Man tut sich hierzulande schwer mit der Unterscheidung von Ursache und Wirkung, mit der Abgeltung begangenen Unrechts. Wenn gelegentlich »tätige Reue« gerühmt wird, so gleicht das der Verleihung eines Preises an einen Dieb als Belohnung dafür, dass er das Diebesgut zurückerstattet hat. Wann hätte man gehört, dass die Profiteure des Unrechts dessen Opfer von sich aus entschädigt hätten, ohne dazu – vor allem durch die öffentliche Meinung im Ausland – gezwungen zu sein? Wer Vorteile daraus bezieht, dass andere ermordet, verfolgt, diskriminiert werden, findet stets Gründe, sein Handeln positiv zu bewerten. Deshalb ist es vergebliche Liebesmüh, die Vorteilsnehmer durch Argumente von ihrer Schuld überzeugen zu wollen. Sie fühlen sich im Recht und genießen weiterhin die Folgen ihrer Schandtaten.
Das Alibi liefern ihnen die Schuldlosen. Zum Beispiel der damalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky, Sohn eines antifaschistischen Arbeiters, der 1991 (!) als erster offizieller Vertreter Österreichs die Mitschuld von Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus eingestanden hat. Zum Beispiel Willy Brandt und sein Kniefall im Warschauer Ghetto. Er hat stellvertretend für die Reulosen eine unvergessene Geste vollzogen. An Festtagen wird daran erinnert. Am Stammtisch abends lachen diejenigen, deren Schuld Willy Brandt auf sich genommen hat.

