• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 21:07

    Die Facebook-Essays - Teil 3

    08.11.2010

    Das Jahr, in dem ich nirgendwo war

    Daheim im Dorf sehe ich jeden Tag dieselben vier Gesichter ... plus 250 »Freunde« auf Facebook.

     

    TITEL präsentiert bis zum Erscheinen des Bandes Statusmeldungen aus dem Blumenkamp Verlag am 15. November wöchentlich und exklusiv einen Essay. Den dritten Teil der kleinen Reihe bestreitet heute STEFAN MESCH.

     

    [Freunde bei Facebook (17. März 2010): 247. Einziger Freund, der auf HipHop-Clips verlinkt: Frithjof. Einziger Freund, der über Arbeitslosigkeit spricht: S. Einzige Väter in meinem Alter: Timo, Thomas und Frank. Einzige gläubige Christen: Mareike, Christian und Annika. Gläubige Muslime: 0. Freunde ohne Abitur: 4. Lesbische Freundinnen: 4. Schwule Freunde: 12. Freunde unter 20: 3. Freunde, die nie in Deutschland lebten: 11. Freunde mit eigenen Büchern: 21. Freunde, die »was mit Medien« machen: mehr als zwei Drittel. Freunde, die keine Einzelpersonen sind, sondern Zeitschriften, Verlage, Firmen: 22. Freunde, in die ich verliebt war: 5. Freunde, denen ich nicht vertraue: 17.]

     

    Ich bin kein Fan von Poesiealben und Klassentreffen, von Weihnachtskarten oder flachen Rundmails an vergessene Bekannte: 2005, in einer Episode von Veronica Mars, klickte ein High-School-Mädchen auf ihrer MySpace-Seite hin und her und wartete auf den Moment, in dem sie endlich ihren eintausendsten (!) »Freund« begrüßen konnte, aber für mich war MySpace nur der virtuelle Bahnhofsvorplatz der Nullerjahre: Ein paar Leute machten dort Musik, aber der große Rest lungerte gelangweilt herum. US-Kids zeigten animierte Gifs von Hamstern, Eminems und Pokémons. Finnische Bands verschenkten MP3s. Und ein paar (wenige) deutsche Pausenhof-Checker luden dunkle Videos hoch, in denen viel gegrölt und viel gesoffen wurde. Wenn einer meiner Freunde MySpace beitrat, fragte ich »Was willst du da?« im selben Tonfall, als hätte er gefragt, ob wir den Samstagabend am Nachtschalter der Tankstelle verbringen wollen, mit einer Flasche Apfelkorn, »Nur mal so kucken, wen wir da treffen!«

     

    [Freunde mit MySpace-Account: 11. Freundinnen mit MySpace-Account: 3. Künstler und Musiker: 4. Tag, an dem ich die Seite erstmals sah: Anfang April 2005. Tag, an dem ich zum ersten Mal von StudiVZ hörte: Anfang September 2006. Tag, an dem ich StudiVZ beitrat: 28. Januar 2007.]

     

    StudiVZ gefiel mir nicht: Das bürokratische »Verzeichnis« im Titel, die Idee, sich »eintragen« zu müssen, die technischen Beschränkungen – Nachrichten nicht via E-Mail lesen, sondern nur innerhalb der Seite; keine Fotos von Freunden speichern – , dazu das penetrante Duzen: »Wir« suchen Amateurmodels für Unterwäsche-Fotos, »wir« suchen die auf einem Sommerfest in Trier spurlos verschwundene Studentin Tanja, »wir« suchen Mitglieder für Kommissionen für die Diskussion zu Abstimmungen einer »Ethik« im »VZ-Verhaltenskodex« (... und uns ist Datenschutz trotzdem egal!) ... es gab »Sprüche«, »Gedanken« und »Profile des Tages«, überall rührte eine Agenda, ein forciert bündischer Duktus, ein penetrantes Wir-Gefühl: Die Seite kumpelte mich an wie ein gespielt jovialer Lehrer auf der SMV-Tagung. StudiVZ? Ein Ort für Klassensprecher, steif und gezwungen. Institutionell.

     

    [Freunde auf StudiVZ: 139. Peinliche Grundschulkameraden / Nachbarn / Gestalten von früher, die ich nicht wiedersehen will: 12. Letzte Profiländerung: April 2009.]

     

    Facebook ist kein Stück weniger gerissen oder demagogisch – aber ich kann die Seite öffnen, ohne mich dafür zu schämen, überhaupt hier zu sein: schlichte Gestaltung, Profile aus der ganzen Welt, kleine Wortwechsel im Newsfeed, so zwanglos wie auf einer großen, sehr entspannten Party. Die »Neuigkeiten« bei Facebook sind ein Ort, an dem ich mich Gesprächen anschließen kann, ohne zudringlich zu wirken (anders als StudiVZ, wo ein Großteil der Dialoge in geschlossenen, oft dünkelhaften »Gruppen« geschah). Ich mag Partys. Ich mag Menschen. Ich mag Bibliotheken, Listen, Rankings. Ich mag Fundstücke, Kurioses und Querverweise. Und, ja: Ich mag Selbstdarstellung. Seit 2006 führt die Website last.fm Buch über die MP3s, die ich mir anhöre. Seit 2008 verwaltet die Website Goodreads ein »virtuelles Bücherregal«, auf dem ich einsortiere, was ich gerade lese und ob es mir gefällt. Beide Websites sind an mein Facebook-Profil geknüpft: Meine Freunde sehen, was ich höre und lese. Sie können mir Tipps geben und Fragen stellen. Jeder, der etwas sagen will, kann mich dort ansprechen.

     

    [Freunde, die ich im Hildesheimer Uni-Betrieb regelmäßig sah: etwa 120. Freunde, die ich im letzten Frühling in Toronto fand: etwa 15. Alte Schulfreunde, die ich daheim in der Provinz besuche, indem ich mit dem Auto drei, vier Ortschaften weiterfahre: 20. Einwohnerzahl des Ortes, aus dem ich komme: 1726. Freunde, die auch dort leben: 2. Tag, an dem ich mein Auto abmeldete, nach Hause zu meiner Mutter zog und im leerstehenden Haus meiner verstorbenen Großeltern mit der Arbeit an meiner Diplomarbeit, dem Romanprojekt Zimmer voller Freunde begann: 1. Mai 2009. Einzige Menschen, die ich seitdem regelmäßig sehe: meine Mutter, meine kleine Schwester und mein bester Freund, der mittlerweile eine gute Freundin von mir geheiratet hat. In Zahlen sind das: 4.]

     

    Als ich nach Hause zurückkehrte, fiel ich aus der Welt: Es ist kein metaphysisches und (fast) kein psychologisches Problem – es geht mir um Logistik. Morgens, um halb sieben, frühstücke ich mit meiner Mutter, dann fahre ich auf dem Fahrrad meiner kleinen Schwester – ich habe kein eigenes – durchs Neubauviertel runter in Richtung Hauptstraße. Ich klingle an der Tür des letzten Hauses vor den Feldern und der Rinderkoppel: Mein bester Freund ist Bankberater, er hat zwei Kinder, acht und zwei, und kaufte sich das Haus im letzten Frühling. Wir führen den Familienhund, einen Dalmatiner, um die Felder, und trinken einen Kaffee, solange im Kinderkanal Die Sendung mit dem Elefanten läuft. Dann fahre ich 200 Meter weiter, zum Haus meiner Großeltern, klappe den Laptop auf und schreibe, solange ich kann. Meistens bis 21 Uhr, manchmal auch ein, zwei Stunden länger. In den ersten neun Monaten habe ich 160 Seiten des Romans geschafft.

     

    [geplante Kapitel von Zimmer voller Freunde: 31. Davon beendet: 11. Nebenjobs, während ich schreibe: 3. Lektoratsgutachten für Klett-Cotta, Artikel für die ZEIT und Comic-Essays für den Tageesspiegel. Anzahl der Lektoratsgutachten (pro Jahr): etwa 10. Anzahl der ZEIT-Artikel (pro Jahr): etwa 12. Anzahl der Comic-Essays (pro Jahr): etwa 8. Eigenes Geld, das ich damit verdiene: beinahe genug, um meine Krankenversicherung und die Studiengebühren zu bezahlen. Einsparungen, indem ich Fahrrad fahre statt mein Auto anzumelden (pro Quartal): etwa 600 Euro. Person, die mir Geld für Lebensmittel zusteckt (jede Woche): meine Mutter. Person, die mich ansonsten über Wasser hält (seit gut acht Jahren): mein Vater.]

     

    Ich war noch nie so selbstbestimmt. Ich war noch nie so frei, allein für meine Ziele, meine Träume und Projekte zu arbeiten. Jeden Tag sitze ich zwischen zwölf und fünfzehn Stunden in einem großen, kargen, stillen Haus, allein. In einem guten Monat schaffe ich dabei gut 20 Seiten Text, 15 in einem schlechten. Es geht nie schneller, aber es geht voran, und jedes Mal, wenn mir Freundin Jule neue Artikel und Glossen über die »Generation Praktikum« schickt, »uns Krisenkinder« aus der »digitalen Boheme«, frage ich mich, ob ich dazu gehöre: Manchmal fühlt sich mein Alltag an wie ein Triumph. Ich schreibe ein Buch! Ich habe die Zeit, den Freiraum, einen passenden Ort und Eltern, die mich unterstützen! Ich habe großes Glück! (Nicht wahr? Nicht wahr?)

     

    [Bei Facebook poste ich: 1) welche Bücher und Comics ich gerade lese, via Goodreads; 2) welche Musik ich gerade höre, via last.fm; 3) welche Artikel ich veröffentliche, mit Links auf die entsprechenden Seiten; 4) interessante Fundstücke wie Kritiken, Essays und Interviews (etwa dreimal die Woche); 5) Links zu tagesaktuellem Quatsch, den ich spannend, witzig und sehenswert finde: ein ZDF-Auftritt von Melanie Safka, ein hübsches »Supergirl«-Cover, ein Datenschutz-Skandal an einer amerikanischen Highschool, eine Website über hässlich dekorierte Torten (ebenfalls: etwa dreimal pro Woche).]

     

    Ich schreibe auf dem Land, allein. Es gibt Wochen, in denen sich die Freelance-Aufträge so türmen, dass ich keine vernünftige Zeile Roman hinkriege. Dann wieder Wochen, in denen sich niemand meldet und ich Angst habe, die Leute bei der ZEIT, beim Tagesspiegel oder bei Klett-Cotta sind enttäuscht und haben mich, klammheimlich und diskret, einfach gekickt. »Und du studierst jetzt immer noch?«, fragte der Brautvater auf der Hochzeit meines Bruders. »Ich schreibe ein Buch«, erklärte ich. »Na ja«, lachte er, »mal sehen, wer sich das kaufen will!« – »Es geht um Jugendliche«, sagte ich, »Es ist kein kompliziertes Buch: Ich will, dass es auch Leute auf der Wiese eines Schwimmbads lesen. Nichts Kompliziertes!« – »Aha. Viel Glück dann!«, sagte er, und meine Mutter packte meinen Arm: »Stefan, die glauben doch eh schon alle, dass du nicht fähig bist, einen echten Beruf zu finden! Warum sagst du, du schreibst ein dummes Buch? Eines, das jeder hier versteht? Mein Sohn ist klug! Mein Sohn schreibt kluge Bücher – keine Schwimmbad-Lektüre!«

     

    [Meine fünf größten Ängste, seit ich hier lebe: 5) dass meine Hildesheimer Professoren und Prüfer denken, ich wäre desertiert und würde mir in der Provinz ein schönes Leben machen; 4) dass meine Hildesheimer Freunde sauer sind, weil ich mich nur kursorisch melde; 3) dass meine Freunde hier, in der Provinz, beleidigt sind, dass ich am Wochenende arbeite statt meine Mutter anzubetteln, mich mit dem Auto vier, fünf Ortschaften zu fahren, damit wir Kaffee trinken und von früher schwärmen können; 2) dass mein Vater vor meinem Bücherregal stehen bleibt und begreift, dass ich den Großteil seines Geldes in immer neue Bücher umsetze; 1) dass ich, nicht literarisch, aber biografisch, auf einem fürchterlichen Holzweg bin, solange ich jeden Tag so lebe, dass mir am Ende zwar ein Manuskript, aber keine Abwechslung, nicht eine scharf kontruierte Erinnerung an diese Monate bleiben – nur ein Manuskript.]

     

    »Manchmal dient Facebook auch der Selbstvergewisserung und Rechtfertigung«, schreibt Jule, aber für mich trifft das die Hauptfunktion: Ich brauche mein Netzwerk wie ein Gestrandeter einen Spiegel braucht oder einen Volleyball, mit dem er Selbstgespräche führt, als Kanal in eine Welt, die mich nicht nur als Sohn und/oder alten Freund wahrnimmt, sondern als Kritiker, als Leser und Schreiber, als Spinner, Geek, Experte; ich brauche Leute, die meine Leidenschaften teilen, die »was mit Büchern« machen, die sagen »Alles Gute! Gib dein Bestes!« und nicht »Oh je! Glaubst du, ein Buch ist eine wirtschaftliche Zukunft? Kannst du kein echtes Geld verdienen, wie alle anderen auch? Was denken deine Eltern? Schämen sie sich für dich?«

     

    [Sechs kritische Facebook-Momente: 6) Paula, die sich die Fotos aus meinem Schreib-Haus ansieht und fragt, ob ich die alten Möbel dort noch brauche oder sie kommen und sich ein paar Sessel holen kann; 5) Helga, die (spöttisch? missbilligend? einfach nur neugierig?) auf meiner Pinnwand schreibt, dass ich ja »einen Haufen Comics« lese; 4) Doris, die (gutmütig – aber das weiß ich erst, nachdem wir längere Erklärungs- und Rechtfertigungsmails gewechselt haben) stichelt: »Scheisse. Ich hab vergessen, meine eigenen ZEIT-Artikel hier bei Facebook einzutragen. Ich dachte immer, für sowas gäbe es Xing. Ich muss wohl noch viel lernen.«; 3) ein alter Freund aus Hildesheim, der fragt: »Don’t you get tired of advertising yourself?«; 2) Lino, der witzelt, mein Haus würde »rocken«, »besonders die Wachstischdecke!«, und meine Mutter, die, gekränkt und grammatikalisch abenteuerlich, auf meine Pinnwand schreibt: »Die Wachstischdecke gehört einfach dazu! In diesem Kleinod, unserer Villa, wurden schon viele Stühle besetzt! Einem jungen Autor diese Möglichkeit zu öffnen, noch dazu meinem Sohn, erfüllt mich mit Stolz! Auch eine meiner Liebsten, Isabell Allende, fing an einem 8. Januar mit Das Geisterhaus an!«; 1) eine Freundin, die mein Status-Update »Endlich fertig mit Kapitel 10! Seite 143 jetzt.« kommentiert mit: »Hat lange genug gedauert!« und lacht, als ich den Kommentar gleich lösche: »Du bist ja paranoid, Stefan! Wen interessiert es denn, wie schnell du schreibst? Hast du Komplexe?«]

     

    Wahrscheinlich wird es leichter, wenn das Buch fertig und verkauft ist. Wahrscheinlich wird es leichter, wenn ich mich, um zu tun, was ich tun will, nicht mehr von meinen Eltern finanzieren lasse. Doch bis ich fertig bin, habe ich Freunde, die mich belächeln, Freunde, die mich beneiden, Freunde, die mich für faul und unreif halten und Freunde, die die Augen verdrehen und sagen, sie würden durchdrehen, an meiner Stelle. Bei Facebook gibt es immer jemanden, der den »Gefällt mir«-Daumen drückt. Aber auch immer Stichler, Nörgler und Personen, die jede Prahlerei und Lüge gleich, ganz öffentlich, entlarven wollen.

     

    [Sehr peinlich der Moment, als Jule nach Jahren des Aufschiebens stolz auf ihre Pinnwand schreibt: »Jule D. Körber hat gerade wahrscheinlich den Meschesken Rekord im Zu-spät-Abliefern von Rezensionen für Literaturkritik.de gebrochen: ›Vergabedatum: 20.08.2007. Verstrichene Tage: 786.‹ Endlich fertig!«. So konnten 150 Jule-Freunde lesen, dass ich selbst ein noch schlimmerer Aufschieber bin. Ich kommentierte also schnell: »2007, als ich mit Rauchen aufhörte, hatte ich die nächsten anderthalb Jahre lang aber auch WIRKLICH keinen Nerv, eine Rezension zu dem Buch Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft zu schreiben!«, drücke »Senden« und merke dann: Viele unserer gemeinsamen Freunde wissen, dass es noch sechs, sieben andere Bücher gibt, die ich seit Jahren aufschiebe – nicht nur das Raucher-Buch. Und deshalb kann gleich jemand – ein bisschen neunmalklug, ein bisschen augenzwinkernd, ein bisschen denunziatorisch – rufen: »Du hast doch IMMER NOCH Kritiken ausstehen bei Literaturkritik.de, Stefan!« Wie eine Schulstunde im kommunistischen China: Die Gruppe kennt mich gut und lange. Ich übe öffentliche Selbstkritik – denn sonst übernehmen sie das für mich. »Es gibt immer noch Rezensionen, die ich schreiben muss, ja. Ignorieren hilft nicht«, schreibe ich auf Jules Pinnwand, um solchen Kritikern zuvorzukommen. Doch dann ärgere ich mich: Jetzt habe ich 150 Jule-Freunden öffentlich gesagt, ich sei unzuverlässig.]

     

    Zum Glück gibt es heimliche Filter auf Facebook. Ich habe eine Liste für Freunde, die kein Deutsch sprechen, damit ich deutsche Artikel verlinken kann, ohne damit Kanadier zu nerven. Ich habe Filter für alte Klassenkameraden, damit ich Hildesheim-Themen besprechen kann, ohne alle zu langweilen. Und ich habe die Liste »Outer Circle«: Dort stehen Leute, die ich seit fünf, zehn Jahren nicht mehr sah. Daneben Hildesheimer, die mich gern triezen, weit entfernte Bekannte und Leute, die noch ganz neu sind – nicht jeder kann gleich alles sehen, was auf meiner Pinnwand passiert. Im letzten Monat linkte ich Freund Fred eine Fotogalerie mit 200 Sorten japanischem KitKat auf seine Pinnwand. »Gefällt mir! Danke dafür«, schreibt er zurück. »Aber ich habe echt ein Problem damit, auf so etwas öffentlich zu antworten. Verstehst du das?« Das tue ich, ja.

     

    [Mich nerven Leute, die Zeit haben für »Farmville« und »Happy Aquarium«. Mich nerven junge Mütter, die sich auf ihrem Foto hinter den eigenen Kindern verstecken. Mich nerven alle Freunde, die täglich interessantere Dinge wissen / lesen / machen / finden und erleben als ich selbst, und alles einfach für sich behalten. Mich nervt Matthyas Jenny, Vater der Schweizer Schriftstellerin Zoë Jenny, weil er mit JEDEM Schreiber, den ich kenne, befreundet sein will, obwohl er keinen von uns kennt. Mich nerven Leute, die sich von 200 Leuten trösten lassen, dass sie einsam sind. Und mich nerven geheimnisvolle Posts wie: »... ist heute wieder SEHR begehrt! K. hat gemailt. Er sagt, mein Lebenslauf hat JEDEN in der Redaktion beeindruckt. Frankfurt, ich komme! YEAH!«]

     

    Ich bin Kritiker: Ich lese und verrate anderen, ob sich das Lesen lohnt. Ich bin Schreiber: Ich schreibe mit, was schreibenswert erscheint. Und ich mag Menschen, so viele, dass ich, ganz egal wo ich gerade bin, drei Dutzend andere Leute vermisse, weil sie in Hildesheim, in Kanada, in der Provinz zurückgelassen wurden. Natürlich geben mir die vielen Datenschutzdebatten und Skandale bei Facebook zu denken. Aber ich habe eine sehr viel weitere, offenere Auffassung davon, wie viel von mir ich Leuten zeigen will mit meiner Arbeit. »Don’t you get tired of advertising yourself?« Ganz ehrlich? Nein. Ich nehme es ernst und ich genieße es, für andere Leute ein Vorkoster, ein Reiseführer, ein Lehrer, Wächter und Coach zu sein. Und ich kann besser durch meine Tage kommen – noch ohne Einkommen, Verleger und beendetem Roman –, solange ich dabei in einem Hallraum stehe zwischen anderen, die meine Leidenschaften teilen. Ich könnte nicht mein Lebensglück und alle Euphorie und Stolz aus den (vier!) Menschen zapfen, die hier im Dorf hinter mir stehen. Ich mag sie sehr. Aber es reicht nicht. Ich will mehr hören. Ich will mehr sagen.

     

    Ich kaufe mir im Februar 2010, am Ende von Kapitel 11, (mit Papas Geld) ein Flugticket und gehe noch einmal für neun, zehn Wochen nach Toronto. Um etwas anderes zu sehen. Um Luft zu holen. Um in der Straßenbahn zu sitzen, statt mit dem Fahrrad auf dem Feldweg hin- und herzufahren. Zuhausefreundin Sassi hat kein Facebook-Profil. »Was soll ich da?«, fragt sie. »Die wichtigsten Leute sind alle hier, in der Region. Ich will sie sehen, nicht anstupsen!« Aber bevor ich fliege, schickt sie mir trotzdem eine Mail.

     

    [Sassi schreibt: »Wir sollten uns ein großes Haus mieten und beieinander sein und leben, leben, leben. Und rausgehen, wenn wir es brauchen. Und beieinander sein, wenn wir es brauchen. Wir sollten uns aufheitern und dabei helfen, den Fokus auf den wirklich wichtigen Dingen zu behalten, auf unseren Idealen. Wir sollten uns auseinandersetzen und uns auch mal den Kopf waschen, aber uns jeden Tag sagen, wie toll wir eigentlich sind – und dass die anderen die Wirrköpfe sind. Wir sollten uns gegenseitig prüfen, ob wir auch stets die nötige Selbstkritik und -reflexion an den Tag legen oder zu selbstüberzeugten Mikrokosmonauten mit Scheuklappen zu werden drohen, wir sollten uns diese Scheuklappen abreißen und uns ermuntern, der Realität zwar in die Augen zu schauen, aber niemals vor ihr zu kapitulieren oder uns assimilieren zu lassen, niemals! Wir sollten unser eigenes Gemüse anbauen und unsere eigenen Drogen. Wir sollten unsere Fehler gegenseitig ausgleichen und unsere Stärken bündeln. Und keiner von uns dürfte ein versteckter Nazi sein, der aufwiegt, wer wann wie viele Jahre in seinem Leben gearbeitet hat und damit mehr verdient als andere. Und wenn einer von uns in Toronto ein Buch schreiben will, dann sollen die anderen seine Zimmerpflanzen gießen, damit er jederzeit zurückkommen kann, ohne dass auch nur das Geringste kaputt gegangen ist.

    Ja, das wär’s.

    Genauso sollte es sein.

    HA!«]

     

    Schnüffler, stumme Accounts und »falsche« Freunde bei Facebook: 93. Echte Freunde bei Facebook: 41. Personen, die vielleicht echte Freunde werden, und die allein durch Facebook in der Nähe von mir bleiben, Teil meines Alltags sind: 58.

     

    Eine tröstliche Quote.

     

    Zu FACEBOOK ALS FORUM - ein Protokoll!

     


    Flattr this

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Vive Le Pop

    Pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum der gelungenen Compilation-Reihe gibt es die 7. Ausgabe von Le Pop. Die Reihe für frankophone Musikliebhaber ist ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Nachgereichtes Wunder

    Dank eines Deals der Künstlerin mit Domino Records bekommen nun auch hiesige Fans die Möglichkeit, dieses im Frühjahr erschienene ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Zum Ausklang

    Hier schließt sich der Kreis
    genießt sich (wer weiß)
    läuft jedenfalls heiß
    sein Leben als Preis

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vor den »Kindern des Olymp«

    Ein Mann, eine Frau und ein Hund entfernen sich nach hinten in die öde Landschaft eines Hafens. Es sind Bilder wie dieses, die die Magie einer Filmkunst prägen, die nahezu ausgestorben ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Vom Leben gezeichnet

    Der bei Avant erschienene Sammelband Lästermaul & Wohlstandskind beinhaltet die ersten 50 Episoden der ...

    Ein Igel erlebt sein blaues Wunder

    Neue Kartracer haben es nicht leicht. Auch nach 20 Jahren ist der Schatten der einstigen Genregröße Mario Kart so mächtig, dass sich jeder neue Titel einen Vergleich ...

    Auf die gute alte Rock-n-Roll-Freundschaft

    Will man Menschen, die noch nie einen Teil der Call-of-Duty-Reihe gespielt haben, das Spielerlebnis näher bringen, sollte man das Bild eines Menschen zeichnen, welcher von allen Seiten ...

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter