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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. Juli 2017 | 16:20

    Quo vadis Wikileaks?

    09.09.2011

    Der Nebel des Informationskriegs

    Was machen eigentlich die Whistleblower-Plattform »Wikileaks« und ihr nicht unumstrittener Frontmann? Seit Julian Assange in England unter Arrest gestellt worden war, verebbten die Nachrichten rund um den charismatischen Computerspezialisten und brillanten Selbstdarsteller zunächst. Größere Scoops, wie die für Januar 2011 angekündigte Veröffentlichung von brisanten Protokollen aus dem Innenleben der »Bank of America«, waren verpufft. Wegbegleiter haben sich abgewandt und Befürworter sind leiser geworden. Andere Organisationen griffen die Arbeit von Wikileaks mal mehr, mal weniger publikumswirksam und mit wechselndem Erfolg auf. Nun hat sich Wikileaks ungewollt mit einem selbstzerstörerischen Paukenschlag zurückgemeldet. JÖRG FUCHS hat sich in der Welt der Whistleblower umgesehen.

     

    Vertrauliche Informationen entgegennehmen, deren Überbringer bestmöglich schützen, die Hinweisgeber der Quellen anonymisieren und brisante Daten veröffentlichen – das waren die Grundlagen für die spektakulären Scoops, die Wikileaks medienwirksam inszenierte. Diese hohen Ansprüche haben sich seit wenigen Tagen pulverisiert: Vertrauliche Wikileaks-Daten sickerten in die Öffentlichkeit. Klarnamen von den Zuträgern, die beispielsweise für US-Botschaften Informationen erhoben hatten, wurden publiziert; zugänglich für jedermann, der einen Webbrowser bedienen kann. Wie konnte dieser Daten-GAU passieren, dessen Auswirkungen nun Leib und Leben der Informanten gefährden? Eine erstaunliche Serie von Nachlässigkeiten und Sorglosigkeiten führte zu einem Ereignis, das Wikileaks gründlich desavouiert hat. Doch der Reihe nach:

     

    Am 28. November 2010 erschüttert »Cable-Gate« die US-amerikanische Diplomatie in ihren Grundfesten. Rund 250.000 Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium, die die Sicht der US-Außenpolitik auf die Welt verdeutlichen – viele davon geheim oder vertraulich – werden an diesem Tag publik gemacht. Teils entsetzt, teils belustigt liest die Weltöffentlichkeit über die deutsche »Teflon-Kanzlerin«, den russischen »Alpha-Rüden« Putin oder den »Kaiser ohne Kleider«, Nicolas Sarkozy. Genüsslich werden diese Nachrichten von allen wichtigen Online- und Offline-Leitmedien seziert. Auslöser dieses diplomatischen Desasters ist die Whistleblower-Webseite Wikileaks, die die Depeschen, die ihr anonym zugespielt wurden, in Kooperation mit Zeitungen und Zeitschriften, wie dem Spiegel und dem britischen Guardian öffentlichkeitswirksam publiziert.

     

    Der angebliche Wikileaks-Informant
Bradley Manning Der angebliche Wikileaks-Informant
    Bradley Manning

    Kollateralschäden

    Aber nicht nur die peinlichen Protokolle finden weltweite Beachtung. Der bis dahin überwiegend in computeraffinen Zirkeln bekannte Julian Assange wird über Nacht zum globalen Superstar. Von seinem Heimatland Australien bis Pakistan, von den Niederlanden bis Südamerika – sein Name steht ab sofort gleichbedeutend für den Kampf gegen Zensur und für Informationsfreiheit. Durch die Publikation von Informationen, die öffentliche Angelegenheiten betreffen, sollen wirtschaftliche und politische Entscheidungsprozesse transparent gemacht werden. So sollen, laut Assange, demokratische Strukturen geschaffen und gestärkt werden. Dieses Versprechen weckt viele Hoffnungen: Assange und Wikileaks werden Symbole unterschiedlichster Gruppierungen, wie Kriegsgegner oder Menschenrechtsaktivisten. Assange rückt stetig in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit; andere Schwerpunkte und Fragen werden darüber gerne ausgeblendet: zum Beispiel die, nach der Herkunft von Dokumenten, die bei Wikileaks veröffentlicht wurden.

     

    So erregte der Fall des angeblichen Informanten Bradley Manning weltweit Aufmerksamkeit. Der US-Soldat steht unter Verdacht, unter anderem das Video eines Hubschrauberangriffs auf Zivilisten in Afghanistan an Wikileaks weitergegeben zu haben. Ihm droht wegen Spionage und »Unterstützung des Feindes« in den USA im schlimmsten Falle die Todesstrafe. Und zwar ausschließlich Manning – die angebliche Forderung der Todesstrafe für Assange durch den republikanischen US-Politiker Mike Huckabee, stellte sich hingegen schnell als Fehldeutung heraus. In seiner markigen Rede zielte Huckabee unmissverständlich auf vereidigte Geheimnisträger aus den eigenen Reihen:

    »Whoever in our government leaked that information is guilty of treason, and I think anything less than execution is too kind a penalty. (…) And anyone who had access to that level of information was not only a person who understood what their rules were, but they also signed, under oath, a commitment that they would not violate. They did. (…) And they committed treason against this country.«

    Zwar klingt diese Forderung im Kern nicht weniger radikal und eine juristische Bewertung steht noch aus; im korrekten Zitat kostet sie Assange jedoch einen guten Teil seiner Reputation als möglicher Märtyrer im Dienste der Wahrheit.

     

    Der vermeintliche Spion und »Verräter« Manning hingegen wurde unter derart menschenunwürdigen Verhältnissen in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis eingekerkert, dass nicht nur Juan Méndez, UN-Sonderberichterstatter für Folter, die US-Regierung offiziell gerügt hat. Auch der »Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe« des Deutschen Bundestages prangert in einem Brief an den US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama die völlig inakzeptablen Haftbedingungen an. So soll Manning 23 Stunden täglich isoliert in einer winzigen Zelle verbracht haben, als einzige Abwechslung durfte er jeden Tag eine Stunde lang in einem anderen Raum umhergehen. Er musste nackt schlafen und jeden Morgen ebenso zur Kontrolle vor der Zellentür antreten. Die heftigen Proteste gegen diese Behandlung zeigten mittlerweile Wirkung: Manning wurde im Aprill 2011 in die Haftanstalt von Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas verlegt, wo er nun unter weitgehend normalen Haftbedingungen seinem Prozess entgegensieht.

     

    Dieser Fall verdeutlicht, in welcher Zwickmühle sich die Wikileaks-Aktivisten befinden. Sie benötigen Informationen, können aber im Zweifelsfalle auf offiziellem Weg keinen Kontakt zu den Informanten herstellen. Zum einen, weil die Datenübergabe in der Regel anonym vonstattengeht, auf der anderen Seite, weil eine Verbindung zu Wikileaks die Sicherheit von Zuträgern gefährden könnte. Dieses wird auch im Falle Manning deutlich: Unterstützt Wikileaks ihn offensiv, schwächt dies seine juristische Position. Distanziert man sich von ihm, wird Wikileaks Verantwortungslosigkeit im Umgang mit den Quellen vorgeworfen. Immerhin bezeichnete Assange ihn als »politischen Häftling« und Wikileaks spendete 10.000 Dollar für einen Bradley-Manning-Hilfsfond.


    Doch nicht nur die Wikileaks-Informanten laufen Gefahr, aufzufliegen. Seit wenigen Tagen ist die Verschleierung, mit deren Hilfe Wikileaks die Zuträger der US-Diplomaten zu schützen versuchte, Makulatur. Die Geschichte, die hinter diesem Datendebakel steckt, liest sich wie ein schlechter Krimi: Im Zuge des Cablegate-Leaks stellte Julian Assange die unredigierten Botschaftsdepeschen verschlüsselt auf dem Wikileaks-Server zum Download zur Verfügung. Seine Medienpartner, unter anderem die britische Zeitung Guardian, erhielten ein Passwort, um die Depeschen auslesen zu können. Der Guardian-Journalist David Leigh druckte später exakt dieses Passwort als eine Kapitelüberschrift in seinem Buch über Julian Assange ab. Seine Erklärung, er sei davon ausgegangen, das Passwort sei zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr gültig klingt im Zusammenhang mit den gängigen Methoden der Verschlüsselung eher fragwürdig! Dass das Buch Leighs der Schlüssel zur Dechiffrierung der Cablegate-Depeschen war, blieb monatelang unentdeckt. Und wäre möglicherweise überhaupt nicht aufgefallen – bis die Wochenzeitung Der Freitag in einem Artikel kürzlich den Zusammenhang zwischen Datei und Passwort andeutete. Pikanterweise ist das Blatt Medienpartner des Wikileaks-Konkurrenten Openleaks und dessen Gründer sowie Assange-Intimfeinds Daniel Domscheit-Berg. In die Defensive geraten blieb Wikileaks wenig anderes übrig, als die ungefilterten US-Botschaftsdepeschen selbst zu veröffentlichen. Inklusive der Klarnamen der Quellen, die nun möglicherweise Repressalien ausgesetzt sein könnten. Ganz unabhängig davon, bei wem die Verantwortung für dieses Daten-Debakel liegt – die Nachlässigkeit aller Beteiligten im Umgang mit den heiklen Informationen hat dem institutionalisierten Whistleblowing einen Bärendienst erwiesen.

     

    The Fog of Wikileaks

    Grundsätzlich stellt sich die Frage, was Whistleblowerplattformen, die im Fokus der Öffentlichkeit agieren, mit dem Material ihrer Informanten bewegen können? Sie sind in der Lage, Themen zu generieren, Aufmerksamkeit zu erzeugen und schlummerndes Protestpotential zu aktivieren. Sie können wirtschaftliche Prozesse offenlegen und politische Entscheidungen transparent machen. Aber welchen dieser Erwartungen können sie jetzt noch genügen? Oder sind sie momentan möglicherweise zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die selbstgesteckten Ziele erreichen zu können.

     

    Das prominente Gesicht von Wikileaks ist in juristischen Fallstricken verheddert und damit beschäftigt, einem Auslieferungsgesuch Schwedens zu entgehen und somit eine gerichtliche Anhörung sowie – weitaus schlimmer – ein drohendes Auslieferungsverfahren in die Vereinigten Staaten zu verhindern, wo man ihm liebend gerne den Prozess machen würde.

     

    Auch scheint es für die zukünftige Ausrichtung von Wikileaks kein klares Konzept zu geben. Die verschwommen Grenzen zwischen Journalismus, politischem Aktivismus sowie Agenda-Setting werden zunehmend kritisiert – auch von freundlich gesinnten Medien. Wer sich jedoch, wie Assange, stets einer klaren Positionierung entzieht, setzt sich der Gefahr der Beliebigkeit aus. Die schwere Fassbarkeit des Australiers und seiner weltanschaulichen Ansichten spiegelt sich auch in den Publikationen, die im Frühjahr 2011 in den Bücherregalen der Händler standen: »Weltverbesserer« oder »Verräter« heißt es im andernorts besprochenen Buch Julian Assange Der Mann, der die Welt verändert. Im Zweifelsfalle beides – oder nichts. Welche Ansichten vertritt er, auf welcher Seite stehen Unterstützer und Helfer? Verfolgt er höhere politische Ziele oder führt er einen privaten Kreuzzug? Warum feuert Assange mit Vorliebe auf die Vereinigten Staaten, wo andernorts größere Ungerechtigkeit herrscht? Liegt es an der »bestimmten Form der Politik«, die die USA in seinen Augen verkörpert? Solche Fragen könnte man als rein rhetorisch stehenlassen – brächten sie Wikileaks und Assange sowie ihre Unterstützer und Quellen nicht in höchste Gefahr. Wie sich im Folgenden noch zeigen wird.

     

    Griffige Antworten auf diese Fragen sind bei Assange Mangelware, wie die Macher des Buchs Staatsfeind Wikileaks konstatieren. Zwar ist seine Kritik an Staatsgebilden im Allgemeinen und Hierarchien im Besonderen sehr ausgeprägt – aber warum führt er Wikileaks dann bislang wie eine feudalistische One-Man-Show? Wie sehen seine Vorschläge für gesellschaftliche und politische Alternativentwürfe aus? Der Mangel an konkreten Zielen lässt Spekulationen ins Kraut schießen. Wie die Vermutung, Assange wolle eine »umgekehrte Orwellianische Welt« schaffen, die der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, in einem Kommentar äußert.

     

    Ob diese Unschärfe, auch wenn sie von Assange gewollt ist, dem Projekt auf Dauer dienlich sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Selbst wenn es noch den einen oder anderen Scoop geben wird – Medienpartner, Informanten, Helfer und Quellen benötigen, für langfristige Zusammenarbeit, stabile Strukturen, ein klares Ziel – und absolute Sicherheit vor Enttarnung. Es verdichtet sich der Eindruck, Assange sei mit Wikileaks nur den halben Weg gegangen, der dazu auch noch in den Nebel führt. Diese Konzeptlosigkeit, gepaart mit Assanges schwierigem Verhältnis zu seinen Mitstreitern, mag der Grund dafür sein, dass sich wichtige Stützen der Whistleblower-Webseite, wie Software-Spezialisten, aus dem Projekt zurückgezogen haben. So stellt es zumindest der ehemalige Wikileaks-Aktivist Daniel Domscheit-Berg, der die Organisation, enttäuscht von Assanges medialem und persönlichem Gebaren, im Streit verließ, in seinem Buch Inside Wikileaks reißerisch-unterhaltsam dar.

     

    Je länger Wikileaks auf ein solides Lebenszeichen warten lässt, desto stärker schwindet seine Legitimation – ein Problem, das durch den kometenhaften Aufstieg von Assange und Wikileaks mitverursacht wird: Glaubt man Insideraussagen, wuchs die Organisation schneller als ihre Strukturen. Diese kann, wie durch das Datenleck bestätigt wurde, bereits den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen.

     

    Unterhalb des Radars

    Neben Wikileaks existieren auch nicht institutionalisierte, von der Öffentlichkeit weniger stark wahrgenommene Whistleblower – deren Veröffentlichungen jedoch ähnlich heikles Material zutage fördern. Im Februar 2011, im medialen Windschatten der Verhaftung Julian Assanges, dringen Computerfreaks des in IT-Kreisen berühmt-berüchtigten Hackerkollektivs Anonymous weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Aufmerksamkeit in Firmenserver sowie Twitter- und Googleaccounts des US-amerikanischen IT-Sicherheitsunternehmens HBGary ein. Dessen Mitarbeiter hatten zuvor gedroht, Anonymous-Aktivisten zu enttarnen. Die Hacker kopieren Codes, Programme – und 60.000 interne E-Mails, die sie nach und nach veröffentlichen. Außerhalb und ohne Hilfe von Wikileaks. Die hochbrisanten Dokumente beziehen sich unter anderem auch auf Wikileaks – und verdeutlichen, in welcher Gefahr Assanges Projekt zu diesem Zeitpunkt bereits schwebt.

     

    Die konzeptuelle Schwäche von Wikileaks und die Abhängigkeit von einer Person erweisen sich im Kampf um die Deutungshoheit von Wikileaks, die mit immer härteren Bandagen geführt wird, zunehmend als Achillesverse: US-IT-Firmen sollen, laut den geleakten internen Mails von HBGary, in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen nicht nur soziale Netzwerke wie Facebook unterwandern (um mit den dort gesammelten Informationen kritische Aktivisten zu diskreditieren). Über die gleichen Kanäle planen US-Unternehmen, wie die Bank of America, die sich zu Beginn des Jahres 2011 durch Veröffentlichungen von Interna durch Wikileaks bedroht sah, strategische Operationen gegen Assanges Organisation.

     

    Eine E-Mail von HBGary an die Sicherheitsfirma Palantir erläutert konkrete Schwachpunkte in der Struktur von Wikileaks – und wie diese gezielt dazu genutzt werden können, mit Methoden der psychologischen Kriegsführung Druck auf die Whistleblower aufzubauen¹: »Despite they publicity, I do not believe Wikileaks is in a healthy position right now. I think their weakness are causing great stress in the organization and we need to capitalize on those«.

     

    Erstes Ziel dabei: Finanzströme austrocknen: Personen, die Wikileaks mit Geldspenden unterstützen, sollen unter Druck gesetzt werden: »They [Wikileaks, Anm. d. Autors] are under increasing financial pressure because authorities are blocking their funding sources. (…) Also need to get people to understand that if they support the organization we will come after them. Transaction records are easily identifiable«.

     

    Zusätzlich sollen mögliche Wilkileaks-Informanten mithilfe einer FUD-Kampagne (»fear, uncertainty and doubt«), eingeschüchtert werden: »Need to create doubt about their security and increase awareness that interaction with Wikileaks will expose you«. Gefälschte Enthüllungsgeschichten über enttarnte Informanten sollten dieses Drohszenario untermauern.


    Der dritte Punkt dieser E-Mail erörtert die Aussichten, einen Keil zwischen Assange und seine Anhänger zu treiben. So solle seine persönliche Abneigung gegenüber den USA gegen die positiven Ziele von Wikileaks instrumentalisiert werden: »As we have already seen there is a fracture amongst the followers because of a belief that Julien [sic!] is going astray from the cause and has selected his own mission of attacking the US.«

     

    Auch prominente Assange-Unterstützer, wie der liberale Blogger Glenn Greenwald, sind den Sicherheitsexperten ein Dorn im Auge. Schmutzkampagnen sollen sie von einer weiteren Zusammenarbeit mit Wikileaks abhalten: »It is this level of support we need to attack. These are established proffessionals [sic!] that have a liberal bent, but ultimately most of them if pushed will choose professional preservation over cause, such is the mentality of most business professionals. Without the support of people like Greenwald wikileaks would fold.«

     

    Weitere Aktionen der Sicherheitsfirmen sollten Gegner der US-Handelskammer, wie beispielsweise Gewerkschaften und ihre Vertreter, sabotieren und mundtot machen. All diese Veröffentlichungen sorgten für einen Eklat in der US-amerikanischen Innenpolitik. Nicht so sehr, weil sie existieren, sondern deshalb, weil diese Form von Sabotage, die ursprünglich für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus entwickelt wurde, sich nun nach innen wendet. Noch heute findet sich auf der Webseite von HBGary ein Abschnitt über »Gefahren im Zeitalter von Wikileaks« – zugänglich jedoch nur für staatliche Stellen und Strafverfolgungsbehörden.

     

    Die Publikation geheimer Dokumente mag in vielen Fällen ein Korrektiv für dubiose Handlungen sein. Wie dargestellt fördert dieses Vorgehen allerdings auch verstärkte Abschottungsmaßnahmen, Untergrundaktionen und Verschleierung auf der Gegenseite. Entsteht hier ein neues, schlimmstenfalls geheimes, »Wettrüsten« zwischen Whistleblowern und staatlichen und wirtschaftlichen Protagonisten? Wer sind die Leidtragenden dieser Entwicklung? Informanten, wie Bradley Manning, dessen Tat aller Voraussicht nach sein Leben zerstören wird? Oder gar jeder von uns, der mit den Auswirkungen des offenen oder verdeckten »Countermeasures« leben müssen wird. Einen Vorgeschmack darauf geben aktuelle Debatten über die Einschränkung der Pressefreiheit, die nicht zufällig im Zusammenhang mit Wikileaks geführt werden.

     

    Über dem Zenit?

    Die katastrophale Datenpanne, die Festsetzung Assanges im Dezember 2010 in Großbritannien und der zeitweise Boykott von Wikileaks durch Unternehmen wie Amazon, Visa, PayPal und Mastercard, lassen die Zukunft von Wikileaks im Ungewissen. Möglicherweise werden Informanten sich von einer Veröffentlichungsplattform abwenden, die anscheinend nicht in der Lage ist, Informationsquellen effektiv zu schützen.

     

    Diese Ereignisse werfen auch ein grelles Licht auf die Schattenseiten prominenter Köpfe wie Julian Assange. Zwar besitzen sie ein enormes Mobilisierungspotential, aber auf der anderen Seite sind sie durch ihre exponierte Position überaus angreifbar. Auch die Infrastruktur, auf der diese Organisationen aufbauen, kann durch konzertierte Aktionen empfindlich beeinflusst werden. Es scheint, als sei die Halbwertszeit charismatischer Führungspersönlichkeiten besonders kurz.

     

    Das belegt eindrucksvoll das juristische Tauziehen um angebliche sexuelle Belästigungen, in das Assange verstrickt ist. Was von vielen seiner Anhänger zunächst als abgekartetes Verschwörungsspiel ausgemacht wurde, hat sich zu einer veritablen publizistischen Schlammschlacht ausgeweitet. Selbst dann, wenn ein mögliches Verfahren letztlich zu Assanges Gunsten entschieden werden sollte – ein schaler Nachgeschmack wird bleiben. Aber auch aus eigenen Reihen gerät Assange massiv unter Druck. Anschuldigungen von ehemaligen Weggefährten, wie Domscheit-Berg, haben tiefe Schrammen in Assanges funkelndem Image hinterlassen. Im Zuge des Datenskandals kündigten erste institutionelle Mitstreiter die Zusammenarbeit mit Wikileaks auf: So distanzierte sich die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) von Wikileaks und löschte ihre WL-Spiegelwebseite. Zwar sei, laut ROG, noch nicht bekannt, dass durch die Veröffentlichungen Personen in Gefahr gebracht worden seien. »Dennoch dürften die möglichen Auswirkungen auf das Alltagsleben von Informanten, wie Kündigung ihres Arbeitsplatzes, körperliche Angriffe und andere Vergeltungsmaßnahmen, nicht vernachlässigt werden« gibt ROG zu bedenken.

     

    © Wikileaks © Wikileaks

    Quo vadis Whistleblowing?

    Die eingangs erwähnten internen Protokolle der Bank of America, die Assange mehrfach als nächsten Scoop angekündigt hatte, gelangen dann doch noch in die Öffentlichkeit. Nicht durch Wikileaks, sondern durch die berüchtigten Hacker von Anonymous; die ihre Aktion, ganz programmatisch und mit einem Seitenhieb auf den großen Börsencrash von 1987 »Black Monday« taufen. Allerdings stellte sich die Brisanz der Dokumente als relativ gering heraus. Zu komplex ist die Materie, als dass sie sich in den Nachrichten ausschlachten ließe – und zu gering ist der Sensationswert über krumme Immobilengeschäfte einer Bank.

     

    Möglicherweise erklärt sich aus diesen Punkten das Desinteresse von Wikileaks, die Dokumente zu veröffentlichen. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen könnte: Parmy Olson, Redakteurin der Zeitschrift Forbes stellt fest, dass Wikileaks hier auf ureigenstem Terrain geschlagen wurde. Interessantes Material sei in Zukunft möglicherweise bei den »Hacktivisten« von Anonymous besser aufgehoben, als bei Wikileaks. Denn die Natur von jenen sei »global, fluid, intelligent« und, aufgrund der Absenz von jedwedem »Führungspersonal«, »impossible to pin down.« Neben diesen strukturellen Besonderheiten ist Anonymous frei von ideologischen Weltverbesserungsattitüden. Zwar werden verschiedene Aktionen, die sich beispielsweise gegen Scientology richten oder für die Freilassung von Bradlex Manning einsetzen, gern mit moralinsauren Standpunkten und furiosem Eifer vertreten. Diese werden jedoch auch oft genug durch hanebüchene, teilweise weit jenseits aller Geschmacksnorm liegenden Aktionen konterkariert. Ein gemeinsames Ziel? Eine Agenda? Fehlanzeige. Man engagiert sich, wenn man es für richtig und angebracht hält. Notfalls einfach »for the lulz«.

     

    Neben diesem wild wuchernden Aufdeckungsaktivismus gründen sich im Fahrwasser der Wikileaks-Hypes weitere Organisationen mit aufklärerischem Anspruch. Wie zum Beispiel: »Openleaks«, entworfen von Daniel Domscheit-Berg, der sich vor Kurzem öffentlichkeitswirksam mit dem einflussreichen Chaos Computer Club überworfen hat und dadurch ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist. Wie schlagkräftig seine Whistleblowing-Plattform im Schatten des Wikileaks-Skandals werden kann, steht jedoch in den Sternen; denn auch hier geht der Anspruch über »Öffentlichkeit herstellen« noch nicht hinaus. Ob sich zukünftige Veröffentlichungen in einen zielgerichteten Zusammenhang bringen lassen, oder ob sie lediglich Material für den nächsten Medienhype und somit und isoliertes Stückwerk bleiben, ist somit unklar. Ebenso unklar, wie die Zukunft des institutionalisierten Whistleblowings, dessen Ziele sich im Nebel von ideologischer Vereinnahmung, persönlicher Eitelkeiten der Protagonisten und Gegenmaßnahmen der Betroffenen verlieren.

     

    ¹ Die Zitate aus den geleakten E-Mails wurden unverändert im Wortlaut – inklusive aller Fehler übernommen.

    Titelfoto: ©Herder3

     

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