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Wolfram Schütte: Walser-Essay, Teil 5

24.03.2004

Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

Teil 5

Von Wolfram Schütte

 

Ohne Zweifel ist "das Leiden" sowohl der persönliche wie der politische archimedische Punkt für Martin Walsers Poeto- & Politologie. Es ist ihm das Instrument, mit dem er glaubt, alles ihm Missfallende aus den Angeln heben zu können. Der überall Instrumentalierungen sieht, hat längst "Leiden" nicht mehr nur für poetische Zwecke instrumentalisiert. Leiden wird erlitten, ist also eine passive Erfahrung, die - nietzscheanisch gesprochen, was dem passionierten Nietzsche-Leser Walser vertraut sein dürfte - im moralistischen Diskurs "unschuldiger", "naiver" erscheint, weil sie nicht wie Herrschaft tätlich wird und Leiden schafft. Freilich ist sie, gerade für Nietzsche, auch die unmittelbarste Quelle des (christlichen) Ressentiments, nämlich der moralistische Angriff der von Natur aus Schlechtweggekommenen und Unterlegenen gegen die physisch und psychisch von Natur aus "Überlegenen", "Stärkeren". Ihnen spricht das Ressentiment des Mitleids einen schlechten Leumund zu.

Walser, der mit seinen Helden "mitleidet" wie mit sich selbst als Held seines "Eigentlichen", weist zwar die christliche Heilslehre von sich - wenngleich sie im "Seelenfrieden" hinieden, säkularisiert und radikalisiert als "Entgeltungssehnsucht" fortdauert -, spekuliert jedoch unvermindert auf das Sympathie-Surplus, das ihm als (Er)Leidenden des "Man" auch in entsakralisierter Gesellschaft noch zufällt, indem er sich als >Zerrissenen<, als Medium der Sprache rhetorisch inszeniert. Er vertraut dabei auf die "Bonität" des unschuldigen "Opfers", das sich der Verfolgung des "Man", der Political Correctness, der "herrschenden Meinung" ausgesetzt sieht - wenn er sich nicht, wie mit dem Springenden Brunnen und der Friedenspreisrede, als unschuldiges Sprach-Rohr einer kollektiven deutschen "Befreiung" ausgibt. Eine "Befreiung" aus der über "uns" durch die herrschenden Cliquen verhängten Gefangenschaft, welche durch die "Instrumentalisierung von Auschwitz" und die "Dauerpräsentanz unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" bewirkt worden sein sollte.

Indem er die Ohnmacht des (Er-)Leidens zum tertium comparationis macht, parallelisiert er identifikatorisch seine kleinbürgerlichen Helden und "das deutsche Volk", den wortmächtigen Autor Martin Walser und die von der "Moralkeule (...) eingeschüchterte" Schweigende Mehrheit. Beide sind ja "immer die Dummen" - weil von ihren Chefs oder ihren Cliquen Abhängige, die auslöffeln müssen, was diese Anderen ihnen eingebrockt haben, während die "zurechnungsfähigen" Intellektuellen, dem Volk so entfremdet wie dem leidensstummen Kleinbürgertum, sich in ihren "schönen Ausbrüchen der Ich-Sucht (...) austoben" und als "Lippengebetsspezialisten" der Cliquen-Herrschaft oder den Chefs nach dem Munde reden.

Wie sehr der späte heideggernde Walser >Jenseits von Gut und Böse< (Nietzsche) seine existentielle und poetologische Selbstbetrachtung des leiderfüllten Kleinbürgers auf die gesamte deutsche Gesellschaft, resp. auf "das deutsche Volk" überträgt (& und sich totalisiert), tritt in der Leidenskrönung des Kleinbürgers zutage, die er in dem Gespräch mit dem Altersgenossen und Freund Rudolf Augstein vornahm. Obwohl vor der Friedenspreisrede geführt, hat es der Spiegel erst danach, als flankierende Maßnahme zur aufschwellenden Diskussion, am 2. 11. 98 publiziert. "Nach meiner Definition", sagt dort Walser, der sich selbst, wider Augsteins Einspruch, emphatisch zu den Kleinbürgern rechnet, "ist Kleinbürger der, der sich selber ausbeutet (...), der Großbürger ist der, der andere ausbeutet. Der Proletarier ist der, der ausgebeutet wird". Zwar zählen in Walsers Bestimmung des "Volks" nur die "Kleinbürger und das Proletriat" zu ihm, aber es versteht sich, dass das "Leid" der allgewaltigen Ausbeutung dort größer ist, wo einer, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten eingeklemmt, sich selbst ausbeutet, also sich verinnerlicht selbstdemütigt. Kleinbürger als Henker und Opfer in einem - man darf sich aus solcher Zerrissenheit die Ohnmachts- & Allmachtsgefühle zurechtbuchstabieren, die das Ressentiment alphabetisieren, wenn der Kleinbürger aus Leidenserfahrung schließlich Genugtuung für das Erlittene verlangt. Schon gar, wenn Walser sein "Geschichtsgefühl" für die verlorene Einheit der Nation von der Geschichte selbst bestätigt sieht. Verständlich, dass der "Unzeitgemäße", der das "Obsolete" nicht für "veraltet", sondern nur für ein Potentialis für das von altersher zu Wünschende hielt, sich auf der Via Triumphalis sieht, nachdem die "beiden Deutschländer" wieder eines sind. Die Weltgeschichte hat ihm Recht gegeben.

Es ist verständlich, dass er aus seinen Gesammelten Werken seinen Aufsatz Große Blochmusik verbannt hat, den er zur Begrüßung Ernst Blochs publiziert hatte. So nahe das eschatologisch instrumentalisierte Blochsche Prinzip Hoffnung dem Walserschen "Wunschpotential" zu sein scheint, das die Negativität des Tragischen ausschließt, so kann doch für einen, der "die Heimat" wider ihren drohenden Verlust verteidigt, sie nicht, wie für Bloch, erst ein zu gewinnendes Ziel sein. Wo der Ludwigshafener Philosoph ein dynamischer metaphysischer Utopist ist, ist der Wasserburger Erzähler ein statischer Reaktionär: "Der Mensch kann gar nicht genug Heimat haben", etc., wie es im Springenden Brunnen (S.S. 252) heißt.

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