johann sich zum erstenmal direkt mit einem Altersgenossen konfrontiert sieht, dessen schmählichen Ausschluss aus der HJ-Gemeinschaft er wie alle anderen hingenommen hatte. Zweifellos ein peinlicher, ein klammer Moment des Wiedersehens; wenngleich Wolfgang ihn für Johann zu überspielen versucht, indem der "Halbjude" seine Versuche, dennoch im Krieg (wie Johann) mitzumachen, in den Vordergrund stellt. Er "attackiert" Johann ja weder mit der "Moralkeule", noch mit "sentimentaler" Emotionalisierung seines Familienschicksals. Auch nicht, wenn er von seiner jüdischen Mutter und deren Überlebens-Angst spricht. Aber Johanns Weigerung, mehr zu erfahren (als er gewusst hatte) und das ihm bislang Unbekannte, womöglich auch Verdrängte und ihn nun Bedrängende innerlich aufzunehmen und zu verarbeiten - man könnte auch sagen: seine Verweigerung der Scham, die Augstein in dem Augenblick empfand, als er vom Ausmaß des Verbrechens zum erstenmal hörte -, sucht sofort den Ausweg, dem anderen zu unterstellen, er wolle Johann einen Vorwurf machen, "weil er all das nicht gewusst, nicht gemerkt habe". In der Verschiebung von "nicht gewusst" zu "nicht gemerkt" funktioniert der Unwissende die Konfrontation mit dem ihm bislang Ungewussten in einen angeblichen Vorwurf gegen sich um. So vertrotzt sich die unausgesprochene, unbewusste oder verweigerte Scham zur Beleidigung, gegen die sich zur Wehr zu setzen, der Beleidigte ein Recht habe. "Johann wehrte sich gegen diesen vermuteten Vorwurf" - wie wohl die Mehrheit seiner gleichaltrigen oder älteren deutschen Landsleute, die nach dem Kriege mit den Verbrechen konfrontiert wurden, an denen sie (wissend , ahnungsvoll oder unwissend) gleichzeitig persönlich nicht beteiligt waren.Nachträgliches Wissen wird fast buchstäblich als nachgetragenes, das das eigene Erleben relativiert, zurückgewiesen: "Erinnerung" will sich vom "Gedächtnis" nicht korrigieren, "Selbstempfindung" nicht von Fremdwissen an sich irre machen lassen. Insofern beschreibt Walser an sich selbst ein sozial-& massenpsychologisches Phänomen, in dem unterm Nationalsozialismus andressierte Verhaltensweisen - Tilman Moser nennt das in seinem Artikel den Stupor eines "Schweige- oder Wahrnehmungsverbots" - nach 1945 fortdauern: die Wurzel des deutschen Verdrängungskomplexes.

    Was laut Moser von der schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller mit dem Buchtitel Du sollst nicht merken auf den Begriff gebracht wurde - nämlich "Gebote,die durch unbewusste oder auch bewusste Anweisungen in der Familie das regeln, von dem gesprochen,... was wahrgenommen und gefühlt werden darf" -: für diesen Stupor des Verdrängens gibt Walser zahlreiche Beispiele bis hin zur "vollständigen Verdrängung", wenn er gleich zweimal erwähnt, dass er sogar vergessen hatte, dass er etwas vergessen habe (wie z.B. Wolfgangs Verstoßung aus der HJ). Wie aber "wehrt" sich Johann "gegen die Angst der Frau Landsmann", die ihn "beengt"? Nicht, indem er sie leugnet; nicht, indem er sie, als Ergänzung, Bezweiflung, Vertiefung in seine davon verschonte Erlebniswelt aufnimmt. Sondern indem er sie, seinereits ängstlich, von sich weist, "nichts mit ihr zu tun haben will"; indem er sie als bedrohlicher "Vorwurf" verdinglicht, der etwas von ihm "verlangt": Empfindung, womöglich Mitempfindung - kurz das, was Walser später "Ich-Überschreitung" nennen wird.

    Dieser Moment im Springenden Brunnen zählt zu den erstaunlichsten und abgründigsten in der deutschen Literatur. Wäre damit die eisigste Zone des Ressentiments und der verstocktesten Menschlichkeits-Abweisung in einem psychisch zerstörten Lacombe Lucien - wie der tumbe bäuerliche Junge , der Vichy-Mitläufer in Louis Malles gleichnamigen Film hieß - charakterisiert worden, so könnte man Walsers tiefenpsychologische Einfühlungsimagnation nur bewundern.

    Es soll aber hier die gloriose Geburtsstunde des mitempfindenen Herolds der Erniedrigten und Beleidigten, der Gedemütigten und Ausgeschiedenen situiert werden: die Sprach-Quelle aller Springenden Brunnen der Walserschen Poetik, den Opfern "Sichtbarkeitstriumphe" zu erwirtschaften. Diese Epiphanie der Sprache beginnt aber mit einer Stunde der wahren Mit-Empfindungslosigkeit, mit einer Wahrnehmungs-Abweisung, mit einer Total-Verdrängung der "Wirklichkeit", und sie kennt nur ein "Sehnsuchtsziel" (Ein springender Brunnen, S. 393): sich selbst und das eigenste "Empfinden".

    Es wird hermetisch abgedichtet gegen alles andere "Wirkliche", das bedrohlich Fremdes, Beengendes, Irritierendes, "Entsetzliches" bleibt, welches das innere Reich des Sich-Selbst-Empfinders nicht erreichen, nicht tangieren darf - und deshalb als "Vorwurf", als "Zumutung", als "Anspruch", als "Attacke" pejorativ markiert und abgewiesen wird. Die Membran, welche das Sein der Sprache aufnehmen und wiedergeben soll, muss gereinigt werden von allem "Dreck" des Seienden: von allem Wissen, Nicht-Wissen, von "Schuld" oder "Scham", die immer nur als Fremdzuweisungen ihm entgegenstarren. "Woher hätte er wissen sollen, dass Frau Haensel Jüdin ist? Er wollte von sich nichts verlangen lassen. Niemand sollte ihm eine Empfindung abverlangen, die er nicht selber hatte". Es gibt für Walser kein Empfinden durch Wissen über das Fremde, sondern nur Selbst-Empfinden. Es ist sowohl von struktureller wie symbolischer Bedeutung, dass sich Walsers Imago seiner "Befreiung" zum deutschen Dichter im Zeichen seiner Unterstellung vollzieht, ihm solle eine Empfindung "abverlangt" werden - im Hinblick auf die jüdische Frau Haensel.

    Martin Walsers Imago von der Geburtstunde des Schriftstellers Walser ist die Projektion des siebzigjährigen Autors, der sich als Heutiger ins Damals zurückträumt, um seiner (literarischen) Biografie die geschlossene Form der erfüllten Utopie zu geben. Tilmann Mosers Annahme, "die Ausblendung des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens (im Springenden Brunnen) ist nicht ein seelisches Handeln des gegenwärtig schreibenden Autors, sondern eher eines, das sich segmenthaft im Kind und im Jugendlichen vollzieht", ist als Beschreibung einer Differenz zwischen dem jungen Johann und seinem alten Autor nicht zu halten. Nicht nur, weil Walser seinen Johann bei jenem poetischen Programm einer heideggernden Sprach-Fetischisierung schon ankommen lässt, die sich erst nach Walsers "Wende" zu seinem "Eigentlichsten" (ab 1969 ff) herausgebildet hat und heute (z.B. in Über das Selbstgespräch) erst geistige Grundlage seiner amoralischen nietzscheanischen Poetik ist; sondern ebenso auch durch die Friedenspreisrede und die Walser/Bubis-Debatte, in welcher "der gegenwärtig schreibende" und öffentlich sprechende Autor bis zu Ununterscheidbarkeit Johanns "seelisches Handeln" heute noch nachvollzieht.

    Zu Teil 10



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