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    TITEL kulturmagazin
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    Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 7

    24.03.2004

    Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

    Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

    Teil 7

    Von Wolfram Schütte

     

    Deprimierender noch als Walsers metaphorische Nazifizierung der gegenwärtigen deutschen Öffentlichkeit in seiner Friedenspreisrede ist jedoch die Tatsache, dass diese rhetorische Volte nicht wenigstens auf dem "Wörterbaum" des Autors gewachsen ist, sondern aus dem ungeistigen Unterholz der politischen Rechten von ihm zusammengeklaubt wurde. Auch dort gehört es zum Verteidigungsritus, dem Feind - der demokratischen Öffentlichkeit - nazistische Praktiken zu unterstellen. Dabei spielt es hier eine bloß spekulativ zu mutmaßende Rolle, ob Walser, autobiografisch zwangshaft, das wunderliche Heimatlob, mit dem sein Johann den nazistischen Deutschlehrer im Springenden Brunnen mattsetzt, nun in persona als Autor mit seiner Friedenspreisrede zu wiederholen trachtete und sich dazu ein gleiches Feindbild imaginiert. Um sich vergleichbar >tapfer< und eigensinnig zu gerieren - wie sein Alter-ego Johann? Die Verständnis-Ambivalenzen, die er dabei heute im öffentlichen Diskurs- & Wortfeld heraufruft, instrumentiert er jedoch mit einer identifizierbaren rechtsradikalen Semantik und einer gesellschaftspolitischen Projektionsstruktur, die aus dem gleichen politischen Lager stammt.

    Solange er nach der Friedenspreisrede schwieg und sich weigerte, die vermeintlichen "Missverständnisse", die seine Rede provoziert hatte, durch "Erklärungen" seiner semantischen und rhetorischen Ambivalenzen zu "verdeutlichen", konnte er sich als "geschmähte" und verfolgte Unschuld inszenieren: als Katalysator einer "befreienden (...) Erfahrungsenergie" (Walser/Bubis, S. 458).

    Im Gespräch mit Bubis aber traten, pleonastisch gesprochen, >Vereindeutlichungen< zutage, welche die Unschuldsvermutung des Paulskirchenredners, man werde am Ende seiner Rede von ihm nun "weniger wissen als beim ersten Satz", nachdrücklich dementieren. Man weiß mehr. Das für den Druck gekürzte Gespräch, von dem Bubis sagte, es sei in toto "noch viel schlimmer gewesen", offenbart eine in jedem Augenblick selbstbezogene und selbstherrliche Anmaßung Walsers, dessen zeternder, auch beleidigender Ton von schneidender Schamlosigkeit ist. Schamlosigkeit im Hinblick auf die eigene Selbstgerechtigkeit. Der Rückenwind von den "1000 Briefen", in denen ihm versichert wird, er habe "offen ausgesprochen", was man bislang nur "hinter vorgehaltener Hand" geäußert habe, treibt ihn vor sich her. "Das Volk", dessen Sprachrohr er seit langem sein wollte, hat ihn "verstanden". Deshalb weist er alle Bitten, sich zu "erklären" oder "Missverständnisse" auszuschließen - was auch jene von ihm wünschten, die mit ihm sympathisieren (wie sein Laudator Frank Schirrmacher) -, rigoros von sich, weil das Vibrato der Ambivalenzen seiner Rede sowohl zu seiner rhetorischen Angriffs- wie Verteidigungstrategie gehört: "Um nicht zuviel von mir zu verraten, (...) moblisiere ich furcht- und bedachtsam sprachliche Verbergungsroutinen", hatte er sich dazu in der Friedenspreisrede attestiert!

    Ein zweideutiges Selbstlob, das einerseits andeutet, sein zuinnerst "Eigentlichstes" sei noch problematischer als das bereits Geäußerte, andererseits sich zuguteschreibt, dass er sich selbst - und selbstverständlich aus Eigenschutz: wie anders bei einem solchen Solipsisten? - "zivilisatorische" Rücksichten auferlegt und erwartet, dass ihm das honoriert wird. Im spontanen Gespräch sind solche Verbergungsroutinen nicht so leicht in virtuos bedachte und kalkulierte Sprachambivalenzen zu transponieren wie in einer rhetorisch ausgefeilten Rede. Das dort versteckte Ressentiment tritt hier unverhüllter hervor, legt das von "Verbergungsroutinen"

    verdeckte "Eigentliche" offen, um Walsers heideggernden Sprachgebrauch zu zitieren. Nur an einem Beispiel des Gesprächs Walser/Bubis soll die Kontinuität der Behauptung Ruth Klügers, dass in dem jungen Studenten Christof (i.e. Martin Walser), "trotz Beteuerungen des Gegenteils ein Antisemit stecke" (R.Klüger. weiter leben , München.1994, dtv, S. 215) dargelegt werden. Es gibt in den Erregungsvibrationen dieser selbstgefällig-arroganten, gesprochenen Prosa eine Mehrzahl solcher Ausfälle. Ich bin darauf schon an anderer Stelle (Walser/Bubis, S. 473 ff.) eingegangen.

    Bubis eröffnete das publizierte Gespräch mit einer ausführlichen Darstellung seiner Lebensgeschichte. Er erklärt, warum er, vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen, die auch aus "Wegschauen" und "Verdrängen" bestanden, auf die Walserschen Begriffsfelder wie Instrumentalisierung, Moralkeule, Beschuldigung, Wegschauen etc. alarmiert reagiert habe. Unverkennbar wird hier der Versuch gemacht, dem Paulskirchenredner den öffentlichen Hallraum seiner Redeambivalenzen vor Augen zu stellen - als spezifische Resonanz eines deutschen Juden, die der "Selbsterkunder" Walser bei seinem Sprachgebrauch, den der Rhetor "keine Sekunde lang von dem Raum vorschreiben lässt, in dem er redet", doch auch einmal in Betracht ziehen möge. Walser aber ist dazu weder willens noch in der Lage. Er kann nur selbstbezüglich auf diesen Versuch eines Verständnis suchenden Brückenschlags regieren. Mehr noch: weil Bubis den Verdacht geäußert habe, Walser wolle "einen Schlussstrich ziehen", fand das der Autor "empörend angesichts meiner Arbeit auf diesem Feld", womit er seine mehrfache literarisch-essayistische Beschäftigung mit Auschwitz meinte - als ob Walsers rhetorische Rede-Attacken wider heutigen "grausamen Erinnerungsdienst" etc. nicht gerade einen "Schlussstrich" unter die "Lippengebete" und "Rituale" im Öffentlichen präzise ziehen und alles künftige Erinnern ausschließlich ins "persönliche Gewissen" ab- oder soll man sagen: verdrängen wollte. "Und", fügt er dann auftrumpfend hinzu, "Herr Bubis, das muss ich Ihnen sagen, ich war in diesem Feld beschäftigt, da wären Sie noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt (...) Sie haben sich diesem Problem später zugewandt als ich". Die "ganz anderen Dinge", mit denen der Überlebende der deutschen Endlösung sich "beschäftigte", sollen hier subkutan als "geschäftigte" markiert werden, wohingegen der Schrifsteller vom Bodensee damals schon mit der "literarischen Sprache, die (...) nichts verkaufen will (...) in diesem Feld beschäftigt war". Also: ein moralischer Frühaufsteher lässt sich von einem (jüdischen) Geschäftemacher der Nachkriegszeit, der sich "diesem Problem später zugewandt hat", heute nichts mehr bieten. Als sei Bubis nicht existentieller Gegenstand "dieses Problems" und nur Walser (wieder einmal) sein & dessen: - Opfer. Hier, wie an anderen Stellen der Kontroverse, sitzt die von Henryk M. Broder geäußerte bittere Einsicht, dass "die Deutschen den Juden Auschwitz nicht verzeihen", passgenau auf.

    Zu Teil 8


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