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Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 6

24.03.2004

Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

Teil 6

Von Wolfram Schütte

 

Nachdem diese scheinbar unumstößliche geschichtliche Tatsache (der "zwei Deutschländer") aus der Welt ist - und damit die einschneidendsten welthistorischen Folgekosten für das deutsche Volk abgetragen sind -, bleibt als immer noch präsente Hypothek einzig das Verbrechen gegen die Menschheit übrig, das der Name Auschwitz signalisiert. "Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden", spekulierte Walser im Händedruck mit Gespenstern (1979). "Schuld", sagte er damals über Auschwitz, könne " (man) aufnehmen, behalten und tragen nur miteinander" - und zwar in der "ich-überschreitenden" Nation. Dieses Ziel ist in Deutschland seit 1989 erreicht; aber für Walsers "Eigentliches" ist immer noch nicht die Grundlage gewonnen, um "ohne in Verdacht zu geraten", von den Deutschen wieder als "normalem Volk" und "gewöhnlicher Gesellschaft" sprechen zu können, wie es in der Friedenspreisrede 1998 heißt.

Denn noch immer besteht für Walser im vereinigten Deutschland "Geschichtsabweisung" fort, womit er das Gegenteil dessen meint, was seit dem Händedruck mit Gespenstern sein geschichtspolitisches Ziel ist: radikale Historisierung aller deutschen Geschichtsmomente einerseits und strikter Historismus als Voraussetzung poetischer Erinnerung andererseits. Letzteres lässt den Springenden Brunnen fließen, ersteres wird "Beim Verfassen einer Sonntagsrede" in der Paulskirche demonstriert. Denn als letzte "nationale Aufgabe" nach der deutschen Vereinigung bleibt, nun endlich zu "bewältigen", was von der einstigen "Schuld" als "geschichtliche Last" und "unvergängliche Schande" in seinen heutigen Augen zurückgeblieben ist.

Selbstverständlich sind es dann in der Friedenspreisrede wieder (oder immer noch?) Intellektuelle, nämlich "bedeutende Dichter und Denker" - unausgesprochen: Handke, Grass und Habermas -, die heute im "grausamen Erinnerungsdienst arbeiten" und dabei "uns", d.h. "allen Deutschen (... ) wehtun, (...) dadurch, dass sie uns die Schande vorhalten" und selbst dabei wohl "der Illusion verfallen, sie hätten (...) sich ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern". Also Heuchler nicht nur, sondern auch Pharisäer, die ihren moralistischen Hochmut an der öffentlichen Erniedrigung "von uns allen", also dem deutschen Volk: mästen. Wohingegen Walser "nie für möglich gehalten hat, die Seite der Beschuldigten zu verlassen". Weil er sich "nie so fein raus"-geputzt hat >wie diese da<, soll das wohl heißen; und: ein "Beschuldigter", der nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung "attackiert (Kurs. von mir) zu werden< - ist das nicht schon wieder: ein: Opfer?

Denn ein Beschuldigter ist ja nicht eo ipso ein Schuldiger, sondern nur einer, dem man Schuld zuweist, "vorhält" (wie Walser sagt), also ihn damit "attackiert" und quält, obwohl er schuldig gar nicht ist, mithin zum Opfer einer Beschuldigungsroutine gemacht wird: er nicht nur (sprich: Martin Walser), sondern auch das deutsche Volk. "In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20.Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, soweit ich sehe, von Österreichern" (Walser/Bubis S.11). Dergleichen scheinheilige, beifallheischende Stoßseufzer stünden auch der Jungen Freiheit gut zu Gesicht.

Der scheinbare Fatalismus, "nie die Seite der Beschuldigten verlassen zu können", provoziert jedoch zum einen das aggressive Verlangen, nun aber auch nicht länger damit "attackiert" zu werden; zum anderen die rhetorische Möglichkeit, jede Aktivität und Handlungsweise zu desavouieren, die aus der historischen Schuld folgert, heute jedenfalls so zu handeln, dass man nicht wieder schuldig werde, z.B. weil man wieder "weggesehen" habe. Die Rückbezüglichkeit heutiger tätig-moralischer Einmischung auf die "Schuld" im Vergangenen soll endgültig unterbunden werden. "Verstehen Sie", dringt Walser auf Bubis ein, "wenn Sie da auftauchen", nämlich in Lichtenhagen bei Rostock, nachdem dort der Mob ein Asylheim angezündet hatte, >wenn Sie da auftauchen (!), dann ist das sofort zurückgebunden an 1933... Und das können die Leute nicht mehr ertragen, und das wollen sie nicht andauernd hören, und darauf haben sie ein Recht". Ein Recht (!), als fremdenfeindlicher Lynchmob nicht mit Nazis verwechselt zu werden - und schon gar nicht von Juden, wie Walser an dieser Stelle mit einem "riskanten Satz" des jüdischen Religionsphilosophen Jacob Taubes zu beweisen meint, den er selbstverständlich (?) zur Hand hat: "Wir hatten keine Wahl", habe Taubes gesagt: "Und wer keine Wahl hat, das heißt, ich war nicht gegen Hitler, sondern Hitler war gegen mich. Wer keine Wahl hat, ist auch im Urteil eingeschränkt", dekretiert Walser (Walser/Bubis, S. 452). Was heißen soll: das ausersehene Opfer des Mörders soll sich beim Urteil über "die Faszination", die der Täter auf seine Mittäter ausübt, gefälligst zurückhalten. Denn davon verstehe es nichts - es sei denn Pharisäisches. Wenn das keine salvatorische Invektive ist, die mit dem "riskanten Satz" eines "Juden" einen "arischen" Schlussstrich ziehen möchte, wüsste ich nicht, was uns Walser mit Taubes´ Worten sagen möchte.

Die heutigen Intellektuellen aber haben sich mit "den Medien" verschworen, die als "Meinungssoldaten (...) mit vorgehaltener Moralpistole den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen"; und als "Gewissenswarte der Nation" reden sie mit der "Banalität des Guten" der "Monumentalisierung der Schande...mit einem fußballfeldgroßen Alptraum im Zentrum der Hauptstadt" das Wort. "Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande", beichtet der Friedenspreisträger mit berechnender Ironie eines Opfers in der Paulskirche, "fange ich an wegzusehen (...), wenn mir (...) jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird". Umso mehr, als er "gesteht", dass er sich "Übeln verschließt, an deren Behebung ich nicht mitwirken kann" und längst "hat lernen müssen wegzuschauen, (...) wenn mir der Bildschirm die Welt als eine Unerträgliche vorführt" - (wie einst "die ständig gefeierte Selbstmordwürdigkeit der menschlichen Existenz" durch Beckett?).

Und erst recht "übt" er "sich im Wegdenken", wenn er "glaubt", zur Abwehr den medialen Vorhaltungen mit "unserer Schande, entdeckt zu haben, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv" des ihn Bedrängenden ist, sondern die Erpressung, die ihn einschüchtern und mutlos machen soll: nämlich "die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" - "immer guten Zwecken, ehrenwerten", fügt er in scheinheiligem Zynismus hinzu, "aber doch Instrumentalisierung". (Wie ja auch Walsers Verdrängung "ehrenwert" ist, wenn er "Schuld" zur "Schande" mutieren lässt, um sie für seine gegenwärtigen Zwecke als Zumutung, Vorhaltung, Dauerrepräsentation zu "instrumentalisieren").

Die Vermutung, Walser habe hier, bloß >missverständlich<, eine berechtigte Medienkritik an der inflationären Verwendung historischen Bildmaterials im Fernsehen beabsichtigt, trifft nicht zu. Die wahrhaft totalitäre Instrumentalisierung z.B. von wenigen Auschwitz-Bildern zur >Illustration< auch noch der banalsten Meldungen oder die allgegenwärtige (Über-)Flutung mit Grauen erregendem Bildmaterial in Nachrichtensendungen, Features und Dokumentationen wird von Walser hier nicht als selbstreferentielle Zwangsstruktur der Audiovisuellen Medien in Betracht gezogen. Über solche Vernutzung des Historischen und Sensationalisierung des Aktuellen im Hinblick auf die psychische Abstumpfung des >Konsumenten<-Publikums wäre durchaus zu diskutieren. Aber von Walser wird hier nur von ihm als Person gesprochen, die "Unerträgliches nicht ertragen können muss" und sich der Negativität der medialen Welt-Darstellung verschließt, weil er ein Recht habe, "wegzusehen" - was ihm niemand bestreitet. Aber er sieht - ob er hinsieht oder wegschaut - sein Welt- (& Deutschland-)Bild und sein "Wunschpotential", das die Katastrophe, als die "absolute Gegenutopie" (Bloch), ausklammert, von "den Medien" verletzt. Und zwar so sehr, dass er seine subjektive Verdrängung der >schlechten Welt< rechtfertigen will durch die >Schlechtigkeit der Welt<, die ihn dazu zwinge.

Sein psychologischer Selbstschutz, der ihn dazu geführt hat, sich nicht mehr an der "Disqualifizierung des Verdrängens zu beteiligen", hat für ihn zur Folge, dass er das Bedrängende nicht nur verdrängt, sondern sein unbewusstes Schuldgefühl (?) einzig damit beruhigen kann, zu glauben, was er als "Dauerpräsentation unserer Schande" pejorativ charakterisiert, sei von einem verschwörerischen System der "Instrumentalisierung" beherrscht, das manipulativ in sein Gewissen eindringen will. Moshe Zimmermann hat diese Projektion einer Verschwörung sehr höflich als "ausweichende Rationalisierung" Walsers bezeichnet (Walser/Bubis, S. 266). Unhöflicher, weil genauer, spricht jedoch die Metaphorik Walsers selbst eine andere Sprache: die des in die Enge getriebenen Hasses auf die "Meinungssoldaten".

Walser befindet sich nämlich im Kriegszustand, genauer noch: er sieht sich einer "Okkupationsherrschaft" konfrontiert, die er nicht "vor Kühnheit zitternd", sondern vor Hass glühend in einer Metaphorik vor Augen stellt, die wahrlich von schlechten Eltern (und deren rechtsradikalen Enkeln) ist, welche er mit der infamen Bewusstheit einer verfolgenden Unschuld zur Instrument(alis)ierung seiner Opfer-Rolle gebraucht. Denn Walsers "ausweichende Rationalisierung" begnügt sich ja nicht nur damit, sich als >Kriegsopfer< im >Befreiungs<-Kriege zu stilisieren - diesen "Sichtbarkeitstriumph" erntet er erst als Meister Schweigestill nach der Friedenspreisrede -, sondern wer auch noch angeblich "mit vorgehaltener Meinungspistole in den Meinungsdienst genötigt wird", und die von ihm inkriminierten Intellektuellen "wieder im Meinungs- (& Erinnerungs-)dienst arbeiten" sieht, der will damit assoziativ auf den nazistischen Arbeitsdienst ebenso anspielen wie mit dem Begriff des "Meinungswarts" auf den des Nazi-Blockwarts.

Ausgerechnet diese "poetische Sprache" Walsers sei eine, "die nichts verkaufen will", wie er sich in der Paulskirche selbstgefällig zuspricht? Im Gegenteil. Hier handelt er rhetorisch mit rechtsradikalen Dumpingpreisen. Die "Poesie" der Metaphorik und das Raffinement seiner selbstbezogenen Rhetorik dienen dem Redner zum "Verkauf" seiner prosaischen politischen Konterbande. Walsers Metaphorik - wo sie nicht wie im Bild des "fußballfeldgroßen Albtraums" im "Zentrum der Hauptstadt"(!) durch trivialisierende Konnotation die unausgesprochene Sache durch erkennbaren Verletzungswillen herabsetzt - kreiert mit rhetorischer Subversion das Bild einer chimärischen Öffentlichkeit, die als Blaupause nazistischen Meinungsterrors erscheinen soll, vor deren monströsem Hintergrund sich die leidende, gepeinigte Unschuld ihres Opfers umso strahlender abhebt - desto mehr, als es sich zugleich stellvertretend für das schweigende Volk dem >Feind< entgegenstellt.

Zu Teil 7

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