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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:55

     

    Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 8

    24.03.2004

    Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

    Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

    Teil 8

    Von Wolfram Schütte

     

    Martin Walser hat den >Friedenspreis des Deutschen Buchhandels< erhalten, weil seine "erzählerische und essayistische Kunst, die der >Gegenwehr gegen den Mangel< entspringt, den Deutschen das eigene Land und der Welt Deutschland erklärt und wieder nahegebracht (hat)", heißt es in der Begründung des Preises. Der Sinn- & Versöhnung mit der Geschichte stiftende, verhalten national gestimmte Tenor dieser Begründung wird noch dadurch bekräftig, dass Walser "schon früh die deutsche Teilung als überwindbaren Zwischenzustand bezeichnete" und "eine Forderung vorweggenommen hat, deren Einlösung später von den Menschen in der DDR erzwungen wurde". Ein Nationaldichter also.

    Ohne Zweifel war der Augenblick für die öffentliche Ehrung eines großen literarischen Lebenswerkes glücklich gewählt: der Autor hatte, 71jährig, eben seinen ersten offen erkennbar autobiografisch unter- & ausgefütterten Roman Ein springender Brunnen publiziert, der retrospektiv seine literarische Existenz aus der Kindheit zwischen 1932 und 1945 herausspann; die literarische Kritik hatte das Buch fast einhellig als Krönung des Walserschen Lebenswerks gefeiert; und die >Bonner Republik< mutierte mit dem gerade vollzogenen Regierungswechsel nach der Hauptstadt Berlin zur vereinigten Bundesrepublik Deutschland, der Johannes Gross das schon im beifälligen Umlauf befindliche Epitheton der >Berliner Republik< zugesprochen hatte. Ein nationaler Neuanfang deutscher Geschichte nach dem II. Weltkrieg schien auf der Tagesordnung zu stehen; und Martin Walser, der sich in den letzten Jahrzehnten aus früheren politischen Zuordnungen entfernt und zum Herold eines vereinten deutschen Volkes gemacht hatte, schien wie kein zweiter deutscher Schriftsteller geeignet, die Weihe des Hauses zu feiern. Es kam anders, nämlich zu dem bekannten Skandal - ob zu dem letzten der >Bonner< oder dem ersten der >Berliner< Republik sei dahingestellt.

    Was jedoch die Friedenspreisrede mit dem autobiografischen Roman verbindet, ist nicht nur der politische Vorwurf des Schweizer Kritikers Andreas Isenschmidt, der im Literarischen Quartett gegen das Buch einwendete, der Name "Auschwitz" komme in dieser "Jugend in Deutschland" während des Nationalsozialismus nicht vor, was Walser als jüngsten "Beweis" einer "Instrumentalisierung der Schande" in seiner Friedenspreisrede anführte. Sondern Roman wie Rede stehen vielmehr gemeinsam oppositionell zur Gegenwart, beziehen sich polemisch auf sie, sind keine aus sich selbst heraus >gesetzte< Emanationen literarischer Phantasie. Zwar steht im Zentrum des Springenden Brunnens Walsers Vergegenwärtigung seiner Jugend als seiner Vergangenheit - und in der Rede die unmittelbare Gegenwart; aber beides koinzidiert in Walsers Entgegensetzung von "Gedächtnis" und "Erinnerung".

    Während die Rede den romantisch-ironischen Gestus einer sich unterm Sprechen rhetorisch entfaltenden "Verfertigung der Gedanken beim Verfassen einer Sonntagsrede" vorspielt - insofern einem Modus des Genres der Rede entspricht -, ist der "Roman", erst recht als erkennbar autobiographische Erinnerung, ein literarisches Mixtum Kompositum, das seinen drei erzählerischen Großkapiteln jeweils poetologisch-essayistische Überlegungen zum Thema "Vergangenheit als Gegenwart" vorschaltet und (jean-paulisch?) ein "Vorwort als Nachwort" hinterherschickt, in dem der Autor über das Verschwinden des Dialektes reflektiert.

    Sicher: der Roman als Gattung ist ab ovo, also seit dem Don Quichote und dem Tristram Shandy, für alles offen. In ihm gilt, was der anarchistische Wissensphilosoph Feyerabend auf die (>postmoderne<) Formel gebracht hat: >Anything goes<. Insofern wären die essayistischen Passagen von Walsers Roman der autobiografischen Erinnerung nichts Ungewöhnliches. Aber dennoch trägt das Buch unverkennbar den Charakter einer polemischen Entgegensetzung zu konkurrierenden Erinnerungen, indem Walser - was er bei seinen früheren erzählerischen Werken nie getan hat - sein poetologisches Programm begründet. Walsers Vergegenwärtigung seines Vergangenen will sich dezidiert unterscheiden von Romanen und Erinnerungen, die dem gleichen historischen Zeitfeld gewidmet sind, wie die ihm bekannte autobiografische Roman-Trilogie Ordnung ist das ganze Leben; Weh dem, der aus der Reihe tanzt; Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf von Ludwig Harig oder Ruth Klügers weiter leben.. Beide haben bei der erzählerischen Rekonstruktion ihrer Kindheit und Jugend die Position des heute Schreibenden und Erinnernden immer kommentierend mitreflektiert. Ihre Ichs sagen auch "ich" und erfinden sich kein namentlich entfremdetes Alter ego - wie Walser seinen "Johann". Aber nicht die unterschiedlichen Grade der Fiktionalisierung - etwa vom Anton Reiser zum Grünen Heinrich - stehen im Zentrum von Walsers eigener literarischer Entgegensetzung zur deutschen zeitgenössischen autobiografischen Roman-Prosa.. Der "Programmsatz des Buchs", hat er erklärt (Interview, S.174), sei der erste Satz des Springenden Brunnens: "Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird ." Der zweite Satz markiert die Differenze zum Heute: "Wenn etwas vorbei ist, ist man nicht mehr der, dem es passierte." Und der Eingangspassus schließt mit dem Reümee: "Als das war, von dem wir jetzt sagen, dass es gewesen sei, haben wir nicht gewusst, dass es ist. Jetzt sagen wir, dass es so und so gewesen sei, ob wohl wir damals, als es war, nichts von dem wussten, was wir jetzt sagen." Diese "zum Paradox tendierende Spannung" (Interview, S. 83) ist Harig wie Klüger auch bekannt: In der teils kopfschüttelnd, teils verständnisvoll kommentierenden Haltung, mit der sie sich als Heutige über das ihnen ferne, wo nicht sogar fremde, jedenfalls andere Ich beugen, wird das "Paradox" von ihnen sowohl benannt als auch dessen existenziell historische Spannung ausgehalten.

    Martin Walser sucht seinen eigenen Ausweg, mit dem er dem Paradox entgehen will: "In der Vergangenheit, die alle zusammen haben, kann man herumgehen wie in einem Museum". Im Gegensatz zu dieser kollektiven Vergangenheit sei jedoch "die eigene nicht begehbar. Wir haben von ihr nur das, was sie selbst preisgibt. Auch wenn sie dann nicht deutlicher wird als ein Traum. Je mehr wir`s dabei beließen, desto mehr wäre Vergangenheit auf ihre Weise gegenwärtig. Träume zerstören wir auch, wenn wir sie nach ihrer Bedeutung fragen. Der ins Licht einer anderen Sprache gezogene Traum verrät nur noch, was wir ihn fragen. Wie der Gefolterte sagt er alles, was wir wollen, nichts von sich. So die Vergangenheit" (Ein springender Brunnen, S. 9)

    Einsichtig (wo nicht sogar banal) ist es, dass kollektive Vergangenheit als Abstraktion mit individueller nicht identisch ist. Beide können sich sogar widersprechen - ohne dass das ein Widerspruch wäre. Weil die kollektive Vergangenheit mehr über diese weiß, weil sich ihr mehr an Kenntnissen und Zusammenhängen "preisgegeben" hat, als die in ihr individuell erlebte. Fragwürdig ist aber Walsers Behauptung, die eigene Vergangenheit sei "nicht begehbar" wie ein Museum: als ob sie sich nicht auch petrifiziert, durch wiederholtes Erzählen verfestigen könnte, wobei Lebens-Wahrheit & -Lüge, vorsätzlich oder unbewusst, einander dabei durchwirken. Was die eigene Vergangenheit "selbst preisgibt", also dem passiv Erinnernden scheinbar "zwang - & interesselos" zuträgt, muss nicht notwendigerweise, wie Walser ihr unterstellt, das Einzige sein, welches authentisch Gewesenes "unverfälschter" wiedergibt. Auch diese, wider die rationale Gedächtnis-Leistung-im-Nachhinein polemisch entgegengesetzte unwillkürliche, "traumhafte" individuelle Erinnerung ist eo ipso sowenig frei davon, gleichfalls "das Produkt eines Bedürfnisses der Gegenwart" zu sein, wie Walsers abwertende Verwerfung der "gerade herrschenden Routine" (Interview. S.83) und der öffentlichen Gedächtnis-"Rituale", gegen die er in der Friedenspreisrede polemisiert.
    Es gehört zu den Paradoxien der Poetologie des Springenden Brunnens, dass Walser durchaus weiß, wovon er redet - nur nicht, dass er "eigentlich" von sich spricht, wenn er immer die anderen meint, gegen die er "kämpft". Heißt das in der Psychoanalyse nicht "Projektion"? Was in der ersten essayistischen Grundlegung (Ein springender Brunnen, S. 9) noch poetisches Programm für einen erzählerischen "Traumhausbau" schien, mit dem die ästhetische Eigenart der assoziativen Erinnerungsschübe des Romans theoretisch "erklärt" wurde, wird in dem zweiten, übrigens deutlich vom folgenden Erzähltext getrennten, essayistischen Vorspruch als Selbstrechtfertigung erkennbar. Hier geht es ja auch um Leben unterm Nationalsozialismus 1938.

    "Je direkter ich mich (der Vergangenheit) nähere", schreibt Walser (Ein springender Brunnen, S. 282) , "desto deutlicher begegne ich statt der Vergangenheit dem Motiv, das mich gerade jetzt heißt, die Vergangenheit aufzusuchen". Der darauf folgende Satz spricht eines seiner Topoi aus: "Öfter ist es ein Mangel an Rechtfertigung, der einen ins Vergangene weist". Auch der nächste Satz ist ad se ipsum gesprochen: "Man sucht Gründe, die es rechtfertigen könnten, dass man ist, was man ist", womit das selbstreflexive Moment der Selbstwerdung des Schriftstellers Martin Walser als "Springender Brunnen" ausgesprochen wird. Aber dieses Einbekenntnis einer interessenbedingten Motivation des Autors kann und darf nicht für sich stehen bleiben. Walser muss sich - zwangshaft, rituell und routiniert - von "den anderen" abheben, indem er, die Intellektuellen-Invektiven der Friedenspreisrede antizipierend, fortfährt: "Manche haben gelernt, ihre Vergangenheit abzulehnen. Sie entwickeln eine Vergangenheit, die jetzt als günstiger gilt. Das tun sie um der Gegenwart willen (...) Eine komplett erschlossene, durchleuchtete, gereinigte, genehmigte, total gegenwartsgeeignete Vergangenheit. Ethisch, politisch durchkorrigiert. Vorexerziert von unseren Gescheitesten, Einwandfreiesten, Besten".

    Unverkennbar tritt hier wieder das aggressive Ressentiment gegen die Gescheitesten, Einwandfreiesten, Besten hervor; man beachte die Steigerung vom Intellekt über die Tadelsfreiheit zum moralischen Optimum. Den derart ironisch in den Himmel Erhobenen wird dann pauschal lügnerischer, opportunistischer Umgang mit ihrer Vergangenheit unterstellt, was in deutschen historischen Zusammenhängen nur diskret diskretitierend heißen kann und soll: auch sie waren Nazis und wollen es im Nachhinein doch nicht gewesen sein. "Ich kann mich auf jeden Fall beim Schreiben" des Springenden Brunnens, greift Walser in einem Gespräch seine Aversion wieder auf, "nicht der jetzt gerade herrschenden Routine fügen. Jetzt weiß jeder, wie man damals hätte handeln sollen. Verstehen, warum man damals anders gehandelt hat, fällt schwerer. Das ist nicht mein einziges Motiv, aber es ist auch eins" - für den Springenden Brunnen. (Interview, S.83)

    Walser fällt es aber erst recht schwer, zu verstehen, was ihm sein Freund und Generationsgenosse Rudolf Augstein über seine Familie, seine Jugend und sein Verhältnis zu den Nazis und zur Wehrmacht sagt: dass Augsteins katholischer Vater weder Preuße noch Nazi war, obwohl Antisemit denn doch Juden half, dass seine siebenfache Mutter das Mutterkreuz nicht angenommen hat und dass Rudolf Augstein, von Vater und Familie antinazistisch imprägniert, selbstverständlich sich nicht zur Front gemeldet hat, sondern einzig und allein Krieg und Regime überleben wollte (Der Spiegel Nr. 45, v. 2.11.1998). Diese Biografie, diese Familie, diese Jugend und diese politischen Kenntnissse und persönlichen Entscheidungen des etwa gleichaltrigen Augstein erscheinen Walser "nicht wahr". Er fragt rhetorisch: "Hältst du das für Wirklichkeit?", weil Walser es (wieder einmal) "nicht glauben kann", dass es zu seiner eigenen denn doch auch alternative Lebensweisen unter den Nazis gab. Schließlich ironisiert er Augsteins Erinnerungen, indem er sie schlichtweg zur Fiktion erklärt, weil für Walser nicht sein kann, was nicht sein darf - es würde nämlich seine ganz andere Erinnerung desavouieren: "Rudolf, du bist wirklich der beste, schönste, liebenswürdigste, ungefährdetste Roman, der zu Herzen gehendste, den ich je gelesen habe (...) Nur eins ist sicher: Es ist ein Roman. Mit der Wirklichkeit kann es nichts zu tun haben".

    Es darf mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben - zumindest mit der Walsers, die er im Springenden Brunnen als unpolitische der unwissenden Mitläufer in der dörflichen Bodensee-Provinz beschreibt. Indem er Augstein "eine privilegierte Ausgangslage (...)eine gloriose Edelisolation" (!) attestiert, in der Augstein "offenbar nichts passieren", in der er nie "in Versuchung" (!) kommen konnte "mitzumachen", funktioniert sich Walser Augsteins Biografie zu einem Kitsch-Roman um. Dass die Augsteins gegen die Mehrheit und die "Versuchungen" der Nazi-Zeit gelebt haben, wird ausgeblendet. Walser nutzt aber sofort die Gelegenheit, sich herauszustreichen, wenn er dem Wehrmachtsleutant Augstein attestiert: "So wie du bist, wärst du in den tausend Jahren General geworden", aber: "Ich nicht! Ich wäre nicht Leutnant geworden, und wenn der Krieg tausend Jahre gedauert hätte (...) Ich hatte, ohne es zu wissen und zu wollen, bewiesen, dass ich nicht gehorchen kann". Sollen wir uns Walser als ungehorsamen Widerständler denken - und Augstein als einen Opportunisten, wo der doch "nie Schwierigkeiten hatte, gegen etwas zu sein als für etwas", Walser dagegen aber "zu immer größeren Zugehörigkeitsempfindungen" neigte?

    Das Gespräch mit Augstein, nach dem Abschluss des Springenden Brunnens und vor der Friedenspreisrede geführt, ist deshalb für beide Prosastücke auf mehrerlei Weisen erhellend. Während z.B. Augstein bekennt: "Ich fühle mich beschämt, weil ich Zeitgenosse dieser Taten war, von denen ich nichts wissen konnte", entgegnet Walser: "Ich kann nur sagen: Ich fühle mich hineinverwirkt (in diesen Dreck)" - und das für "ein wirkliches Gewissenswort" hält. Während der eine, so wenig "tätermäßig" beteiligt wie der andere, im "ichüberschreitenden" Akt mit Scham der Ermordeten gedenkt, kann sich der andere, wieder einmal als Opfer, nur als hineinverwirkt in den "Dreck" der Täter begreifen. Verständlich wird, dass ihm in der Friedenspreisrede "Scham" fremd ist und "Schande" umso näher: sie ist ihm ja passiv von dem >Dreck< auferlegt worden ist. Vorallem aber zeigt das Gespräch den rechthaberisch-ängstlichen Zugriff Walsers auf "die Wirklichkeit" im "Dritten Reich". Walsers Zugriff geht bis zur offenen Enteignung, Verleugnung und Fiktionalisierung der biografischen Realität des befreundeten Generationsgenossen. Auch davon muss offenbar ab-, wenn nicht sogar "weggesehen" werden, damit sich einzig und allein die Walsersche Vergegenwärtigung der Vergangenheit durchsetze. Es ist die mangelnde Souveränität des Provinzlers vom Bodensee, andere (urbane und Klassen-) Erfahrungswirklichkeiten neben seinen als "wirklich" gewesene gelten zu lassen, welche einen denn doch skeptisch macht gegen die "Authentizität" seines erzählerischen "Traumhausbaus", bei dem ihm angeblich wegen seines "interesselosen Interesses an der Vergangenheit" (!) diese "entgegenkäme wie von selbst".

    Jan Koneffke (in >Der Traum von der Nationalliteratur<, Wespennest, Wien, Nr.115, Juni 1999) hat bei dem Gespräch der beiden Erinnernden zurecht bemerkt, dass Augstein sich auf sein Gedächtnis berufe, und Walser "die Verlässlichkeit des Gedächtnisses vehement ab(streitet). Bloß der passiven Erinnerung sei", laut Walser, "zu trauen, also dem, was nicht präsent ist, nicht vergegenwärtigt werden kann und kein Eingedenken erlaubt". Das ist hellsichtig, weil Walsers Fetischisierung individueller Erinnerung contra Gedächtnis hier exakt seiner Fetischisierung des individuellen "Gewissens" contra "Instrumentalisierung unserer Schande" in der Friedenspreisrede entspricht. Wie er Augsteins ihm unliebsame Erinnerung zur Fiktion verdrängt, so wird dann von ihm öffentliches Gedächtnis in persönliche "Erinnerung" und die "Dauerpräsentation unserer Schande" ins jeweilige "Gewissen" verdrängt. Und da "solange etwas ist, nicht das ist, was es gewesen sein wird" und "wenn etwas vorbei ist, man nicht mehr der ist, dem es passierte" - ist für Walser das Gewesene nicht nur ein für allemal vorbei, sondern auch ein für allemal nicht mehr "wirklich" bestimm- & erkennbar. Geschichte ist damit "entsorgt", denn subjektive Erinnerung kann sie nur noch historisieren und fiktionalisieren. "Nietzsche, dem ich sehr glaube", sagt Walser zu Augstein, "meint ja, dass Geschichte eine Fiktion ist"; also ist "Eingedenken" nur noch als "Gewissenserforschung" erlaubt. "Ist bloß die spontane Erinnerung Garant der Wahrheit" für Walser, so fährt Koneffke in seinen Überlegungen fort, "und stellt sie sich auf Teufel komm raus nicht ein, so ist das Subjekt der Erinnerung wunderbar entlastet": nämlich "Opfer" seiner Erinnerung wie seiner Amnesie.

    Verdrängt wird dabei von Walser, dass subjektive Erinnerung sowohl beim Speichern des Erlebten wie beim späteren Abruf des Sedimentierten sich in einem labyrinthischen Feld von Lust und Unlust, Verdrängungen und Überlagerungen, Ressentiments und "Wunschphantasien" aufhält. Erinnerung wird ihm: - zur privaten Mythologie. Walser beschreibt sie als "undeutlichen Traum", den er durch Entschlüsselung nicht "zerstört" sehen will, womit er dem womöglich korrigierenden, "objektivierenden" Zu- & Eingriff des Gedächtnisses den Zugang zum innern Reich der subjektiven Erinnerung verwehrt. Die verhasste "Aufklärung" soll auch hier nicht stattfinden. Sie könnte den Bauplan, also die bewusste Konstruktion des "Traum-Hausbaus", mithin die "Enthüllungs- & Verbergungsroutinen" des Schriftstellers offenbaren.

    Zurecht hat Koneffke denn auch erkannt, dass sich Walsers rigider "Erinnerungsbegriff einer entschiedenen Abwehrgeste verdankt". Sie soll die von keinem späteren Wissen über den "Schuldzusammenhang" (T.W. Adorno) jener Zeit beschädigte "Unschuld" des histori(sti)sch Gegebenen und des durch "träumerische" Erinnerung des Schriftstellers daraus "Geborgenen": erretten. Der Springende Brunnen - sprudelnd, um zu "verstehen, warum man damals" so und nicht anders "gehandelt" hat - ist auch eine Verteidigung der Kindheit und Jugend in der dörflichen (Bodensee)-Provinz während des Nationalsozialismus; und die retrospektive Auffindung (und Verklärung) "der Gründe, die es rechtfertigen (!) könnten, dass man ist, was man ist". Wie sehr er recht damit hat, dass er ist, was er war: diese Kontinuität beweist sich auf das Deprimierendste, wenn man seinen Johann und dessen Verhalten zur "Wirklichkeit" mit dem Paulskirchenredner und dem Bubis- und Augstein-Diskutanten vergleicht.

    Nun ist das literarische Projekt, die eigenen Anfänge und die schriftstellerische Selbstwerdung mit einer äußersten erinnernden Gedächtnis-Anstrengung aus der Zeit, der Familie, der sozialen und politischen Lage, den seelischen, geistigen und körperlich-erotischen Situationen eines pubertären Jugendlichen und jungen Mannes sich als alter Mensch in der Form einer "Selberlebensbeschreibung" (Jean Paul) zu rekonstruieren, ohne jeden Zweifel ein hohes literarisches Ziel. Ein ästhetisches Erzähl-Unternehmen, das sich im Bannkreis der Spannung von Einfühlung und Distanz zutragen müsste, weil es ja nicht nur die Distanz der erlebten Lebensalter zu überbrücken, sondern sowohl zum Heute wie zum Damals Distanz zu halten gälte, um der abweichenden "Wahrheit" des Gewesenen Treue zu bewahren.

    Aber dieser Spannung zwischen Heute und Damals glaubt sich Walser ja durch die rigide Trennung von Gedächtnis und Erinnerung enthoben. Mit "Gedächtnis habe ich überhaupt nichts zu tun" (Der Spiegel a.a.O.). Nicht um existentielle Spannung geht es ihm heute, sondern um Erlösung davon - um jenen Seelenfrieden, den er sich mit dem Springenden Brunnen erschrieben hat und in den er sich "auch von Ignatz Bubis nicht dreinreden" lässt; um eine "Befreiung" von der fortdauernden Geschichte der "Schande", die ihm damals so vorgehalten wurde wie heute immer noch wird. Solipsistisch sich erinnernd, will er, gewissermaßen meditativ, zu den "Quellen des Seins" vordringen. Anders als >an der Hand Heideggers< glaubt er nämlich nicht, ins >Paradies der Kindheit< zu gelangen - und sie gegen alle späteren Überschreibungen aus dem Palimpsest seines Erwachsenen-Lebens im "Uneigentlichen" als sein "Eigentlichstes" herauslesen zu können, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Die selbstkritische Skepsis während der Arbeit, weil das Buch "vom Stoff her so biografisch (ist), habe ich Angst, man könne es mir so zuordnen, als ob es mit mir so gewesen sei" (Interview. S.78) - also die Frage nach der empirischen "Wahrheit" des Gewesenen -, wird ebenso verdrängt wie die einmal aufgeblitzte Erkenntnis vom salvatorischen Charakter des literarischen Erinnerungs-Unternehmens. Auch hier soll ihm Heidegger wieder Führer sein: der privilegierte Zugang zur Sprache als "Haus des Seins" garantiert für Walser die "Wahrheit" seines "Traumhausbaus".

    Der Springende Brunnen, als träumerische Erinnerung an Vater & Mutter, familiäres und dörfliches Leben, lässt in der Polyphonie seiner darin exponierten und verarbeiteten Themen drei erzählerische Hauptmotive erkennen: Johanns sadomasochistisches Verhältnis zu seinem Freund Adolf; Johanns erotisches Erwachen von Anita über Magda zur sexuellen Erfüllung in Lena; und Johanns Weg vom "Wörterbaum" des Vaters über das erste Gedicht bis zur Prosa, als Selbst(er)findung des Schriftstellers. Sexualität und Sprache, ineinander verschränkt, sind die Fluchtpunkte seiner existentiellen Erlösungen.

    Zu Teil 9

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