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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 15:52

    Das Tiroler ,,Sprachsalz" zum 8. Mal in Hall

    13.09.2010

    Von Butor zu Kreisler

    Ein Festivalbericht von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Vielfalt der Medien? Wie auf Befehl schrieben sie alle über Jonathan Franzens neuen Roman Freiheit, als dieser in die Buchhandlungen kam. Liegt es nur daran, dass er besonders dick ist? Oder will man die Blamage vergessen lassen, dass man Die Korrekturen einst vergleichsweise spät entdeckt hat? Das Repertoire der wahrgenommenen Bücher und Autoren ist eng, die Entdeckerfreude der Redaktionen gering, der Einsatz für noch wenig bekannte Schriftsteller verschwindend. Zunehmend bestimmen die Verlage und ihre Anzeigen, was überhaupt besprochen wird.

     

    Nicht so in Hall in Tirol. Hier herrschen noch demokratische Regeln, die Literatur nicht den Marktgesetzen unterwerfen. Es gilt als ausgemacht, dass man ein breites Publikum nur mit einer „interessanten Geschichte“, einer „spannenden Story“ anlocken könne. Aber es ist ja nicht wahr. Die Nonsensgedichte von Edward Lear oder Christian Morgenstern erlebten unzählige Auflagen, die Ursonate von Kurt Schwitters hat, auch vor einem unvorbereiteten Publikum, noch nie ihre Wirkung verfehlt, und der Erfolg von Thomas Bernhard beruht gewiss nicht auf der Originalität seiner Stoffe.

     

    Wenn es denn stimmte, dass nur das Narrativ attraktiv sein kann, dann wäre Literatur im engen Sinne verzichtbar. Denn „erzählen“ kann man mit dem Film oder mit einem Sachbuch ebenso. Was Literatur allein vermag, was sie von anderen Kommunikationsformen unterscheidet, ist der schöpferische Umgang mit Sprache, der diese überhaupt erst ins Bewusstsein bringt. Wo freilich Medien und Veranstaltungen immer wieder nur konventionell erzählende Literatur anbieten, wo eine Literaturkritik meint, sie hätte ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie einen Inhalt mit anderen, meist schlechteren Worten paraphrasiere, wird die Rede von der sprachorientierten Literatur als Minderheitensteckenpferd zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

     

    Leibhaftig erleben

    Umso verdienstvoller, dass sich das internationale Festival Sprachsalz von Hall in Tirol nun schon zum achten Mal dezidiert für eine Literatur einsetzt, bei der das Wie zumindest ebenso zählt wie das Was. Nur ein Banause kann annehmen, die Gestalt sei in der Literatur ein beliebig veränderbares Gefäß, in das man einen bestimmten Inhalt füllen könne. Dieses Missverständnis führt zu der grassierenden Mode der Adaptionen und Bearbeitungen. In Hall in Tirol dominiert eine Literatur, die nur als solche möglich ist, nicht als Verfilmung, nicht als Dramatisierung. Und siehe: das Publikum strömt herbei in die kleine Stadt östlich von Innsbruck. Dabei kann sich das Festival große Werbung nicht leisten, bei einem Budget von lächerlichen 70.000 Euro. So billig kommt keine andere Kunstform weg. Sprachsalz liefert das Gegenmodell zu marktschreierischen Großveranstaltungen. „Event“ ist es allenfalls in der ursprünglichen Bedeutung des englischen Worts: ein Ereignis eben.

     

    Denn wenn man fragt, welchen Vorzug ein Festival gegenüber dem übers Jahr verteilten Programm der Literaturhäuser, in Österreich namentlich der Wiener Alten Schmiede hat, ist es genau dies: Ins Literaturhaus geht man gemeinhin zur Lesung eines Autors, dessen Werk man bereits kennt und den man leibhaftig erleben möchte. Bei einem Festival begegnet man neben bekannten Autoren auch solchen, die man noch nicht bemerkt hatte, kann man also Entdeckungen machen.

     

    Auch die Tirolerin Erika Wimmer, die in ihren Romanen konventionell erzählt, überraschte mit einer Collage aus rhetorischen Fetzen zum Andreas-Hofer-Jubiläum im Jahr 2009 und demonstrierte damit, wie aus vorgefundenem Material Literatur wird, politisch und komisch zugleich. Hettie Jones, in ihrer Jugend von der Beat-Poetry geprägt, schreibt Lyrik und Prosa recht unterschiedlicher Art. Aber bei allen Texten macht sie plausibel, was die laute Lektüre von Literatur rechtfertigt: der Vortrag. Nicht immer scheint das Lesenden klar zu sein. Nicht jeder Autor ist sein bester Interpret, und nicht jeder Text gewinnt, wenn man ihn der stillen Lektüre entreißt.

     

    Franzobel, der einst mit experimenteller Literatur die Szene betrat, spielt virtuos auf diversen Stilrichtungen wie ein Einmannorchester auf mehreren Instrumenten. Er liebt den Kalauer und ist zur Zeit bei Texten angelangt, die sich nicht scheuen, die Grenze zum Blödeln, wie man es auf Schulschikursen betreibt, zu überschreiten

     

    Wie ein Konglomerat

    Daniel Kehlmann hält Georg Kreisler für den bedeutendsten lebenden deutschsprachigen Lyriker. Dieses Urteil muss man nicht teilen, um einzugestehen, dass er mit seinen Gedichten in strengem Metrum und mit Reimen einen eigenen Platz besetzt. Kreisler hadert immer wieder damit, dass er als Kabarettist gewürdigt wird und nicht als Komponist und Dichter. Aber er ist nun mal, auch wenn das seiner Selbsteinschätzung widerspricht, ein genialer Autor komischer Lieder und als solcher schon zu Lebzeiten ein Stück Kabarettgeschichte. Auch heute, im hohen Alter, liebt er noch die Pointe, arbeitet er mit Techniken der Komik, was gedanklichen Ernst nicht ausschließt. In seinen politischen wie ästhetischen Ansichten freilich ist Kreisler nicht eindeutig einzuordnen. Pazifismus steht neben Zivilisationskritik, Medien- und Kritikerschelte neben konservativer Avantgardefeindlichkeit. Im Übrigen ist Kreislers Absage an seine kabarettistische Vergangenheit ein wenig kokett. Seinen Vortrag  beendet er just mit jenem „Taubenvergiften“, mit dem er angeblich nicht identifiziert werden will.

     

    In der alten Wäscherei der psychiatrischen Klinik des Tiroler Landeskrankenhauses haben zwei progressive Chefärzte ein Kulturzentrum eingerichtet, in dem „ganz normale“ Bürger mit solchen, die nach den etablierten Maßstäben als krank gelten, zusammenkommen. Wer sagt denn, dass Ärzte nur an die Höhe der Honorare denken? Wenn sie es tun, dann verhalten auch sie sich nur nach den etablierten Normen unserer Gesellschaft. Umso mehr verdienen jene Achtung, die medizinische Ethik noch ernst nehmen.

     

    Hier in der Wäscherei, die ganz unzeitgemäß die Atmosphäre alternativer Treffpunkte atmet, lasen vor dicht gedrängtem Publikum Monika Helfer und John Wray, Erstere aus ihrem kürzlich erschienenen, rasch voranschreitenden Roman Bevor ich schlafen kann, der die Regel bestätigt, dass ein Unglück selten allein kommt, Letzterer aus Lowboy, der in deutscher Übersetzung Retter der Welt heißt. Dabei wurde sehr deutlich, dass es tatsächlich signifikante Unterschiede zwischen der europäischen und der amerikanischen Literatur gibt. Verglichen mit Monika Helfers komplexer Erzählweise, wirkte Wrays Roman mit seiner Distanzlosigkeit gegenüber der außerliterarischen Wirklichkeit fast ein wenig infantil, wie ein Konglomerat aus Erich Kästner und Forrest Gump. Den Zuhörern gefiel es. So sehr sind sie freilich noch nicht amerikanisiert, dass sie nicht auch Monika Helfer heftig applaudiert hätten.

     

    Prinzip und Überraschung

    Wer, wenn nicht er, stünde für die europäische Literatur (Amerikaner nennen das „Eurotrash“): Michel Butor. Sprachsalz-Programmierer Heinz D. Heisl hatte ihn sich schon lange als Gast gewünscht. Nun war diese lebende Legende tatsächlich in Hall, ein denkwürdiger Moment. Dichterlesungen sind stets auch Begegnungen mit einer Stimme, mit einer Sprechweise, mit einer Melodie. Michel Butor, der morgen, am 14. September, 84 Jahre alt wird, sieht mit seinem grauen Vollbart aus wie ein Weihnachtsmann, und man erwartet einen Bass, doch dann erklingt eine hohe, fast singende, fast jugendliche, keineswegs brüchige Stimme. Butors Debütroman Der Zeitplan ist 54 Jahre alt, aber er wirkt moderner als das Meiste, was heute geschrieben wird. Schon ein kurzer Auszug vermittelt die faszinierende Wirkung, die eine detailgenaue Beschreibung einer beängstigend ungreifbaren Welt vermittelt. Von Kafka hierher führt ein gerader Weg. Fantastik und minutiöser Realismus gehen bruchlos in einander über, und man kommt zur Überzeugung, dass unser Lebensgefühl sich seit 1956 kaum verändert hat.

     

    Sprachsalz hat das Prinzip, jeden Autor nur ein Mal einzuladen. Um dieses Prinzip unterlaufen zu können, lädt es in jedem Jahr zwei „Überraschungsgäste“ ein. Das sind Autoren, die hier schon erfolgreich gelesen haben und die man noch einmal zu Besuch haben wollte. Heuer waren das der Lyriker Michael Lentz und der Star vom Vorjahr, Gerhard Rühm. Auch diese beiden Dichter stecken das breite Spektrum des Haller Angebots noch einmal ab.

     

    Sprachsalz findet bei freiem Eintritt statt. Nur am Samstagabend gibt es ein kostenpflichtiges Abendessen mit Lesung zwischen den Gängen. Jenseits der geschmückten Tafeln, an denen die zahlenden und die eingeladenen Gäste sitzen, stehen Stühle für Interessierte, die das Geld für das Dinner nicht haben, die Lesungen aber hören wollen. Und da gerät auch Sprachsalz in die Falle der Ökonomie. Einerseits kann es auf die Einnahmen nicht verzichten, andererseits möchte es jene nicht aussperren, die sich den Zutritt nicht leisten können. Die Situation ist dennoch entwürdigend, demütigend für jene, die anderen beim essen zuschauen müssen, und peinlich für die Essenden. So bricht die Wirklichkeit doch in das Idyll ein. Es gilt Adornos viel zitierter Satz, wonach es kein richtiges Leben im falschen gebe.


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