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Wolfram Schütte: Walser - Essay, Teil 3

24.03.2004

Auf- & Abstieg im Wörterbaum (Essay in 10 Teilen)

Teil 3

Vom "Händedruck mit Gespenstern" zum "Springenden Brunnen" - und weit darüber hinaus: die Friedenspreisrede, das Gespräch Walser-Bubis und andere Rauchzeichen.

Von Wolfram Schütte

 

Bestand Walsers erster "Händedruck mit Gespenstern" darin, den gesamten gesellschaftlichen und sozialen Raum als verlogenen Schein des "Man" zu erklären, so gilt der zweite - soll man sagen: mit Notwendigkeit? - der Denunziation "der Intellektuellen" als Volksfremden: "Mir kommt es so vor, als hätten sich unsere Intellektuellen" (Wer ist das wir, das possessiv die Intellektuellen zu seinem Eigentum erklärt? ) "nach 1918 vom Volk getrennt und hätten seitdem die Erfahrung, die man im Volk, mit ihm oder durch es hatte, verdrängt". Dergleichen hatte man bereits aus ermächtigtem Mund 1933 gehört. Auch das Folgende: Die Intellektuellen seien es, die "daran arbeiteten, Volk (...) zu einem Ausdruck für die Ansammlung von etwas Gemeinem zu machen". Dabei sei, für den "Zugehörigkeitsempfinder" Walser, in der deutschen Geschichte ja einzig das Volk "immer der Dumme" gewesen, der auszubaden haben müsse, was im 1.Weltkrieg "die bürgerlich-feudalen Cliquen der beteiligten Länder" angerichtet hätten. Nach 1918 "schlug sich die bürgerlich-feudale Clique der Deutschen (... ) auf die Seite der Sieger: wirtschaftlich und politisch", was für die feudalen schon gar nicht zutrifft. Und was "sich auf die Seite der Sieger schlagen" heißen soll, möchte man denn doch ohne nationalsozialistischen Zungenschlag von Walser gerne wissen, umso mehr, als bekanntlicherweise die Großindustrie Hitler finanzierte. "Einem Teil allerdings" dieser "Cliquen" der Walserschen Verschwörungstheologie "gelang das nicht; der ging daran, sein Ressentiment und die Leiden des Volkes für ein weiteres, noch schlimmeres Abenteuer zu alliieren". Welcher offenkundig mächtigere "Teil" war das? Um welches Ressentiment handelte es sich? In Walsers raunendem Dunkel ist gut munkeln mit den Worten.

Und die volksfremden Intellektuellen - wie z.B. Heinrich Mann, Ernst Toller, Oskar Maria Graf, Egon Erwin Kisch, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Erwin Piscator è tutti quanti - wo ist ihr Part in Walsers Dramaturgie des Natonalsozialismus? "Philosophie und Literatur der zwanziger Jahre waren, soweit wir sie ernst nehmen, internationalistisch gesonnen, "also sofort fein raus" (Kurs. von mir). In der idiomatischen Wendung, die Walser hier bewusst wählt, klingt sowohl das von ihm unterstellte "Unverantwortliche der Intellektuellen" mit, wie auch, dass sie dem "Niederen" ins "Feinere" enthoben gewesen seien: den herrschenden Cliquen näher als dem "leidenden Volk".

"Internationalistisch", womit "universalistisch" und anti-national, resp. kommunistisch gemeint ist: Auch das klingt nicht von ungefähr wie ein Echo aus dem historischen Raum von 1933 ff. Die volksfremden, internationalistischen Intellektuellen waren "sofort fein raus", weil sie ihre "Roaring Twenties (hatten)", als Spielwiese oder Narrenfreiheit, wie gesponsert von den herrschenden Cliquen, die sich auf die Seite der (westlichen) Sieger geschlagen hatten. Aber "Arbeiter und Kleinbürger" waren nicht "so fein" raus: sie "hatten einen aussichtslosen Kampf gegen immer neue Einfälle eines nun doch wirklich international auftretenden Kapitalismus" zu führen - wobei an diesem sprachspielerischen Satz der nationale Unterton nicht überhört werden sollte, weil die Doppelbedeutung von Einfällen im Kontext des Satzes nicht auf den Plural von Ideen, sondern auf den Plural von kriegerischen Grenzüberschreitungen, also Überfällen und Ausbeutungen durch den internationalistischen Kapitalismus justiert wird, womit das "National-Sozialistische" als Gegenbewegung in jeder Hinsicht "verständlich" wäre.

Weiterschreitend in Walsers gespenstischer Legendensammlung einer verschwörerischen Cliquenherrschaft über das Volk, kommt der heutige Leser zu folgenden Walserschen Dikta: "Nach 1945 wurden wir", also die deutsche Volksgemeinschaft, "viel glimpflicher behandelt" (als nach 1918), "obwohl wir uns viel schlimmer benommen hatten". Das ist eine gar heimelige Beschreibung unseres Benehmens zwischen 1933/45 - speziell für die Taktlosigkeit, mit der "wir" unsere jüdischen Bürger (und alle anderen Juden, deren "wir" bei "unseren" europäischen Eroberungen habhaft werden konnten), so weit es uns möglich war, ausgemerzt hatten, von anderen Untermenschen ganz zu schweigen. Und weil "wir" diesmal glimpflicher davon gekommen waren, musste unser Volk nicht wieder der Dumme, resp. weiterhin "schlimm" sein, sondern wieder ganz normal: "Deshalb wurde nach 1945 in diesem (!) Volk kein rabiater Heil-Hitler gezüchtet (!)". Der semantische Wechsel zeigt nicht Distanz an, sondern fingiert >Objektivität<, womit gesagt sein soll, dass "dieses Volk" (wie jedes andere) nicht durch die Sieger noch einmal gezwungen war, sich als "leidendes" mit seinen Verführern zu >aliieren<.

So hätten wir unseren Ausrutscher zwischen 1933/45, dank diesmal glimpflicher Behandlung durch die erneuten Siegermächte, bewältigen können. "Aber in der Rückschau auf das Jahr 1933 hat man sich nahezu festgelegt auf eine Meinung, in der das deutsche Volk als eine Masse erscheint, die zum Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Dumpfen, Aufklärungsfeindlichen, Faschismusverdächtigen neigt", wo es doch nur als leidendes Subjekt von der einen Clique verkauft, von der anderen missbraucht und von den Intellektuellen verraten worden war. Worden war? Sind es nicht noch immer die Intellektuellen, die "rückschauend" das Volk verhöhnen?

"Die zurechnungsfähigen Intellektuellen", bemerkt dazu der bittere Ironiker, "waren an 1933 offenbar nicht beteiligt oder sie waren Opfer". Walser will "offenbar" sagen: sie waren beteiligte Mit-Täter, die entweder wieder "fein heraus", besser: durch Exilierung "hinaus" (geworfen worden) waren, wenn sie nicht wie Benn und Jünger nur auf Beobachtungsposten saßen, oder sich gar noch für Opfer hielten. Denn "Schuld" - man beachte: nicht schuldig - "war wieder dieses deutsche Volk, das dem Verbrechen zugeschaut hatte, mitgemacht hatte, gejubelt hatte. Wieder waren die zurechnungsfähigen Intellektuellen nicht dabei. Mit diesen fanatisierten Kleinbürgern hatten sie nichts zu tun. Und die Kapitalisten sind sowieso jedesmal auf der Seite der Kriegs- und Geschichtsgewinner" : - the same procedure as before: für Martin Walser.

Nun muss Walser aber auch zugeben, dass es in seinem Zuschreibungsbild von Soll und Haben deutscher Geschichte noch eine zusätzliche misslich-störende Hypothek gibt: "Auschwitz". Sie hindere ihn selbst daran, derzeit sein "Deutschsein auch ein bisschen positiv werden zu lassen". Mit Auschwitz scheint das "verwirkt" zu sein. "Es sei denn," - sucht er den Ausweg - "wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden. Aber ich muss zugeben", fährt Walser 1979 fort, "eine rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allem Ich-Überschreiten fliehende Gesellschaft kann Auschwitz nur verdrängen. Wo das Ich das Höchste ist, kann man Schuld nur verdrängen. Aufnehmen, behalten, tragen kann man nur miteinander. Aber jede Tendenz zum Miteinander reizt bei uns den Verdacht auf Obsoletes. Wo Miteinander, Solidarität und Nation aufscheinen, da sieht das bundesrepublikanisch-liberale Weltkind Kirche oder Kommunismus oder Faschismus. Geschichtsabweisend ist der aktuelle Intellektuelle. Beckett ist sein Mann". Während Walser nicht auf Godot sondern auf die Nation wartet, inszenieren die west-deutschen Intellektellen immer wieder nur das "Endspiel".

Nicht die "an sich unschuldige Spezialität Beckett", sondern der Becketts "Geschichtsverneinung mit polemischen Bemerkungen gegen Brecht blanko abgesegnet" habende Theodor W. Adorno (in seinem Versuch, das Endspiel zu verstehen, 1961) verhindere also eine "Bewältigung" von Auschwitz, das historisiert werden müsse, wie Walser vorführte - gegen den "geschichtsabweisenden aktuellen Intellektuellen" Adorno, der "Unverständlichkeit hätschele".

Hier verklumpen sich nun mehrere Motive Walsers. Die philosophische Interpretation Becketts durch Adorno, der in dessen Endspiel die künstlerisch-paradigmatische Entsprechung für seine nun wahrhaft "ich-überschreitende" Reflexion des >Zivilisationsbruchs< sah, der den Namen Auschwitz trägt - also nicht "nur" ein historisches, historisch bedingtes Ereignis deutscher Geschichte, wie es Walser situiert. Das kann dem Autor u.a. von Eiche und Angora nicht gefallen, wo der dumme Alois "eine Lektion nach der anderen (lernt) und kaum noch mit Lernen und Umlernen nachkommt" (Deutsche Sorgen, S. 223). Noch weniger aber dem Lebens-Sinn-Sucher & Sinn-Produzenten Martin Walser.

Von der "heroischen Geschichtsverneinung" des Iren Samuel Beckett, diesem "deutschen Lieblingsdichter" (a.a.O., S. 225), den der "bewertende und segensspendende Kulturbetriebsapparat", Adorno folgend, gerade zur "horizontbereitenden Avantgarde ernannt" hat, sieht sich der konkurrierende deutsche Autor Walser eben deshalb von der Kritik abgekanzelt, die "jede matte Textstelle oder Theaterstelle (hart ahndet), die dadurch zustande kam, dass einer sich oder der Sprache eine Aufgabe zumutete", und die ihm dann "sofort" als "Boulevard" angekreidet werde. Hier meldet sich unverkennbar das Ressentiment des "Ehret Eure deutschen Meister" (R. Wagner) zu Wort, indem Walser sein eigenes Scheitern als Dramatiker dem "Kulturbetriebsapparat", der internationalistischen Intellektuellen-Clique, zuschreibt.

Wichtiger aber als die immer auch selbstbezogene Polemik Walsers gegen das "Man" ist zu diesem Zeitpunkt seine Überlegung, wie "Auschwitz bewältigt" werden könnte. Wobei die Frage, wie es dazu kam, wer es zustande brachte (die Cliquen, das Volk?) gar nicht von ihm gestellt wird. Oder doch, ex negativo? Nämlich indem "kapitalistische Cliquen", "zurechnungsfähige Intellektuelle" und "dummes Volk" national vereint sein müssten, um " (nur miteinander) Schuld aufzunehmen, behalten und tragen zu können" (a.a.O., S. 224). Erst wenn die, nach Walsers Geschichtsverständnis, Verursacher und Mitläufer im Miteinander zusammenstünden (Wo bleiben die Gegner - oder gab es keine; und wo wären die deutschen Juden - oder gibt es keine mehr?), könne "Auschwitz" den "nationalen Aufgaben" (- und das wären welche?) nicht mehr im Wege stehen.

Aber dem steht seine damalige Gegenwart noch entgegen, weil in ihr "das Ich das Höchste ist" und eine "rein weltliche, eine liberale, eine vom Religiösen, eine überhaupt von allen Ich-Überschreitungen fliehende Gesellschaft Auschwitz nur verdrängen kann". Walsers "Ich-Überschreitungen" steigen vom Miteinander über Solidarität zur Nation auf, und weil ein religiöses Miteinander heute nicht (mehr) verbindend sein kann, Solidarität von ihm kommunistisch konnotiert ist, bleibt zuletzt doch nur die Nation als identifikatorisches Über-Ich übrig, wenn erst einmal die "schönen Ausbrüche der Ichsucht, autoerotisches Babytum und die ständig gefeierte Selbstmordwürdigkeit der menschlichen Existenz", vulgo Beckett & Adorno, überwunden würden, die uns "uns" (Kursivierung von mir) "jetzt seit Jahr und Tag als Eingeschüchterte, Mutlose erleben" lassen. Denn Walser hat ja "ein Bedürfnis nach geschichtlicher Überwindung des Zustands Bundesrepublik. Von Grund auf sollten wir weiter. Aber die herrschende öffentliche Meinung, das herrschende Denken, der vorherrschende Sprachgebrauch nennen dieses Bedürfnis obsolet, obsolet heißt veraltet; ich glaube nur, es sei alt" (a.a.O., S. 227).

Zu Teil 4

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